Dieser Behauptung zum ökologischen Fußabdruck von Solarenergie fehlt wichtiger Kontext
- Veröffentlicht am 12. Juni 2026 um 17:44
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Elena CRISAN, AFP Österreich
Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden und setzt dabei stark auf erneuerbare Energien wie Sonne und Wind. In sozialen Medien wird jedoch behauptet, Solarenergie sei nicht klimafreundlich, da zentrale Bestandteile von Solarmodulen – also Silber, Aluminium und Polysilizium – nur mit hohem Einsatz fossiler Energieträger gewonnen werden könnten. LautExpertinnen und Experten fehlt es dieser Behauptung jedoch an Kontext. Der ökologische Fußabdruck von Solarenergie ist deutlich geringer als jener fossiler Energieträger.
"Der Bau einer Solaranlage mit einer Leistung von einem Gigawatt ist nicht 'sauber'", lautet ein X-Beitrag vom 3. Mai 2026. Der Nutzer führte aus, dass Solarenergie "mit einem enormen Aufwand an fossilen Energieträgern erzeugt werde". Dafür würden "etwa 18,5 Tonnen Silber, 3.400 Tonnen Polysilizium und mehr als 10.000 Tonnen Aluminium" benötigt werden, die wiederum unter hohem Energieaufwand abgebaut werden.
Zur Illustration wird ein Video verschiedener Solaranlagen geteilt. Auch Clips von Bergbau und Kohleproduktion sind zu sehen. Ein weiterer User kommentierte: "Die Herstellung und Entsorgung wird ja nie berücksichtigt, sonst ließe sich das Narrativ der sauberen Energie nicht aufrecht erhalten."
Die Behauptung wurde seit 2. Mai 2026 auf Telegram mehr als 20.000 Mal angesehen und kursierte auch schon im Jahr 2025 auf Facebook. Auf Englisch machte sie bereits im Februar 2026 online die Runde und wurde mehr als 86.000 Mal aufgerufen.
Silber, Aluminium und Polysilizium gelten im Abbau sowie in der Produktion als energieaufwändig. Doch der Behauptung fehlt wichtiger Kontext. Vergleichswerte wie beispielsweise die Energierücklaufzeit der Photovoltaik (PV) oder die laufende Energiezufuhr für fossile Kraftwerke werden ausgeblendet, wie Expertinnen und Experten gegenüber AFP erläuterten.
PV-Anlagen stoßen im Betrieb kein CO2 aus
Eine Solaranlage setzt sich aus wertvollen Rohstoffen zusammen. Der Rahmen besteht aus Aluminium, für die Kabelverbindungen wird Kupfer benötigt. Die Leiterbahnen bestehen aus Silber und die Solarzellen selbst aus Polysilizium.
Gabriele Eder, Expertin für Materialanalytik am Österreichischen Forschungs- und Prüfinstitut (OFI), sagte gegenüber AFP am 13. Mai 2026, dass die Mengenangaben für Silber, Aluminium und Polysilizium "annähernd stimmen" würden. Jedoch unterschlage die Behauptung in sozialen Medien den Ressourcenverbrauch anderer Energieerzeugungsanlagen.
CO2-Emissionen entstehen vor allem bei der Verbrennung fossiler Energieträger. CO2 steht für Kohlendioxid. Der CO2-Fußabdruck beschreibt die Emissionsbilanz von Energieträgern, Produkten sowie Unternehmen über den gesamten Lebenszyklus und wird dafür verwendet, um deren Beitrag zum Treibhauseffekt auszudrücken.
"Jedes Kraftwerk braucht Materialien", so OFI-Expertin Eder. Doch fossile Energiegewinnungsanlagen bräuchten einen zusätzlichen Treibstoff, "der ständig zugeführt werden muss und Emissionen verursacht". Matthias Futterlieb, Fachexperte für erneuerbare Energien am Umweltbundesamt (UBA), erklärte AFP am 6. Juni 2026, "dass Rohstoffe bei erneuerbaren Energien nur einmalig für den Bau von Stromerzeugungsanlagen benötigt werden, während bei fossilen Kraftwerken kontinuierlich Brennstoffe zugeführt werden müssen".
Futterlieb verwies auf Informationen des Weltklimarats (IPCC) auf Seite 539, wonach der Rohstoffbedarf für die Infrastruktur und die Lieferkette von Solaranlagen gering ausfällt. "Bei Photovoltaikanlagen gibt es lediglich Emissionen aus der sogenannten Vorkette", also während des Baus, der Wartung und bei der Entsorgung, erklärte Futterlieb.
Wovon der Energieaufwand in der Herstellung von PV-Modulen abhängt
Bei der Herstellung der PV-Module wird Energie eingesetzt. Diese fällt jedoch im Vergleich zu fossilen Energieträgern wie Braunkohle, Steinkohle und Erdgas gering aus. Das ist laut Fachleuten anhand der Einheit CO2-Äquivalent pro Kilowattstunde (kWh) abzulesen.
Das UBA gibt für Photovoltaik etwa 20 bis 50 Gramm CO2‑Äquivalent pro kWh über den gesamten Lebenszyklus an, wie Futterlieb bestätigte. Dazu zählen die Herstellung und die Entsorgung der PV-Anlagen. Während des Betriebs verursachen PV-Anlagen keine Emissionen, bestätigten mehrere Fachleute gegenüber AFP. Zum Vergleich beträgt das CO2‑Äquivalent pro kWh bei Erdgas 400 bis 500 Gramm.
Die Emissionen, die während der Herstellung von PV-Modulen anfallen, entstehen durch den Strom, der in der Produktion eingesetzt wird, erklärte Sebastian Nold, Teamleiter für technoökonomische und ökologische Analysen am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Deshalb hänge der CO2-Fußabdruck der Anlagen vom Strommix des Herstellungslandes ab.
Der Großteil der Solaranlagen in Deutschland stammt aus China, kritisierte der Experte. Diese würden mit "hohem fossilem Stromanteil gefertigt" werden, weil der chinesische Strommix "noch einen hohen Kohleanteil" habe, führte Nold aus. In PV-Modulen aus anderen Ländern, die diese hauptsächlich mit erneuerbaren Energien herstellen würden, stecke im Umkehrschluss entsprechend viel weniger CO2. Trotz allem reduzieren Solaranlagen "die CO2-Emissionen der erzeugten kWh Strom gegenüber der direkten fossilen Stromerzeugung um deutlich über 90 Prozent".
Vergleich von PV mit fossilen Energieträgern ist unverhältnismäßig
Bei Solarenergie sinke also der Emissionsfaktor, je länger die Anlage in Betrieb ist und somit je mehr Strom diese erzeugt, erklärte UBA-Experte Futterlieb. Im Vergleich dazu würden die CO2-Emissionen eines Kohlekraftwerks "direkt von der erzeugten Strommenge" abhängen. "Die Emissionen pro Kilowattstunde alleine aus der Brennstoffzufuhr sind bereits um ein Vielfaches höher als die Vorkettenemissionen erneuerbarer Stromerzeugung", so Futterlieb. "Würden nur die Emissionen und der Rohstoffeinsatz beim Bau eines Kohlekraftwerks betrachtet werden (nicht aber dessen Betrieb), sagt das im Ergebnis nichts aus", führte der Fachmann aus.
Auch die Hochrechnung von "18,5 Tonnen Silber, 3400 Tonnen Polysilizium und mehr als 10.000 Tonnen Aluminium" in den Posts in sozialen Medien sei laut Expertinnen und Experten wenig aussagekräftig. Bei einer Gigawattanlage – also dem online kursierenden Beispiel – erscheint der Ressourceneinsatz gigantisch. Dies muss jedoch ins richtige Verhältnis gesetzt werden. Laut UBA benötigt ein Solarpark in dieser Größe etwa die halbe Fläche des internationalen Flughafens Frankfurt am Main. Laut Eder entspreche diese Leistung "ungefähr dem Stromverbrauch von 250.000 bis 300.000 Haushalten in Österreich".
In Deutschland wurden Stand 12. Juni 2026 30,1 Prozent des Stroms durch Solarenergie produziert. Fossile Energieträger wie Kohle und Erdgas lieferten insgesamt knapp 30 Prozent des Stroms.
Die öffentliche Strom- und Wärmeerzeugung in Kraftwerken sowie Raffinerien trugen laut UBA erheblich zu den deutschen Treibhausgas-Emissionen im Jahr 2023 bei. Die CO2-Emissionen der fossilen Stromerzeugung schätzte das UBA im Jahr 2024 auf 160 Millionen Tonnen CO2.
Aufgrund des erheblichen CO2-Ausstoßes soll in Deutschland im Jahr 2038 das letzte Kohlekraftwerk geschlossen werden.
PV-Anlagen produzieren laut Fachleuten weitaus mehr Energie als sie verbrauchen
Laut dem ISE beträgt die Energierücklaufzeit von PV-Anlagen 1,28 Jahre, heißt es in einem Bericht vom Oktober 2025 auf Seite 38. "In diesem Zeitraum hat die Anlage die für ihre Herstellung, Betrieb und spätere Entsorgung benötigte Energie zurückgewonnen", erklärte Futterlieb. Die Lebensdauer der Module beträgt zwischen 25 und 30 Jahren. Werde der gesamte Lebenszyklus einer Solaranlage berücksichtigt, falle die Energie, die bei der Modulherstellung eingesetzt werde, laut Nold vom ISE "gering" aus.
Vergleichsweise könne sich "ein Kohlekraftwerk oder anderes fossiles Kraftwerk niemals energetisch amortisieren, weil für die Stromerzeugung kontinuierlich Brennstoff zugeführt werden muss", wie Futterlieb am 6. Juni 2026 schlussfolgerte.
Laut Futterlieb und Nold werden die Rohstoffe der PV-Anlagen am Lebensende größtenteils zurückgewonnen. Laut deutschen Vorgaben werden PV-Anlagen seit 2015 vom deutschen Elektrogesetz erfasst und müssen zu 80 Prozent recycelt werden. Tatsächlich würden in der Praxis bis zu 90 Prozent des Aluminiums recycelt werden. Insgesamt seien zwischen "85 und 95 Prozent der Materialmasse eines PV‑Systems heute recyclingfähig", sagte Nold.
Silber ist ein wertvoller Rohstoff, dessen Preis zuletzt stark anstieg, und das in aufwendigen Verfahren rückgewonnen werden kann. Aufgrund verbesserter Technik werden zudem kleinere Mengen von Silber und Polysilizium in den PV-Modulen benötigt.
Nold wies im Gespräch mit AFP zudem auf einen Bericht aus 2024 (Grafik auf Seite 21) hin, wonach der nach dem Recycling verbliebene Müll von PV-Anlagen um ein Vielfaches geringer als die Gesamtabfälle von Haushalten, Kohle oder Plastik ausfällt.
AFP überprüfte bereits mehrere Behauptungen zum Thema Solarenergie.
Fazit: In sozialen Medien wird immer wieder behauptet, dass Photovoltaik keine nachhaltige Energiequelle sei, weil Solarmodule aus großen Mengen an Silber, Polysilizium und Aluminium bestehen und in der Herstellung viel Energie verbrauchen würden. Doch der Behauptung fehlt wichtiger Kontext. Expertinnen und Experten erklärten, dass Photovoltaik im Vergleich zu fossilen Energieträgern umweltfreundlicher ist und im Betrieb kein Kohlendioxid ausstößt. Zudem würden die Anlagen großteils recycelt werden.
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