Diese Behauptung zu Bentley-Verkäufen in der Ukraine ist irreführend

Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs im Jahr 2022 verbreiten kremlfreundliche Social-Media-Accounts regelmäßig falsche oder irreführende Behauptungen über die Ukraine. Im März 2026 kursierten Postings, in denen behauptet wird, dass im Europavergleich in Kiew am dritthäufigsten Autos der Marke Bentley verkauft wurden. Als Beweis dafür verweisen die Postings darauf, dass die Bentley-Filiale in Kiew den dritten Preis bei den jährlichen Händlerauszeichnungen gewonnen habe. Der Autohersteller erklärte jedoch, dass die Verkaufsdaten absichtlich falsch interpretiert und dargestellt wurden. Bentley habe im Jahr 2025 in der Ukraine im Vergleich zu anderen Ländern nur sehr wenige Autos verkauft. 

"Da sind sie hin unsere Milliarden! Ausgerechnet Kiew hat den dritten Platz in Europa bei den Bentley-Verkäufen eingenommen", postete ein Facebook-User am 27. März 2026. Im Posting wird auf den Bentley-Regionaldirektor Richard Leopold verwiesen, der auch in den geteilten Fotos zu erkennen ist. Sie zeigen ihn, gemeinsam mit zwei weiteren in Anzügen gekleideten Männern, bei einer Preisverleihung. Diese Version dieser Behauptung wurde mehrfach auf verschiedenen Plattformen wie FacebookInstagram, X und Telegram geteilt.

Auch ein Sharepic wurde verbreitet, auf dem steht: "Bentley-Skandal! Platz 3 der Verkäufe in Kiew! Luxuswagen-Boom in der Krisenstadt!". Diese Nutzerin postete ebenfalls ein Video auf TiktokInstagram und Facebook, das Nutzer tausendfach teilten. In diesem Video sagt die Nutzerin: "Nur noch vor Kiew liegt Rotterdam und Padua, auf Platz drei eben Kiew, die haben dann am meisten Bentleys gekauft". Die Behauptung wurde in mehreren Sprachen verbreitet, darunter Slowakisch, Polnisch, Griechisch und Ungarisch

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Facebook-Screenshot der Behauptung, oranges Kreuz von AFP hinzugefügt: 9. April 2026

In vielen Kommentaren und Postings empören sich Nutzerinnen und Nutzer darüber, dass die Ukraine angeblich finanzielle Hilfen veruntreuen würde. Diese Empörung äußerte auch der deutsche AfD-Politiker Jens Cotta in einem Posting, das über tausend Mal geteilt wurde. Cotta teilte ein Bild von einem Online-Artikel, der dem österreichischen Blog "tkp" zuzuordnen ist. In der Vergangenheit veröffentlichte AFP bereits Faktenchecks, in denen Behauptungen widerlegt wurden, die durch den Blog verbreitet wurden. "Bentley Kiew erreicht dritten Platz unter den europäischen Händlern", heißt es im geteilten Bild. Cotta ging jedoch weiter und sprach sogar von der gesamten Welt: "Kiewer Händler belegten Platz 3 bei den weltweiten Bentley-Verkäufen. Sollte Urban (Orban, Anm. d. Red.) den 90 Milliardenkredit freigeben, schaffen sie vielleicht Platz 1".

Im Februar 2026 stimmte die Europäische Union für einen rechtlichen Rahmen, um der Ukraine einen Kredit in Höhe von 90 Milliarden Euro zu ermöglichen. Es ist naheliegend, dass Cotta in seinem Posting auf den ungarischen Regierungschef Viktor Orban verweisen will, der diesen Kredit blockiert. 

Die Behauptung wurde auch in einem vielfach geteilten Posting der prorussischen Publizistin Diana Panchenko geteilt. Panchenko wird von der Europäischen Union sanktioniert, da sie Nachrichtenformate nachahmt, um die Narrative des Kremls zu legitimieren. Ihr Posting wurde ebenfalls von Kirill Dmitrijew geteilt, einem Sonderbeauftragten des russischen Präsidenten und Teilnehmer an den Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine.

AFP-Recherchen zeigen allerdings, dass die kursierende Behauptung irreführend ist.

Ukraine mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert

Im Jahr 2021 – noch vor Beginn des russischen Angriffskriegs – wurde der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in den sogenannten "Pandora Papers" genannt, einer Recherche des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), die versteckte Vermögen in Offshore-Gesellschaften aufdeckte. Laut dem Bericht verfügt Selenskyj über Verbindungen zu einer Offshore-Gesellschaft in Belize, die für den Erwerb von drei Luxusimmobilien in London genutzt wurde. 

Im November 2025 deckte die ukrainische Antikorruptionsbehörde im Rahmen der Operation "Midas" weitverbreitete Korruption im vom Krieg gebeutelten Energiesektor in der Ukraine auf. Im Zuge von Razzien wurden große Geldsummen beschlagnahmt und mehrere Verdächtige festgenommen.

Ranking basiert nicht auf Verkaufszahlen

Viele dieser Postings verweisen auf ein Linkedin-Posting von Richard Leopold, dem Regionalchef von Bentley. Leopold veröffentlichte ein Posting anlässlich einer Verleihung, die in Spanien abgehalten wurde, bei der europäischen Bentley-Händlerinnen und Händlern Auszeichnungen verliehen wurden. 

Die Preisverleihung findet jedes Jahr unter den 62 europäischen Bentley-Händlern statt, wobei Auszeichnungen in sechs Kategorien vergeben werden. In der Spitzenkategorie "Best of the Best", deren Gewinnerinnen und Gewinner anhand verschiedener Kriterien wie "Umsatz, Rentabilität, Service-Treue und Kundenerlebnis" ermittelt werden, gewann der Händler in Padua den ersten Preis, gefolgt von Rotterdam auf dem zweiten Platz und Kiew auf dem dritten Platz. 

Zwar wollte Bentley keine genauen Zahlen zu den verkauften Modellen in den jeweiligen Regionen bekannt geben, allerdings wies Matthew Reed, Leiter der Unternehmenskommunikation, die kursierende Behauptung zurück. In einer E-Mail vom 27. März 2026 teilte Reed AFP mit, dass der Händler in Kiew nicht die dritthöchste Anzahl an verkauften Bentley-Autos in Europa verzeichnet habe. Auch Franziska Jostock, Leiterin der Kommunikationsabteilung für den Wirtschaftsraum Europa, Naher Osten und Afrika, erklärte in einer E-Mail vom 30. März 2026, dass die Beschreibung der Platzierung von Kiew im vergangenen Jahr als "dritter Platz in Bezug auf den Autoverkauf" ungenau und irreführend sei.

Im Juli 2019 eröffnete Bentley den ersten Ausstellungsraum in Kiew, der seither den einzigen Standort in der Ukraine darstellt, der Autos der Marke verkauft und wartet.

Ukraine auf Platz 23 im Europavergleich

Neben Audi, Lamborghini und Ducati ist die Luxusmarke Bentley Teil der Volkswagen Group (VAG), einem der größten Automobilhersteller weltweit. Seit dem Jahr 2021 fällt die Marke zudem unter die organisatorische Verantwortung von Audi.

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Dieses Bild, dass am 10. Januar 2023 in Paris aufgenommen wurde, zeigt das Logo der Britischen Automarke Bentley (AFP / Emmanuel DUNAND)

Laut einem Geschäftsbericht des Volkswagen-Konzerns wurden im Jahr 2025 weltweit 10.132 Autos der Marke Bentley verkauft. Dies entspricht einem Rückgang von 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (hier archiviert).

Aufgrund von Unternehmensrichtlinien veröffentlicht Bentley keine regionalen oder länderspezifischen Verkaufszahlen, allerdings berechnete die deutsche Marktforschungsgruppe Dataforce, dass Bentley im Jahr 2025 in 35 verschiedenen europäischen Ländern 2819 Fahrzeuge verkaufte. Dataforce zufolge stellten für die Luxusmarke die drei größten Märkte in Europa das Vereinigte Königreich mit 993 verkauften Autos dar, gefolgt von Deutschland mit 538 und den Niederlanden mit 185.

Im Europavergleich belegte die Ukraine mit 19 verkauften Fahrzeugen den 23. Platz. Dies teilte Dataforce AFP am 1. April 2026 per E-Mail mit. Zum Vergleich: In der Slowakei – deren Bevölkerungsgröße einem Siebtel der der Ukraine entspricht – wurden laut Dataforce-Berechnungen 20 Bentley-Autos verkauft. 

Diese Verkaufszahlen können zudem durch Daten des Ukrainischen Instituts für Automobilmarktforschung bestätigt werden. Den Statistiken des Instituts zufolge waren von den insgesamt 79.501 Neuwagen, die 2025 in der Ukraine verkauft wurden, nur 20 Bentleys. Die meistverkaufte Marke war das chinesische Unternehmen BYD mit insgesamt 9861 verkauften Einheiten, gefolgt von Toyota mit 9687 Fahrzeugen und Volkswagen mit 7398 Fahrzeugen.

"Die Behauptung, dass ein Bentley-Händler in Kiew angeblich die dritthöchste Anzahl an Fahrzeugen in Europa verkauft habe, ist nicht wahr und kann durch keinerlei Fakten gestützt werden", erklärte Stanislav Buchatskyi, Leiter des Ukrainischen Instituts für Automobilmarktforschung, gegenüber AFP am 27. März 2026.  

Volkswagen, die Muttergesellschaft von Bentley, hielt im Geschäftsbericht 2025 fest, dass im Jahr 2026 kein nennenswerter Anstieg von Autoverkäufen zu erwarten sei. Die allgemeinen Wachstumsaussichten "werden durch anhaltende geopolitische Spannungen und Konflikte belastet; Risiken ergeben sich insbesondere aus dem Russland-Ukraine-Konflikt und den Auseinandersetzungen im Nahen Osten", erklärte darin der Automobilhersteller. 

Weitere Faktencheck-Organisationen aus Tschechien, Polen sowie Bulgarien (hier und hier) haben ebenfalls auf die Verbreitung der irreführenden Behauptung über die Bentley-Verkaufszahlen in der Ukraine hingewiesen. Faktenchecks über kursierende Behauptungen über den Krieg in der Ukraine sammelt AFP auf der Website

Fazit: Die Behauptung, dass in Kiew die drittmeisten Bentleys in Europa verkauft wurden, basiert auf einer Fehlinterpretation eines Händler-Rankings und ist irreführend. Tatsächlich berücksichtigt die Auszeichnung mehrere Kriterien und nicht die Verkaufszahlen. Daten zeigen, dass in der Ukraine im Europavergleich nur sehr wenige Bentley-Fahrzeuge verkauft werden. 

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