Céline Dions Muskelerkrankung wurde nicht von der Corona-Impfung ausgelöst

Copyright © AFP 2017-2023. Alle Rechte vorbehalten.

Aufgrund einer sehr seltenen neurologischen Erkrankung teilte die kanadische Sängerin Céline Dion Anfang Dezember 2022 mit, ihre für 2023 geplante Europatournee verschieben zu müssen. Online behaupten User zu der Entscheidung, Dion hätte erklärt, sie habe eine Lähmung nach der Corona-Impfung erlitten. Das geht aus der von der Sängerin veröffentlichten Ankündigung aber nicht hervor. Laut Expertinnen und Experten ist Dions Erkrankung nicht auf eine Corona-Impfung zurückzuführen. Einen Anstieg der dazugehörigen Symptome habe es seit Beginn der Impfkampagnen ebenfalls nicht gegeben.

Tausende User haben die Behauptungen zu Céline Dion auf Telegram gesehen. Auch auf Twitter und Facebook verbreiten sich entsprechende Beiträge weiter, die auf verschiedenen Blog-Artikeln (hier, hier, hier) beruhen. Die Behauptungen wurden auch auf Französisch und Englisch geteilt.

Die Behauptung: "Celine Dion hat bekannt gegeben, dass sie nach der Covid-19 Impfung gelähmt ist und an einer seltenen Gehirnerkrankung leidet", heißt es zu einem auf Facebook geteilten Artikel. Darin wird erläutert, der Gesundheitszustand der Sängerin verschlechtere sich. Grund dafür sei das sogenannte "Stiff-Person-Syndrom". Manche Beiträge deuten den angeblichen Zusammenhang zwischen Dions Erkrankung und der Impfung lediglich an.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 15.12.2022

In einem etwa fünf Minuten langen Video äußerte sich Céline Dion am 8. Dezember 2022 auf Instagram zu ihrer Erkrankung. "Ich habe seit Langem gesundheitliche Probleme und es fällt mir nicht leicht, damit umzugehen", erklärte sie. Daher werde sie ihre für 2023 angekündigte Europatournee absagen müssen.

Kurz darauf verbreitete sich online die Behauptung, Dions Erkrankung hänge mit der Corona-Impfung zusammen. Die Sängerin hatte in der Vergangenheit medial dazu aufgerufen, sich impfen zu lassen, wie in diesem Interview mit dem Sender Radio Canada aus dem Mai 2021.

Dion stellt in ihrer Ankündigung zu der Erkrankung allerdings an keiner Stelle einen Bezug zu einer Impfung gegen das Coronavirus her. Auch im Beitragstext findet sich keine entsprechende Bemerkung. Stattdessen erklärte die Sängerin, sie kenne "die Ursache der Muskelkrämpfe, an denen sie leidet". Es handele sich um eine sehr seltene neurologische Erkrankung, das Stiff-Person-Syndrom.

Nach Angaben der US-Organisation NORD, die Unterstützung für Menschen mit seltenen Krankheiten anbietet, ist nur etwa eine Person von einer Million Menschen von der Erkrankung betroffen.

In ihrem Video erklärte Dion weiter: "Leider beeinträchtigen die Krämpfe mein tägliches Leben auf vielen Ebenen. Manchmal habe ich große Schwierigkeiten beim Gehen und ich kann meine Stimmbänder nicht immer so einsetzen, wie ich es gerne möchte."

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

Ein Beitrag geteilt von Céline Dion (@celinedion)

Im Frühjahr 2022 musste Céline Dion schon einmal ihre Europatournee im Zusammenhang mit den Krämpfen verschieben. Damals erklärte sie noch: "Es geht mir etwas besser… aber ich habe immer noch Krämpfe."

Guilhem Solé, Leiter des Referenzzentrums für neuromuskuläre Erkrankungen am Universitätsklinikum von Bordeaux, betonte am 13. Dezember 2022 gegenüber AFP, dass "Celine Dion lange vor Covid über diese Symptome geklagt hat".

Kein Zusammenhang zwischen Corona-Impfung und Stiff-Person-Syndrom

Scott Newsome, Leiter des Stiff-Person-Syndrome-Center am John Hopkins Krankenhaus in Baltimore, erklärte am 13. Dezember 2022 gegenüber AFP: "Es gibt keine Daten oder Beweise dafür, dass der Covid-19-Impfstoff das Stiff-Person-Syndrom verursachen kann." Auch für andere Impfstoffe gäbe es solche Beweise nicht.

Auch Pierre-François Pradat, Neurologe am Pariser Krankenhaus Pitié-Salpêtrière und Präsident des französischen Instituts für Rückenmarks- und Hirnforschung (IRME), erläuterte am 12. Dezember 2022 gegenüber AFP: "Das hat nichts mit dem Impfstoff zu tun, es ist eine chronische Krankheit, die sich sehr, sehr langsam entwickelt."

Pradat fügte hinzu, dass es "nach der Impfung zu einer Verschlechterung der Symptome kommen kann, da wir wissen, dass Krämpfe besonders empfindlich auf äußere Ereignisse reagieren, entweder psychologisch oder infektiös, aber das ist alles."

Guillem Solé betonte, solche Patientinnen und Patienten würden geimpft werden, da sie Gefahr liefen, schwere Formen von Covid-19 zu entwickeln. Seiner Meinung nach könnten Impfungen aber "die Krankheit nicht verschlimmern".

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie habe es keine Zunahme der Zahl der Patienten mit Stiff-Person-Syndrom gegeben, so Solé. "Es gibt in Frankreich nicht mehr als zehn neue Patienten pro Jahr mit dieser Krankheit, also würden wir einen Unterschied sehen."

Céline Dion während eines Konzerts in Quebec am 18. September 2019. ( AFP / ALICE CHICHE)

Den Mechanismus des Stiff-Person-Syndroms beschreibt Solé folgendermaßen: "Es ist ein Antikörper, der die Neuronen angreift, die als 'Zügel' dienen, sodass man die Zügel loslässt und das Nervensystem hyperaktiv wird."

Laut Orphanet, einer französischen Datenbank für seltene Krankheiten und seltene Medikamente, wird der Höhepunkt der Erkrankung etwa um das 45. Lebensjahr erreicht. Die Symptome entwickeln sich über Monate oder Jahre und zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Die Diagnose basiert im Wesentlichen auf der klinischen Beobachtung.

Es sei daher nicht überraschend, dass Celine Dion lange Zeit nicht genau wusste, woran sie litt, erläuterte Solé weiter. "Es kommt häufig vor, dass die Diagnose nicht eindeutig ist, da die Symptome der Krankheit nicht sehr spezifisch sind und viele Krankheiten Steifheit verursachen können."

Prada versicherte, das Stiff-Person-Syndrom stabilisiere sich nach einigen Jahren, "sodass die Lebenserwartung normal ist". Die Erkrankung beeinträchtige zudem weder die Herzmuskulatur noch die Atmung. Steifheit und Krämpfe "können aber auch Arme und Beine betreffen. Sie schränken die Beweglichkeit ein, erschweren das Gehen und es besteht Sturzgefahr", erklärte er.

Laut Solé handelt es sich beim Stiff-Person-Syndrom um eine sehr schmerzhafte Erkrankung. Symptome könnten behandelt werden, beispielsweise durch die Beruhigung des Nervensystems, sowie eine Behandlung des Immunsystems. "Das ist wirksam, aber nicht zu 100 Prozent", erklärte Solé.

Das Stiff-Person-Syndrom sei sehr behindernd, so Solé. Dion übe eine Tätigkeit aus, "die eine sehr starke Kontrolle des Körpers erfordert", was mit der Krankheit "schwierig vereinbar" zu sein scheint. In ihrem Instagram-Video erklärte die Sängerin: "Ich trainiere jeden Tag mit meinem Sportmediziner, um Kraft und Ausdauer aufzubauen." Es sei ein ständiger Kampf.

Fazit: Nein, Céline Dion hat nicht bekannt gegeben, nach der Corona-Impfung an Muskelkrämpfen zu leiden. Ursache ist laut ihrer Aussage eine sehr seltene neurologische Erkrankung. Laut Expertinnen und Experten steht diese in keinem Zusammenhang mit der Corona-Impfung. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie habe es zudem keine Zunahme der Zahl der Patienten mit Stiff-Person-Syndrom in Frankreich gegeben.

 

Julie PACOREL

Übersetzung:
COVID-19 IMPFUNGEN