Nein, dieser Biontech-Geschäftsbericht belegt keine Corona-Impfstoffforschung im Jahr 2019

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Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang Februar einen Post auf Facebook geteilt, der den Eindruck erweckt, Biontech hätte bereits vor Beginn der Corona-Pandemie mit der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes begonnen. Als Beweis soll der Geschäftsbericht des Unternehmens für 2019 dienen. Der Beitrag ist irreführend. Bei dem Bericht handelt sich um eine aktualisierte Version für eine Hauptversammlung aus dem Sommer 2020. Mit ersten Forschungen zum Coronavirus begann das Unternehmen im Januar 2020.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben Anfang Februar einen Beitrag auf Facebook (hier, hier, hier), Twitter und Telegram geteilt, der den Eindruck erweckt, das Pharmaunternehmen Biontech habe bereits 2019 mit der Entwicklung seines Impfstoffes gegen Covid-19 begonnen. AFP wurde zudem per E-Mail und WhatsApp auf die Beiträge hingewiesen.

Die irreführende Behauptung: In dem Postingtext heißt es über die Entwicklung des Corona-Impfstoffes, "manche Details" seien früher geschehen, "als der Rest der Welt davon wissen konnte". Der verlinkte Text verweist auf den Geschäftsbericht des Unternehmens für das Jahr 2019. Hier findet sich auf Seite sechs der Eintrag "BNT162*" gegen die Indikation "COVID-19". Biontech verfüge demzufolge "offenbar über gut informierte Wahrsager", behaupten die Postings.

Facebook-Screenshot der irreführenden Behauptung: 07.02.2022

Behauptungen über angebliches Geheimwissen über Covid-19 oder eine geplante Pandemie hat AFP bereits in der Vergangenheit überprüft: Etwa zu vermeintlichen Patenten auf Impfstoffe von 2015 oder zu angeblichen Pandemie-Plänen des Deutschen Bundestags seit 2012. Auch die Behauptung von den verfrühten Biontech-Impfstoffforschungen gehören in diese Reihe.

Chinesische Behörden hatten am 7. Januar 2020 das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 als Ursache für Fälle von Atemwegsinfektionen identifiziert. Zunächst verbreitete sich das Virus in China, breitete sich im Laufe des Jahres aber auf die gesamte Welt aus. Ende Januar gelang es chinesischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstmals, das Genom von Sars-CoV-2 zu entschlüsseln – eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung eines Impfstoffes. Am 11. März 2020 stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die pandemische Situation fest.

Der Biontech-Bericht

Der in dem Text verlinkte Geschäftsbericht für 2019 findet sich tatsächlich auf der Webseite des Mainzer Biotechnologieunternehmens. Seite sechs zeigt eine Auflistung der verschiedenen Biontech-Produkte aus dem Jahr 2019. Dort ist tatsächlich der Eintrag "BNT162* zu sehen, der den Corona-Impfstoff des Unternehmens beschreibt. Laut des Eintrags im Biontechbericht befand sich der Impfstoff in der ersten von drei klinischen Testphasen.

Ausschnitt des Biontech-Geschäftsberichts, Hervorhebungen durch AFP

Unter der Tabelle stehen allerdings Fußnoten zu einzelnen Einträgen. Hier findet sich auch das Sternchen (*) hinter dem Eintrag "BNT162*" wieder, im Bild rot hervorgehoben. Der Verweis ergänzt den Eintrag um eine zeitliche Einordnung: "* seit 2020", heißt es hier.

Aktualisierte Version des Geschäftsberichts vom Sommer 2020

Biontech-Sprecherin Jasmina Alatovic bestätigte per E-Mail am 4. Februar 2022 gegenüber AFP die Echtheit des Berichts. Für die ergänzte Fußnote im Geschäftsbericht hat sie eine Erklärung: Bei dem in sozialen Netzwerken kursierenden Geschäftsbericht handele es sich um eine aktualisierte Version vom Juni 2020. "Diese Ausgabe des Geschäftsberichts wurde für die Hauptversammlung zum Geschäftsjahr 2019 vorbereitet, die am 26. Juni 2020 stattgefunden hat", sagte Alatovic.

Die Angaben für die sich in der Entwicklung befindenden Arzneimittel bezögen sich daher auf den Stand im zweiten Quartal des Jahres 2020, sagte die Sprecherin, "was auch mit einem Vermerk auf das Jahr 2020 in der Tabelle gekennzeichnet wurde". Das Dokument sei ab Juni 2020 auf der Webseite von Biontech verfügbar gewesen. Ein Blick in die Dokumenteigenschaften des Berichts stimmt mit diesen Angaben überein. Das Dokument wurde am 23. Juni 2020 erstellt und zuletzt am 26. Juni 2020 geändert.

Die Biontech-Sprecherin erklärte weiter, der genannte Geschäftsbericht diene lediglich dazu, Investoren und Interessierten Informationen über den Geschäftsverlauf des vergangenen Jahres zu vermitteln. Der Teil, in dem die vermeintlich überführende Impfstoff-Angabe vorkommt, soll Investoren den aktuellen Stand der Forschung veranschaulichen.

Übliches Vorgehen

Dass eine solche Praxis im Umgang mit Geschäftsberichten üblich ist, bestätigten AFP zwei Experten für Betriebswirtschaftslehre unabhängig voneinander. Gunther Friedl, Professor für Controlling an der Technischen Universität München, sagte am 4. Februar 2022 in einem Telefoninterview: "Der Geschäftsbericht dient dazu, Investoren und anderen Stakeholdern einer Firma einen Überblick darüber zu geben, was im vergangenen Jahr passiert. Das Herzstück eines Geschäftsberichts ist der finanzielle Bericht, aus dem letztendlich die finanzielle Performance des Jahres hervorgeht. Allerdings hat er auch eine Sektion, in der gegebenenfalls relevante Ereignisse nach Abschluss des Geschäftsjahres behandelt werden."

Jannis Bischof, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Unternehmensrechnung an der Universität Mannheim, sagte am 7. Februar 2022 gegenüber AFP: "Die genannte Information stammt aus dem nicht regulierten Teil des Geschäftsberichtes, ist formal gar nicht Teil des Jahresabschlusses für 2019, der erst auf Seite 100 beginnt. Dieser ganz vordere Teil des Geschäftsberichtes ist letztlich reine Investorenwerbung. Hier ist es durchaus normal, dass über aktuelle Themen, hier eben auch aus der Zeit nach 2019, berichtet wird."

Ob und in welcher Form ein Unternehmen einen Geschäftsbericht vorlegen muss, hänge von der Größe und der Rechtsform der Firma ab, erklärte Gunther Friedl. "BioNTech ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft, die einen jährlichen Bericht erstellen und diesen spätestens drei Monate nach Ende des Geschäftsjahres vorlegen muss." Das Unternehmen vollzog im Oktober 2019 den Gang an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Seitdem ist es gesetzlich verpflichtet, seine jährlichen Geschäftsberichte bei der US-Börsenaufsichtsbehörde und nach deren Vorgaben einzureichen.

Genau das machte Biontech. Ein am 31. März 2020 bei der US-Börsenaufsicht eingereichter Geschäftsbericht für das Jahr 2019 zeigt ein früheres Entwicklungsstadium der Impfstoffforschung. Im Bericht auf Seite 84 ist eine ähnliche Übersicht wie im aktuell geteilten Bericht zu sehen, der Impfstoff befindet sich dort allerdings noch in der vorklinischen Phase.

Es gibt allerdings auch ältere Veröffentlichungen von Biontech aus dem Winter 2019, in dem Forschungen zum Coronavirus noch nicht vorkommen. In einer Pressemitteilung von Biontech zur Entwicklung des Unternehmens im dritten Quartal 2019 vom 14. November 2019 findet sich noch kein Eintrag zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffes.

Schnelle Entwicklung

Die Entwicklung seines Corona-Impfstoffes begann Biontech im Januar 2020, als die Gensequenz des neuen Virus entdeckt wurde. Die Webseite von Biontech beschreibt die Schritte des Projekt Lightspeed zur Impfstoffentwicklung genauer. Firmengründer "Ugur Sahin las eine Veröffentlichung im Lancet über ein neues Virus, das in der chinesischen Provinz Wuhan aufgetreten ist”, steht dort zum Startschuss im Januar 2020.

Im April 2020 genehmigte das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) den Beginn klinischer Studien, um den Impfstoff am Menschen zu testen. Im Oktober 2020 entschied sich die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) für ein sogenanntes Rolling-Review-Verfahren, bei dem einzelne Daten schon vorab vorgelegt werden können. Im Dezember 2020 erhielt der Impfstoff von Biontech eine bedingte Zulassung in der EU, im selben Monat startete in Deutschland die Impfkampagne.

Optimierte Abläufe wie das Rolling-Review-Verfahren und die Zusammenarbeit von Forschenden auf der ganzen Welt ermöglichten die besonders schnelle Entwicklung der Corona-Impfstoffe, ohne dabei Abstriche bei der Sicherheit machen zu müssen.

Fazit: Der Geschäftsbericht belegt nicht, dass das Unternehmen schon 2019 an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffes geforscht hat. Der Geschäftsbericht für das Jahr 2019 ist aus dem Kontext gerissen. Er zeigt eine überarbeitete und aktualisierte Version aus dem Juni 2020.

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