Video zeigt Protestaktion eines Metzgers in Israel, nicht Szene aus Gaza
- Veröffentlicht am 20. Juli 2026 um 14:26
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Judith KANTNER, AFP Deutschland
Seit dem Überfall der Hamas auf Israel im Oktober 2023 eskalierte die Gewalt im Nahen Osten. Vor diesem Hintergrund kursierte in sozialen Medien ein Video, das laut online verbreiteten Behauptungen Menschen aus Gaza zeigen soll, die "internationales Hilfsfleisch" auf die Straße werfen würden, da es in einem israelischen Lkw geliefert worden sei. Allerdings wurde dieses Video nicht in Gaza, sondern in einer nordisraelischen Stadt in Galiläa aufgenommen. Das Video zeigt Männer bei einer Protestaktion nach einer Schießerei in einer Metzgerei.
"Diese hungernden Gazaner werfen internationales Hilfsfleisch auf die Straße, nur weil es in israelischen Kühl-Lkw geliefert wurde", heißt es in der Postbeschreibung eines Videos, das am 10. Juli 2026 auf Facebook geteilt wurde. Darin sind Männer zu sehen, die aus dem Inneren eines Lkw Fleisch entnehmen, um es anschließend auf die Straße zu werfen. Ein Mann ruft etwas auf Arabisch und spricht dabei direkt in die Kamera; die Männer wirken aufgebracht. Die Kommentare unter dem Video sind gespalten: "Dann gebt ihnen halt nix zu fressen!!! Undank ist der Weltenlohn!!!", schrieb ein Nutzer. Ein anderer kommentierte: "Wird sicherlich auch vergiftet sein von Israel." Über 800 Mal wurde das Facebook-Video geteilt.
Die Behauptung verbreitete sich zu einem Zeitpunkt, an dem der Wiederaufbau des Gazastreifens international diskutiert wurde. Der Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 mit 1221 Toten und 251 verschleppten Geiseln löste den Krieg im Gazastreifen aus. Die folgende israelische Militäroffensive in dem Palästinensergebiet kostete nach Hamas-Angaben in zwei Jahren über 70.000 Palästinenserinnen und Palästinensern das Leben. Obwohl im Herbst 2025 eine Waffenruhe vereinbart wurde, kam es seither immer wieder zu Angriffen.
Mitte Juli 2026, neun Monate nach dem Inkrafttreten der Waffenruhe, stellte die EU-Kommission ein Hilfspaket von rund 884 Millionen Euro in Aussicht. Zu den vorrangigen Projekten zählen der Wiederaufbau der Wasserversorgung und der Abfallwirtschaft. Die EU-Außenminister übten abermals scharfe Kritik an der israelischen Siedlungspolitik im Westjordanland; eine Einigung bezüglich möglicher Sanktionen blieb jedoch aus.
Die Behauptung wurde auf mehreren Plattformen veröffentlicht und in verschiedenen Sprachen weiterverbreitet, darunter Englisch, Französisch und Spanisch. Sie ist jedoch falsch.
Video zeigt einen Protest in einer nordisraelischen Stadt
Mithilfe einer umgekehrten Bildsuche fand AFP arabische und israelische Medienberichte über eine Protestaktion vom 12. Juni 2026 in Kafr Kanna im Norden Israels. Den Medienberichten zufolge protestierten Mitarbeitende einer Metzgerei gegen die zunehmende Gewalt und Kriminalität in der Region, die zu einer Bedrohung für das Leben der Bürgerinnen und Bürger geworden sei. Laut einem Bericht von Ashams Radio, einem Medium mit Sitz in Nazareth, sei bei jenem Protest das kursierende Video entstanden. Auslöser des Protests sei eine Schießerei im Geschäft gewesen, bei der Anfang Juni 2026 ein Mitarbeiter verletzt worden sei.
AFP konnte mittels einer Geolokalisierung verifizieren, dass das kursierende Video tatsächlich vor der Metzgerei in Kafr Kanna aufgenommen wurde. In einem Video, das am 12. Juli 2026 auf Instagram gepostet wurde, ist die Szene aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Im Hintergrund des Videos ist die Front der Metzgerei sichtbar: Sie ist mit einer Holzfassade verkleidet und mit roten arabischen und hebräischen Schriftzeichen beschildert. Die Hausfassade im Clip ist identisch mit jener der Metzgerei, wie ein Bild zeigt, das am 19. Juni 2026 auf ihrem Instagram-Account gepostet wurde. In der Profilbeschreibung des Instagram-Accounts wurde zudem die Adresse der Metzgerei in Kafr Kanna hinterlegt.
Zudem ist in einem weiteren Social-Media-Video der Metzgerei, das am 13. März 2026 auf Facebook gepostet wurde, in der Spiegelung der Glastür die Front eines gegenüberliegenden Geschäfts erkennbar. Diese ähnelt der Fassade, die im Hintergrund des kursierenden Videos zu sehen ist.
Der Besitzer der Metzgerei, Maher Awawdeh, sprach mit AFP am 14. Juli 2026 über den Protest. Laut Awawdeh eröffneten am 6. Juni 2026 unbekannte Schützen Feuer in seiner Metzgerei und verletzten einen seiner Mitarbeiter. Aus diesem Grund entschied sich Awawdeh dazu, das Fleisch wegzuwerfen, um gegen die Gewalt der arabischen Gemeinschaft in Israel zu protestieren. Diese Angaben gehen auch aus den oben genannten Medienberichten hervor.
Kafr Kanna von hoher Kriminalität betroffen
Das Medium Times of Israel, mit Sitz in Jerusalem, beschäftigte sich in einer Reportage vom 22. Februar 2026 mit der hohen Kriminalitätsrate in Kafr Kanna. Laut der Reportage kam es in der Vergangenheit immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Familien Awawdeh und Tawa.
Awawdeh, der Inhaber der Metzgerei, erklärte gegenüber AFP, dass er persönlich in keinen Streit mit irgendjemandem verwickelt sei. Er beteuerte: "Das ist ein Problem, das eine ganze Gemeinschaft betrifft, die es verdient, sicher zu arbeiten, sicher zu leben und ihre Lebensgrundlagen vor den Folgen von Konflikten zu schützen, die nichts mit unschuldigen Menschen zu tun haben."
Das Video sei laut Awawdeh als Botschaft an die Angreifer gedacht gewesen, dass sein Unternehmen nicht als Verhandlungsmasse oder Einschüchterungsmittel missbraucht werde. Nachdem es große Aufmerksamkeit in sozialen Medien erlangt hatte und lokale Medien über den Protest berichtet hatten, traten die Schützen angeblich an Awawdeh heran, um sich zu entschuldigen. Dadurch konnte der Streit laut Awawdeh zwischen den beiden Parteien beendet werden.
AFP veröffentlichte mehrere Faktenchecks über Falschbehauptungen rund um den Nahostkonflikt.
Fazit: Online kursierte ein Video mit der Behauptung, dass es Männer aus Gaza zeigen würde, die "internationales Hilfsfleisch" auf die Straße werfen würden, da es in einem israelischen Lkw geliefert worden sei. Allerdings zeigt das Video eine Protestaktion eines Metzgers in der nordisraelischen Stadt Kafr Kanna, nachdem bei einer Schießerei ein Mitarbeiter der Metzgerei verletzt wurde.
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