Arbeitslose tendieren zur AfD, aber machen nicht 35 Prozent ihrer Wählerschaft aus
- Veröffentlicht am 17. Juli 2026 um 13:32
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Elena CRISAN, AFP Österreich
Seit Juli 2026 gelten in Deutschland angepasste Regeln für Arbeitslose. In diesem Zusammenhang wurde online behauptet, dass vor allem die Wählerschaft der AfD von staatlicher Unterstützung profitieren würde. Dazu hieß es fälschlich, 35 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler seien arbeitslos. Doch während Arbeitslose laut Untersuchungen dazu tendieren, Parteien wie die AfD oder Die Linke zu wählen, wird die Zahl der arbeitslosen AfD-Wählerschaft falsch interpretiert. Selbst wenn alle deutschen Arbeitslosen die AfD wählten, würden diese nicht 35 Prozent ihrer Wählerschaft ausmachen. Laut Fachleuten wird die AfD zunehmend von der Mittelschicht gewählt.
"Etwa 35% der AfD-Wähler ist arbeitslos und deswegen auf staatliche Unterstützung angewiesen", heißt es in einem Sharepic aus einem Facebook-Beitrag vom 6. Juni 2026, der über 1200 Mal geteilt wurde. "Die AfD will genau diese Unterstützungen streichen", steht weiter geschrieben. "Kann mir irgendeiner aus diesen 35% mal erklären, wieso sie kein Geld mehr bekommen wollen?", fragten Nutzerinnen und Nutzer auch auf X am 10. Juli 2026. Dieser Beitrag wurde mehr als 111.000 Mal angesehen.
Doch die Beiträge stellen das Wahlergebnis der Bundestagswahl im Jahr 2025, die Wählerschaft der Partei Alternative für Deutschland und das Wahlverhalten von Arbeitslosen verkürzt dar. Sowohl die Arbeitslosenstatistik als auch die Wahlforschung widersprechen der Annahme, dass die teils als rechtsextremistisch eingestufte AfD vorwiegend von Arbeitslosen gewählt wird, wie Expertinnen und Experten gegenüber AFP bestätigten.
Posts stellen Stimmenanteil von Arbeitslosen falsch dar
Als arbeitslos gilt, wer "beschäftigungslos ist, Arbeit sucht und dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht", wie ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit (BA) AFP am 14. Juli 2026 am Telefon erklärte. Zum Wahlverhalten von Arbeitslosen erhebe die BA "keine Daten".
Der Stimmenanteil von Arbeitslosen bei der Bundestagswahl 2025 für die AfD betrug 34 Prozent. Das zeigen Analysen vom Umfrageinstitut Infratest dimap für die ARD Stand 24. Februar 2025, dem Tag nach der Wahl. Stärkste Partei wurde damals die CDU mit 22,6 Prozent, gefolgt von der AfD mit 20,8 Prozent und der SPD mit 16,4 Prozent.
Der stellvertretende Direktor des Else-Frenkel-Brunswik-Instituts (EFBI) an der Universität Leipzig Johannes Kiess schrieb am 14. Juli 2026 an AFP, dass Arbeitslose nur "relativ kleine Teile" der Bevölkerung und Wählerschaft ausmachen. Entsprechend sehe es "nach viel" aus, wenn die AfD in dieser Gruppe "so viele abholt". Aber Kiess fügte hinzu: "Als Anteil der AfD-Wählerschaft insgesamt sollten Arbeitslose einen kleineren Teil ausmachen."
AFP-Rechnungen zeigten: Zum Zeitpunkt der Bundestagswahl 2025 waren 2.989.000 Menschen in Deutschland arbeitslos. Bei ihnen erreichte die AfD – wie bereits erwähnt – einen Stimmenanteil von 34 Prozent. Im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass etwa 35 Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler arbeitslos sind, wie online fälschlich behauptet wurde. Insgesamt waren bei der Wahl 60.510.631 Personen wahlberechtigt. Davon gaben 10.328.780 Menschen der AfD ihre Zweitstimme, die über die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag entscheidet. Das bedeutet: Selbst wenn jede arbeitslose Person in Deutschland ihre Stimme der AfD gegeben hätte, käme diese Gruppe auf nur 28,9 Prozent der Gesamtstimmen für die AfD.
Auch laut Politikwissenschaftler Aiko Wagner vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin gehe die online verbreitete Rechnung nicht auf. Dass jede arbeitslose Person in Deutschland die AfD gewählt hätte, war "ausweislich der Statistiken der ARD nicht der Fall", sagte Wagner am 14. Juli 2026 gegenüber AFP.
Inzwischen ist die Zustimmung für die AfD laut Umfragen je nach Befragungsinstitut auf bis zu 28,5 Prozent gestiegen. Trotzdem gibt es in Deutschland noch immer nicht genug Arbeitslose, damit die online geteilte Berechnung stimmen kann.
Es sei ein "klassischer Fehler" den Stimmenanteil von Arbeitslosen mit der Arbeitslosigkeit der AfD-Wählerschaft zu verwechseln, sagte Peter Matuschek, Co-Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Forsa, am 15. Juli 2026 im Gespräch mit AFP. Er bestätigte ebenfalls die Unrichtigkeit der online verbreiteten Behauptung.
Wie Arbeitslose tatsächlich wählen
Dass nur Randgruppen und Menschen mit finanziellen Problemen die AfD wählen würden, wie die Posts in sozialen Medien suggerieren, sei laut Matuschek ein Trugschluss. Die Wählerschaft der Partei sei vielmehr zunehmend "aus der Mittelschicht" und habe "politisch radikale Ansichten" und "pessimistische Wirtschaftserwartungen". Es gehe ihnen aber finanziell nicht zwangsläufig schlecht, so Matuschek. Vor allem die Themen "Zuwanderung" und "innere Sicherheit" spielten laut der erwähnten Nachwahlbefragung von Infratest dimap für die ARD eine Rolle.
Laut einer EFBI-Untersuchung aus dem Jahr 2025 waren zum Befragungszeitpunkt zehn Prozent der AfD-Wählerinnen und -Wähler "gerade von Arbeitslosigkeit betroffen". Damit genoss die AfD in dieser Gruppe die höchste Zustimmung. Die Daten suggerieren, dass Arbeitslose Die Linke am zweithäufigsten wählten. Der stellvertretende EFBI-Direktor Kiess erklärte AFP am 16. Juli 2026 schriftlich: "Arbeitslose tendieren mehr zu extrem rechten Parteien", was sich auch in anderen Ländern beobachten ließe.
Diese Gruppe würde auf den ersten Blick "gegen ihre (ökonomischen) Interessen" wählen. Das liege daran, dass die AfD "für Sozialabbau und für Härte gegen Schwächere" stehe. Doch die Wählerinnen und Wähler der AfD würden einen "psychologischen Nutzen aus der Identifikation mit dem autoritären, gegen Schwächere gerichteten Politikangebot" der Partei beziehen. "Dabei spielt auch die Enttäuschung mit demokratischen Parteien eine Rolle, die die harte Rhetorik gegen Arbeitslose und Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger ja selbst fahren", sagte Kiess.
Neue Grundsicherung seit Juli 2026 in Kraft
Die Position der AfD zum Thema Arbeitslosigkeit wird online ebenfalls thematisiert. Laut der irreführenden Behauptung soll die AfD staatliche Unterstützungen für Arbeitslose streichen wollen. Das trifft zumindest teilweise zu. Ein ersatzloses Streichen aller staatlichen Unterstützungen für Arbeitslose fordert die Partei in ihrem Wahlprogramm aus dem Jahr 2025 zwar nicht, wohl aber deutliche Einschränkungen: "Einen Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung soll nur haben, wer die Arbeitslosigkeit nicht selbst herbeigeführt hat." Wenn es nach der AfD geht, soll etwa auch das "Bürgergeld unattraktiver gemacht" und für Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft begrenzt werden. Der arbeits- und sozialpolitische Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion René Springer rief in der Vergangenheit dazu auf, das Bürgergeld abzuschaffen.
Seit Juli 2026 ist die von der Bundesregierung beschlossene Reform zur neuen Grundsicherung schrittweise in Kraft getreten. Diese Umgestaltung löst das bisherige Bürgergeld in seiner bisherigen Form ab. Damit sollen Arbeitslose laut der Bundesregierung schneller zu einem Job kommen. Verbände und Gewerkschaften kritisierten jedoch laut Medienberichten, dass die Reform Wohnungslosigkeit und Nachteile für Alleinerziehende nach sich ziehen könnte.
In einer Debatte zur Reform im Bundestag am 25. Juni 2026 forderte die AfD unter anderem eine Pflicht zu gemeinnütziger Arbeit für erwerbsfähige volljährige Leistungsberechtigte nach sechs Monaten Leistungsbezug.
AFP veröffentlichte mehrere Faktenchecks zum Thema Arbeitsmarkt.
Fazit: In sozialen Medien wurde behauptet, dass etwa 35 Prozent der Wählerinnen und Wähler der Partei Alternative für Deutschland arbeitslos seien. Das stimmt nicht: Tatsächlich betrug der Stimmenanteil der Arbeitslosen für die AfD bei der Bundestagswahl 2025 34 Prozent. Laut Fachleuten wird die Wählerschaft der Partei zudem falsch interpretiert. In Deutschland gibt es weniger Arbeitslose, als es für die online behaupteten 35 Prozent bräuchte.
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