Kursierendes Plakat des Vereins Berliner CSD wurde manipuliert
- Veröffentlicht am 28. Juli 2026 um 13:51
- Aktualisiert am 28. Juli 2026 um 16:45
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Judith KANTNER, AFP Deutschland
Am 25. Juli 2026 fuhr ein mutmaßlich islamistisch motivierter 21-Jähriger mit einem Auto in eine Menschenmenge, die am Christopher Street Day in Berlin teilnahm. Eine Frau starb, rund 30 Menschen wurden laut Medienberichten schwer verletzt. Nach dem Anschlag kursierte online ein angebliches Banner der CSD-Organisatoren, auf dem angeblich ein Slogan für Weltoffenheit sowie ein Bild des mutmaßlichen Täters abgebildet gewesen wären. AFP-Recherchen ergaben jedoch, dass das Bild des Banners mithilfe von Künstlicher Intelligenz manipuliert wurde: Das ursprünglich abgebildete Gesicht wurde durch ein Foto des mutmaßlichen Täters ersetzt.
In sozialen Medien herrscht große Bestürzung nach dem tödlichen Anschlag am Berliner Christopher Street Day (CSD) 2026. Nach einer Öffentlichkeitsfahndung nach dem Tatverdächtigen Abdul B. wurde er am 26. Juli 2026 in einer Kleingartensiedlung in Berlin-Spandau während eines Polizeieinsatzes erschossen. Der deutsche Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln war den Behörden als Angehöriger der islamistischen Szene bekannt. Am 28. Juli 2026 teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit, dass auf einem im Tatfahrzeug entdeckten Handy des Verdächtigen ein Bekennervideo gefunden worden sei. Ein Vermummter, bei dem es sich mutmaßlich um Abdul B. handle, leiste darin einen Treueschwur auf die verbotene Dschihadistenmiliz Islamischer Staat.
Online kritisierten viele das Vorgehen der Behörden, da der mutmaßliche Täter zuvor auf freiem Fuß war. Doch die Kritik trifft nicht nur die Behörden, manche Social-Media-Nutzerinnen und -Nutzer behaupteten, der Anschlag sei ein Produkt linker Politik. Einen Tag nach dem Anschlag kursierte online ein angebliches Banner des Vereins Berliner CSD mit der Aufschrift: "Wir wählen, damit Berlin weltoffen bleibt". Auf dem Banner wäre zudem ein Foto des mutmaßlichen Täters Abdul B. abgebildet gewesen. Ein Facebook-Nutzer, der das Bild dieses angeblich echten Banners am 26. Juli 2026 teilte, schrieb dazu: "Sieht man ja was dabei rauskommt."
Das Bild des angeblich echten Banners wurde auf anderen Plattformen wie Instagram und X weiter verbreitet. AFP-Recherchen ergaben allerdings, dass das Banner mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) manipuliert wurde.
Der österreichische Rechtsextremist Martin Sellner teilte einen Tag nach dem Anschlag auf X ein Bild eines weiteren gefälschten Plakats. "Neue Grünen Plakate sind schon raus", schrieb der Österreicher zu einem angeblich echten Wahlplakat der bayerischen Grünen-Partei mit dem Bild des mutmaßlichen Täters. Auf dem Plakat steht: "Mama, bitte wähl für mich!" Medienberichten geht die Partei nun gegen Sellner deswegen juristisch vor. Sellner griff mit seinem Post die Landtagswahl-Kampagne der Grünen aus dem Jahr 2023 auf, deren Plakate des Öfteren gefälscht wurden. AFP veröffentlichte dazu bereits einen Faktencheck.
Bild wurde mit OpenAI-Tools manipuliert
Mithilfe einer umgekehrten Bildsuche konnte AFP herausfinden, dass das kursierende Banner auf einer tatsächlichen Kampagne des Vereins Berliner CSD basiert. Mit der Kampagne "Haltung ist hot" warb die Organisation dafür, bei der kommenden Berlin-Wahl im September 2026 wählen zu gehen. "Diese Wahl entscheidet mit darüber, wie frei, sicher und sichtbar queeres Leben in unserer Stadt auch in Zukunft sein wird", heißt es dazu auf ihrer Website. Der Spruch auf dem kursierenden Bild ist identisch mit dem auf einem ihrer Kampagnen-Motive.
Auf eine Anfrage von AFP bestätigte Thomas Hoffmann, Vorstandsmitglied des Vereins Berliner CSD, am 27. Juli 2026, dass das Bild manipuliert wurde: "Auf dem Banner wurde das Gesicht der abgebildeten Person mit dem Gesicht des Täters getauscht." In der Antwort hieß es weiter: "Das originale Banner mit einem anderen Gesicht wurde im Bereich der Abschlusskundgebung am 24. und 25. Juli 2026 auf der Straße des 17. Juni in Berlin gezeigt." Laut Hoffmann wurden am 26. Juli 2026 alle Einrichtungen auf der Straße des 17. Juni vollständig abgebaut, darunter auch der Turm, an dem das tatsächliche Banner angebracht war. Zudem soll laut Angaben des Vereins das Banner bereits Tage vor dem Anschlag – damit auch vor den öffentlich bekannten Informationen über den mutmaßlichen Täter – produziert worden sein.
AFP analysierte das Bild mit dem KI-Erkennungstool von OpenAI, das für das menschliche Auge unsichtbare SynthID-Wasserzeichen in Bildern identifiziert, die mit Sofware von OpenAI wie etwa ChatGPT oder Codex generiert wurden. Das Ergebnis des Tools lautete: "Erstellt mit OpenAI-Tools."
Allerdings konnte das Tool keinen "C2PA" – einen digitalen Herkunftsnachweis – im Bild ausfindig machen, der zusätzliche Informationen zur Herkunft und Entstehung einer Datei enthält.
Bundesweite Trauer und Anteilnahme
Am Abend des 25. Juli 2026 wurde der CSD nach dem Anschlag abgebrochen und die Menschen vor Ort dazu aufgefordert, das Gelände zu verlassen. In einem offiziellen Statement des Vereins auf Instagram heißt es, dass sie kurz nach "22:00 über eine Gefahrenlage im Umfeld der Abschlusskundgebung des Berliner CSD informiert" wurden. Der Verein kündigte zudem auf Social Media an, dass weitere Veranstaltungen am Folgetag abgesagt wurden.
In mehreren Großstädten Deutschlands versammelten sich Menschen, um den Opfern des Anschlags zu gedenken. Laut Angaben der Polizei und von CSD-Vereinen gab es Mahnwachen und Spontandemonstrationen in Städten von Mainz in Rheinland-Pfalz über Erfurt in Thüringen bis ins sächsische Dresden. In Berlin wurde das Brandenburger Tor am Abend des 26. Juli 2026 in Regenbogenfarben und mit dem Schriftzug "Berlin, Stadt der Freiheit" angestrahlt. Laut Medienberichten versammelten sich für eine Trauerkundgebung vor dem Brandenburger Tor 8000 bis 10.000 Menschen.
Fazit: Nach einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag kursierte online ein angeblich echtes Banner des Berliner CSD mit einem Foto des Tatverdächtigen. Allerdings wurde das Bild mithilfe von KI manipuliert, wie eine Analyse ergab und ein Vorstandsmitglied des Vereins bestätigte.
Neue Informationen zu dem Ermittlungsstand im 1. Absatz sowie neue Informationen über das juristische Vorgehen gegen Martin Sellner im 4. Absatz hinzugefügtAi-Hinweise in Bild 2 und 3 hinzugefügt28. Juli 2026 Neue Informationen zu dem Ermittlungsstand im 1. Absatz sowie neue Informationen über das juristische Vorgehen gegen Martin Sellner im 4. Absatz hinzugefügt
28. Juli 2026 Ai-Hinweise in Bild 2 und 3 hinzugefügt
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