Das Foto des polnischen Ministerpräsidenten entstand am Holodomor-Denkmal

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Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki stattete Kiew Ende November 2022 einen Besuch ab. Kurz danach kursierte in sozialen Netzwerken ein Foto von ihm, wie er scheinbar Blumen an einem Ehrenmal ablegt, das dem umstrittenen ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera gewidmet ist. Dieses Bild wurde jedoch manipuliert. Das Originalfoto zeigt ihn eigentlich, wie er kürzlich in Kiew Blumen an einem Denkmal ablegt, das den Opfern der Hungersnot in der Sowjetunion unter Stalin gewidmet ist. Dieser Völkermord ist unter dem Begriff Holodomor bekannt.

Ende November 2022 wurde die Behauptung zu Mateusz Morawiecki auf Facebook gepostet. Auch auf Slowakisch, Polnisch und Tschechisch wurden Beiträge zu dem Thema veröffentlicht und geteilt.

Die Behauptung: Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki soll bei seinem Besuch in Kiew Ende November Blumen am Denkmal zu Ehren von Stepan Bandera abgelegt haben, wie ein Foto angeblich belegen soll. Das Denkmal auf dem Foto ist dem ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera gewidmet, der mit den deutschen Nationalsozialisten zusammengearbeitet hatte und gegen die Sowjetunion kämpfte. "Und jetzt legt er Blumen am Denkmal für den Mörder nieder", schrieb ein Facebook-Nutzer dazu.

Laut einem slowakischen Post soll Morawiecki vor dem Denkmal gesagt haben: "Die Erinnerung an diesen großen Krieger wird für immer in unseren Herzen bleiben. Bandera war den Menschen aus Polen immer ein großartiger Freund."

Twitter-Screenshot der Behauptung: 19.12.2022

AFP hat bereits eine Reihe von falschen Behauptungen, manipulierten Videos und Fotos im Zusammenhang mit dem russisch-ukrainischen Krieg entlarvt, zuletzt hier und hier. Eine vollständige Liste der Artikel über die Ukraine steht hier.

Einer der beiden Männer auf dem verbreiteten Foto ist tatsächlich Mateusz Morawiecki. Das Foto wurde jedoch manipuliert und dafür missbraucht, die falsche Behauptung über den polnischen Premierminister zu verbreiten, er würde den umstrittenen ukrainischen Nationalistenanführer Bandera unterstützen.

Morawieckis Besuch in Kiew

Am 26. November 2022 besuchte Morawiecki tatsächlich Kiew, zusammen mit der litauischen Premierministerin Ingrida Šimonytė, im Rahmen des Lublin-Dreieck-Treffens, einem Bündnis zwischen zwischen Litauen, Polen und der Ukraine. Während seines offiziellen Staatsbesuches traf er auch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Wie AFP am 2. Dezember 2022 vom Büro des polnischen Ministerpräsidenten erfuhr, begleitete ihn der stellvertretende ukrainische Außenminister Anton Demokhin.

Am Morgen legte Morawiecki Blumen am Mahnmal für die Holodomor-Opfer im Zentrum Kiews nieder, da die Ukraine den 90. Jahrestag der Holodomor-Hungersnot beging, die unter dem sowjetischen Führer Joseph Stalin Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainern traf.

Der Ausdruck Holodomor bedeutet "Mord durch Hunger" und bezeichnet den Völkermord Stalins an, Schätzungen zufolge, mehr als 3 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainern, die zwischen 1932 und 1933 in der heutigen Ukraine verhungerten. Die große Hungersnot brach infolge von Stalins Maßnahmen zur landwirtschaftlichen Zwangskollektivierung aus.

Vor diesem Mahnmal entstand das Originalfoto, das später für die Fotomontage missbraucht wurde. Auf der Suche nach näheren Informationen zu Morawieckis Besuch in Kiew, konnte AFP feststellen, dass das ursprüngliche Foto vom verifizierten Twitteraccount des Büros des polnischen Ministerpräsidenten gepostet wurde.

Wie unten zu sehen ist, spiegelte der Ersteller oder die Erstellerin der Fotomontage das Bild, schnitt die beiden Personen aus und legte den Ausschnitt über ein Foto des Bandera-Denkmals.

Gegenüberstellung Montage (links) – Originalfoto von Morawiecki und Demokhin (rechts)

Bei einer umgekehrten Bildersuche mit dem manipulierten Foto tauchte schon unter den ersten Google-Ergebnissen das originale Foto des Bandera-Denkmals auf. Das Bild stammt aus der ukrainischen Wikipedia-Seite zum Denkmal. Dabei steht, dass das Foto 2009 von Roman Matselukh"aufgenommen wurde und dass es das "Denkmal für S. Bandera im Dorf Kozivka" zeigt. Kozivka ist ein Dorf in der Nähe der Stadt Ternopil in der Westukraine.

Gegenüberstellung Montage (links) und Originalfoto des Denkmals (rechts)

Auch die slowakische Polizei dementierte die Echtheit des Fotos Ende November auf Facebook.

Wer war Stepan Bandera?

Stepan Bandera war ein ukrainischer Nationalist und einer der Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Unabhängigkeit der Ukraine von der Sowjetunion kämpfte. Während er für viele Ukrainerinnen und Ukrainer ein Symbol für den Kampf um die Unabhängigkeit der Ukraine war, sahen viele polnische und russische Bürgerinnen und Bürger in ihm einen Faschisten, Terroristen und einen gefährlichen Ultra-Nationalisten.

Beim Versuch, die Unabhängigkeit der Ukraine gegen die sowjetischen Truppen zu verteidigen, stellten sich Bandera und seine Anhängerinnen und Anhänger auf die Seite der deutschen Nationalsozialisten und gründeten 1941 einen unabhängigen ukrainischen Staat mit der Hauptstadt Lwiw. Der NS-Staat weigerte sich jedoch, die Unabhängigkeit der Ukraine anzuerkennen und als Bandera ablehnte, die Unabhängigkeitserklärung zurückzunehmen, wurde er verhaftet und bis 1944 im Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen gehalten.

Während seiner Inhaftierung waren sein Flügel der Organisation Ukrainische Nationalisten (OUN-B) und ein Teil des nationalistischen Untergrunds der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) am sogenannten Wolhynien-Massaker beteiligt, bei dem im Juli 1943 in den Regionen Wolhynien und Galizien 60.000 polnische Zivilistinnen und Zivilisten im Rahmen einer ethnischen Säuberung getötet wurden. Polnische Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Opfern aus.

Nach dem Krieg lebte Bandera in Westdeutschland, in München, wo er 1959 bei einem Attentat eines KGB-Agenten ermordet wurde. Pro-Kreml-Propaganda benutzt Bandera und seine Bewegung oft, um die Ukraine als ein Land darzustellen, das mit der Nazi-Ideologie sympathisiert. Russlands Präsident Wladimir Putin nannte "Entnazifizierung" direkt als Vorwand für den Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022.

Die Erinnerungen an Persönlichkeiten des Zweiten Weltkriegs wie Stepan Bandera sind in der Ukraine jedoch ambivalent, wie AFP in anderen Faktenchecks erklärte. Die Behauptung, die Ukraine werde von Nazis oder anderen extremistischen Gruppierungen regiert, ist nicht korrekt, wie Ukraine-Expertinnen und -Experten bestätigten.

Morawiecki und die Ukraine

Polen ist nach wie vor einer der engsten Verbündeten der Ukraine in der Verteidigung gegen Russland. Ministerpräsident Morawiecki brachte wiederholt seine Unterstützung für den ukrainischen Staat zum Ausdruck, indem er betonte, dass Polen nur dann in den Krieg hineingezogen werden kann, wenn es sich von der Ukraine abwendet.

Im Oktober 2022 forderte Morawiecki, das Vermögen der Russischen Föderation und der russischen Oligarchen zu beschlagnahmen und für den Wiederaufbau der Ukraine zu verwenden.

Ende November 2022 forderte der polnische Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak Deutschland auf, die Patriot-Raketenabwehrsysteme in die Ukraine und nicht nach Polen zu verlegen.

Die polnische Führung hat dennoch wiederholt die ukrainische Gewalt an polnischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg verurteilt. "Das ist ein außergewöhnliches Verbrechen, ein Verbrechen des grausamen Völkermords, das in der polnischen Geschichte in diesem Ausmaß ohne Beispiel ist", sagte Morawiecki 2018 bei einer offiziellen Gedenkveranstaltung anlässlich des 75. Jahrestags des Massakers.

Im Jahr 2019 protestierte die polnische Botschaft gegen Versuche, Stepan Bandera im ukrainischen Staatsfernsehen zu beschönigen. Im Juli 2022 nahm Morawiecki gemeinsam mit dem polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda an der 79. Veranstaltung zum Gedenken an das Wolhynien-Massaker teil und betonte dort, dass sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen nur auf der Grundlage der Wahrheit weiter vertiefen könnten. Beide forderten außerdem die Ukraine auf, das Massaker zu verurteilen und Einzelgräber für die Opfer zu errichten.

"Ich werde nicht ruhen, bis wir nicht das letzte Grab, die letzte Begräbnisstätte der Ermordeten in Wolhynien und dem gesamten östlichen Grenzgebiet gefunden haben. Diese Wirklichkeit muss vollständig entdeckt werden", sagte Morawiecki.

Er fügte jedoch hinzu: "Wir dürfen nicht der Versuchung einer falschen Versöhnung erliegen, aber wir müssen auch erkennen, dass es im Interesse Russlands und Moskaus liegt, Polen und Ukraine wieder zu spalten. (…) Heute erfährt die Ukraine diesen Hass, diesen schrecklichen Nationalismus, dem es sich 80 Jahre zuvor gebeugt hatte. Heute sieht die Ukraine, wohin dieser schreckliche Nationalismus führt." Dabei bezog sich Morawiecki auf den russischen Angriff, der eine Gelegenheit sei, die Zukunft von Polen und der Ukraine auf "gemeinsamer Stärke" und nicht auf Verbitterung aufzubauen.

Fazit: Das Foto, auf dem der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki angeblich vor dem Denkmal des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera Blumen ablegen soll, ist eine Montage. Das ursprüngliche Foto zeigt Morawiecki vor dem Holodomor-Mahnmal im Zentrum Kiews. AFP konnte das mittels einer umgekehrten Bildersuche feststellen.

Ukrainisch-Russischer Krieg