Dieser Artikel der "Berliner Zeitung" über eine angebliche Selenskyj-Forderung ist eine Fälschung

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Selenskyj fordere monatliche Zahlungen in Höhe von 400 Euro von jedem Bundesbürger, heißt es in einem angeblichen Artikel der "Berliner Zeitung", der derzeit als Foto in sozialen Netzwerken kursiert. Der Beitrag ist so jedoch nie auf der Website der Zeitung erschienen, wie deren Redaktion bestätigte. Ein Foto davon ist manipuliert. Für eine solche Forderung der Ukraine gibt es zudem keine Belege.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert regelmäßig ein stärkeres Engagement der Bundesrepublik bei Waffenlieferungen zur Unterstützung der Ukraine. Zahlreiche User haben Ende September 2022 einen vermeintlichen Artikel der "Berliner Zeitung" auf Facebook geteilt, laut dem Selenskyj Anfang August 2022 direkte Zahlungen deutscher Bürgerinnen und Bürger für die Kriegsanstrengungen seines Landes verlangt haben soll.

Die Behauptung: "Selenskyj fordert monatliche Zahlungen in Höhe von 400€ von jedem Bundesbürger für die Kriegsbeteiligung der Ukraine im Russland-Konflikt", heißt es in der Überschrift des Artikels. Angeblich wolle der ukrainische Präsident mit dem Geld "die Kriegsmoral und Materialien erhöhen [...], um somit die Russen aus dem Donbass zu verjagen." Zudem fordere der ukrainische Botschafter in Berlin angeblich die Einführung einer Wehrpflicht in Deutschland.

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 05.10.2022

Seit dem Beginn der russischen Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 verbreiten sich immer wieder gefälschte oder manipulierte Medienbeiträge über den ukrainischen Präsidenten. AFP überprüfte in der Vergangenheit etwa mehrere gefälschteZeitschriften-Cover, die angeblich Selenskyj zeigen und diese gefälschten Websites verschiedener deutschsprachiger und internationaler Medien, die im Rahmen einer prorussischen Desinformationskampagne verbreitet wurden. Faktenchecks zum Krieg in der Ukraine sammelt AFP hier.

Manipuliertes Foto einer echten Nachrichtenseite

Das Foto der angeblichen Nachrichtenwebsite, der aktuell in sozialen Netzwerken verbreitet wird, enthält keinen konkreten Hinweis auf die Quelle des Artikels. Das Artikelfoto ist in einigen Postings so beschnitten, dass es keine Bildersuche zulässt, in anderen ist es vollständig sichtbar. Eine Google-Suche nach der Überschrift brachte zunächst keine Treffer.

Auf dem Foto finden sich jedoch weitere Hinweise, die auf dessen Ursprung hindeuten. Oberhalb der Überschrift ist am oberen rechten Bildrand folgender unvollständiger Satz zu lesen: "Wir sind unabhängig und wollen e…" Darüber sind die Worte "Sport & Leidenschaft" zu erkennen. Am unteren linken Bildrand finden sich die Kürzel "dpa/lex" sowie Datum und Zeitpunkt der Veröffentlichung, der 8. August 2022 um 23.32 Uhr.

Eine Google-Suche mit den Begriffen "Sport & Leidenschaft" und "Zeitung" führte AFP zum Online-Auftritt der "Berliner Zeitung". Auf der Website findet sich die Sport-Rubrik der Zeitung unter dem Link "Sport & Leidenschaft". Über den Online-Beiträgen der Zeitung steht zudem stets ein blau hinterlegtes Banner mit der Aufschrift "Wir sind unabhängig und wollen es bleiben. Unterstützen Sie uns dabei?", mit dem die "Berliner Zeitung" für ihre Abomodelle wirbt. Es scheint, als stamme das aktuell geteilte Foto von einem Artikel der "Berliner Zeitung".

Gefälschter Artikel (links) und Originalbeitrag auf der Website der "Berliner Zeitung" (rechts), Hervorhebungen durch AFP

Eine weitere Google-Suche mit den Begriffen "Selenskyj fordert " und "Berliner Zeitung" führte schließlich zu dem gesuchten Artikel. Dieser erschien am 8. August 2022 um 23.32 Uhr auf der Website der Zeitung unter dem Titel "Selenskyj fordert internationalen Reisebann für Russen". Sowohl Datum und Uhrzeit der Veröffentlichung als auch das Autorenkürzel stimmen hier überein. Der Ausschnitt des Beitragsbilds, das auf dem geposteten Foto zu erkennen ist, stimmt mit dem Foto des Originalbeitrags überein. Es zeigt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj an einem Redepult stehend neben einem Busch.

"Berliner Zeitung" und dpa dementieren

Die Redaktion der "Berliner Zeitung" bestätigte auf Anfrage, dass es sich bei dem aktuell geteilten Beitrag um eine Fälschung handelt. Felix Horstmann, Online-Chefredakteur der Zeitung sagte in einem Telefonat am 29. September 2022 gegenüber AFP: "Diese Seite ist ein perfider Fake und wurde so nie von der 'Berliner Zeitung' veröffentlicht." Horstmann erklärte, die Rechtsabteilung seiner Zeitung prüfe derzeit weitere Schritte.

Zwar seien Schriftart und Aufmachung des Fake-Artikels täuschend echt gestaltet, sagte Horstmann, jedoch sei beispielsweise die Überschrift viel zu lang für einen Online-Artikel der "Berliner Zeitung". Er habe zudem das Bearbeitungsprotokoll des Beitrags im internen Redaktionssystem der Zeitung geprüft und hier keine entsprechenden inhaltlichen Änderungen feststellen können. Das bestätigen die im Internetarchiv "Wayback Machine" gespeicherten früheren Versionen der Seite, auf denen keine Veränderung des Artikels zu sehen sind.

Sowohl das geteilte Foto als auch der Originalbeitrag auf der Website der "Berliner Zeitung" zeigen neben dem Autorenkürzel die Abkürzung "dpa", die darauf hindeutet, dass der Beitrag mit Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) verfasst wurde. Ein Sprecher der Nachrichtenagentur erklärte auf AFP-Anfrage am 29. September 2022 per E-Mail, dpa habe am 8. August um 23.09 Uhr eine Meldung zur Forderung des ukrainischen Präsidenten nach einem internationalen Reisebann für Russinnen und Russen veröffentlicht.

Eine Meldung, derzufolge Selenskyj monatliche Zahlungen von deutschen Bürgerinnen und Bürgern fordert, sei im Nachrichtendienst der Agentur nie erschienen. AFP konnte zudem online keine Hinweise darauf finden, dass der ukrainische Präsident in der Vergangenheit öffentlich eine entsprechende Forderung erhoben hat. Auch für die angebliche Forderung des ukrainischen Botschafters, in Deutschland die Wehrpflicht für Männer zwischen 18 und 64 einzuführen, gibt es auf der Website der ukrainischen Botschaft und in der Presseberichterstattung keine entsprechenden Belege. Das österreichische Portal "Mimikama" veröffentlichte zu dem Artikel Ende September einen Faktencheck, der zum selben Ergebnis kommt.

Fazit: Der in sozialen Netzwerken geteilte Artikel ist eine Fälschung, wie die "Berliner Zeitung" und die Nachrichtenagentur dpa bestätigten. Für eine Forderung des ukrainischen Präsidenten, nach direkten Zahlungen deutscher Bürgerinnen und Bürger zur Unterstützung der Ukraine gibt es keine Belege.

6. Oktober 2022 Funktionsbezeichnung Feliks Horstmann aktualisiert