
Nein, in Mailand wurde kein Plakat von Selenskyj angebracht, der Geld schnupft
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- Veröffentlicht am 20. April 2023 um 12:18
- Aktualisiert am 20. April 2023 um 12:29
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Paula CABESCU, AFP Rumänien, AFP Deutschland
- Übersetzung: Saladin SALEM
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Das Video des angeblichen Selenskyj-Plakats wurde dutzende Male auf Facebook und Twitter geteilt. Auf Telegram sahen mehr als hunderttausend Menschen den Clip. Das Video wurde zudem auf Rumänisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Niederländisch und Bulgarisch geteilt.
Die Behauptung: "Mitten im Zentrum von Mailand wurde eine Plakatwand mit Zelensky installiert, der Spenden durch seine Nase aufsaugt", heißt es zu einem online kursierenden Video. Zu sehen sind Aufnahmen einer Werbetafel mit Selenskyjs Gesicht vor dem Mailänder Dom. Durch das abgebildete Nasenloch werden Geldscheine in die Tafel gesaugt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde in der Vergangenheit immer wieder zum Ziel von Gerüchten über einen angeblichen Kokain-Konsum, die bereits 2019 während seines Präsidentschaftswahlkampfes auftraten. Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022, kursieren die Behauptungen erneut und stützen kremlnahe Darstellungen, wonach die ukrainische Regierung eine "Horde von Drogensüchtigen" sei. AFP hat in der Vergangenheit mehrere derartige Behauptungen widerlegt (hier, hier).
Zuletzt widerlegte AFP im Februar 2023 Behauptungen, wonach die Stadt Mailand angeblich die Statue einer Nase mit einer Spur aus weißem Pulver für Selenskyj errichtet habe. User behaupteten dazu, die Statue solle symbolisieren, dass Selenskyj Drogen konsumiere. Tatsächlich handelte es sich dabei aber um eine Kunstinstallation, die den Drogenhandel in Mailand verurteilte und nichts mit dem ukrainischen Präsidenten zu tun hatte.
Ursprung des Videos
Der online verbreitete Clip enthält mehrere Einstellungen verschiedener Perspektiven des Piazza del Duomo in Mailand, direkt vor dem Mailänder Dom. Auf dem Poster Selenskyjs sind die Worte "Spenden für die Ukraine" zu sehen. Das verwendete Bild des ukrainischen Präsidenten scheint aus diesem Artikel der US-Nachrichtenseite "The Hill" zu stammen und zeigt Selenskyj bei einem Besuch in Washington im Dezember 2022.
In einigen Versionen des online zirkulierenden Videos ist zudem ein Wasserzeichen zu sehen, das zu dem russischsprachigen Telegram-Kanal "Omarov Today" führt. Der Kanal teilte den Clip erstmals am 4. April 2023. In der Beschreibung des Beitrags stehen die Worte "ein kleiner Vogel hat mir erzählt" und "Mailand, 3. April".

Der Standort der Plakattafel kann mithilfe einer Suche in Google Maps nachvollzogen werden:

Ein AFP-Reporter besuchte den Aufnahmeort am 13. April 2023 und bestätigte, dass auf der gezeigten Werbetafel zu diesem Zeitpunkt kein Bild des ukrainischen Präsidenten hing. Stattdessen war Werbung für die Milano Art Week zu sehen.

Zuständige Behörden bestreiten Echtheit
AFP erkundigte sich bei mehreren Quellen nach der angeblichen Installation an der Werbetafel.
Elena Santini Nunziati, Sprecherin der Organisation, die das Domgelände verwaltet, erklärte am 13. April 2023 in einer E-Mail gegenüber: "Am Dom oder auf dem Domplatz in Mailand wurden niemals verunglimpfende oder verhöhnende politische Botschaften oder Plakate angebracht." Die fragliche Werbetafel falle zudem in den Zuständigkeitsbereich der Mailänder Stadtverwaltung, so Nunziati. Am unteren Rand der Tafel ist auch das Logo der Stadt zu sehen.
Die Kommunikationsabteilung der Stadt Mailand, der die Werbetafel gehört, teilte AFP am 19. April in einer E-Mail mit, dass das Filmmaterial "kein Originalvideo ist, da kein solches Plakat jemals in den Räumen der Gemeindeverwaltung genehmigt wurde". Dies gelte auch für die Tafel aus dem Video.
AFP befragte auch einen Mitarbeiter eines Restaurants am Rande des Piazza del Duomo, das sich in unmittelbarer Nähe der Werbetafel befindet, zu den Aufnahmen. Dieser bestätigte, die fragliche Werbetafel gut zu kennen, aber die angebliche Installation mit Selenskyj nie gesehen zu haben. Der Mitarbeiter wollte in diesem Artikel nicht namentlich genannt werden.
Video deutet auf Manipulation hin
Die Originalaufnahmen auf dem russischsprachigen Telegram-Kanal beinhalten mehrere Hinweise, die auf eine mögliche Manipulation hindeuten.
Beim Blick auf den Rand des angeblichen Selenskyj-Plakats fällt auf, dass keine Lücke zwischen dem Bild und dem Rahmen zu existieren scheint. Der Rahmen wirft auch keinen Schatten, wie es normalerweise der Fall ist.

Die Aufnahmen des Telegram-Kanals weisen zudem einige Unstimmigkeiten auf. Insbesondere ist sowohl bei Sekunde 16 als auch Sekunde 20 im Hintergrund derselbe Mann zu sehen, der auf die gleiche Weise durch den Bildrand läuft, obwohl die Einstellungen verschiedene Zeitpunkte zeigen sollen.


Nach Angaben der Faktencheck-Organisation Open.online, die das kursierende Video ebenfalls untersuchte, haben auch die Sicherheitskräfte am Mailänder Dom das angebliche Selenskyj-Plakat nie gesehen. Der Domplatz ist zudem umfangreich videoüberwacht, sodass es praktisch unmöglich ist, ein solches Plakat aufzuhängen, ohne bemerkt zu werden.
Der Piazza del Duomo ist einer der am meisten besuchten Orte in Mailand und auch bei Touristen sehr beliebt. Daher wäre zu erwarten, dass eine solche Installation sowohl bei traditionellen Medien als auch in sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit erregen würde. AFP konnte jedoch außer dem gefälschten Video keinen Hinweis auf die Existenz der angeblichen Installation finden.
Fazit: Nein, in Mailand wurde keine Werbetafel aufgestellt, die es Menschen erlaubt, Geldscheine durch Selenskyjs Nasenloch zu werfen. Das bestätigten die Mailänder Behörden und ein Beschäftigter vor Ort. Das Video weist zudem Unstimmigkeiten auf, die auf eine Bearbeitung hindeuten.