Österreichische Zeitungen, aufgenommen am 18. Oktober 2021 ( AFP / JOE KLAMAR)

Vorsicht vor prorussischer Propaganda auf gefälschten Nachrichten-Seiten

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Mehrere Websites deutschsprachiger und internationaler Medien wurden im Zuge einer umfassenden Desinformationskampagne nachgeahmt. Die imitierten Seiten enthalten Falschmeldungen und prorussische Propaganda. Wer die nachgemachten Seiten betreibt, ist weiterhin unklar. Eine Beispiel-Behauptung über einen angeblich aufgrund fehlender Beleuchtung verstorbenen Jungen zeigt, wie die Falschbehauptungen eingesetzt werden.

Ein angeblicher "Bild"-Artikel erschien am 11. August 2022 im Netz. Auf den ersten Blick scheint es sich um einen authentischen Bericht des deutschen Blattes zu handeln, ein genauerer Blick auf die Domain und den Inhalt der Meldung lassen allerdings Zweifel aufkommen. Trotzdem wird der Artikel wenige Tage später auch auf Facebook geteilt. Er ist Teil einer prorussischen Fake-News-Kampagne.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 30.08.2022

In dem vermeintlichen "Bild"-Artikel geht es um den Tod eines Jugendlichen in Berlin. Dieser habe angeblich einen tödlichen Unfall erlitten, nachdem die Berliner Behörden beschlossen hätten, nachts die Straßenbeleuchtung auszuschalten. Der Jugendliche sei spätabends beim Radfahren in der Sulzfelder Straße in Berlin in ein Loch gestürzt und an seinen Verletzungen verstorben.

Artikel wie dieser erschienen auf mehreren gefälschten Nachrichtenseiten in Deutschland, darunter auf imitierten Websites des "Spiegels", von "t-online" oder auch der "Bild". Zuerst berichtete "t-online" Ende August von der Kampagne. Die Nachricht ist allerdings komplett erfunden.

Der "Bild"-Bericht ist gefälscht

Eine AFP-Anfrage bei den zuständigen Behörden entkräftete die in dem Artikel beschriebenen Geschehnisse allerdings. Eine Sprecherin der Berliner Polizei erklärte am 30. August, es habe keinen tödlichen Verkehrsunfall in der Sulzfelder Straße gegeben. "In Berlin ist in diesem Jahr bisher kein Jugendlicher bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen."

Für die öffentliche Straßenbeleuchtung ist in Berlin die Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz verantwortlich. Ein Sprecher der Behörde erklärte am 1. September gegenüber AFP, dass der Bericht "definitiv eine Falschmeldung" sei. Die Senatsverwaltung habe die Straßenbeleuchtung nachts nicht abgestellt. "Die Verkehrssicherheit durch Straßenbeleuchtung ist im Berliner Straßengesetz geregelt und wird streng beachtet." Die Beleuchtung bleibe daher unverändert.

Auf AFP-Anfrage erklärte ein Sprecher der "Bild"-Zeitung am 30. August 2022, es handele sich bei dem Beitrag um einen Fake. "Das kommt nach unserer Kenntnis leider regelmäßig vor." Die Urheber solcher Beiträge würden sich aber fast nie feststellen lassen.

Die Website mit dem vermeintlichen "Bild"-Beitrag erscheint zwar auf den ersten Blick als gut gemachte Fälschung der originalen "Bild"-Seite. Aber bereits beim Blick auf die Internetadresse fällt auf, dass es sich um einen Fake handeln könnte. Die "Bild"-Zeitung verwendet "bild.de" als Domainnamen auf ihrer Seite. In verschiedenen Versionen der gefälschten Internetadresse werden hingegen die Domains "new.bild.llc" und "bild.vip" verwendet.

Gefälschte Nachrichtenseiten verbreiten prorussische Propaganda

Ende August berichtete das Nachrichtenportal "t-online" von einer prorussischen Kampagne, mit der gefälschte Versionen von deutschen und internationalen Nachrichtenseiten in Umlauf gebracht wurden. Diese würden wiederum von einer "Troll-Armee" im Netz verbreitet. Die vermeintlichen Meldungen würden häufig Angst schüren und machten Stimmung gegen die gegen Russland verhängten Sanktionen. Kurz darauf meldete "t-online", auch der Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst würden sich mit der Kampagne befassen.

Die NGO "EU Disinfo Lab" hat sich auf die Beobachtung Desinformationskampagnen spezialisiert. Sie hat sich das Netzwerk der falschen Nachrichtenseiten gemeinsam mit der NGO "Quirium" genau angesehen. In einem am 27. September erschienenen Bericht hält das "EU Disinfo Lab" die Ausmaße des Fake-Netzwerkes fest.

Die von "EU Disinfo Lab" als "Doppelgänger" bezeichnete Kampagne umfasst mindestens 50 falsche Domains, die echte Nachrichtenseiten von mindestens 17 Medien kopierten und kopieren. Die Kampagne zeige eine "ausgeklügelte und kohärente Strategie", echte Medien nachzuahmen, schreibt das "EU Disinfo Lab". Betroffen seien nicht nur deutsche Medien, sondern auch Artikel auf Italienisch, Französisch, Englisch, Lettisch, Ukrainisch und Russisch und Nachrichtenplattformen wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa oder der britische "Guardian".

Vorgehen des Fake-Netzwerkes

Das Vorgehen ist immer ähnlich. Auf einer Website, dessen Domain der einer echten Nachrichtenseite ähnelt, ist eine gefälschte Nachricht zu sehen. Sie ist eingebettet in das authentisch wirkende Layout der jeweiligen Nachrichtenseite. Links rund um die Falschnachricht führen zurück zur authentischen Nachrichtenseite des Mediums. Fake-Accounts des Netzwerks tragen die Behauptung dann weiter. Auch die Behauptung vom angeblich verstorbenen Jungen in Berlin wurde so verbreitet.

Wer hinter der Kampagne steckt, lässt sich nicht genau sagen. Die Analyse von "EU Disinfo Lab" hält fest: "Unsere Untersuchung führt nicht zu einer formalen Zuordnung zu einem bestimmten Akteur. Viele Elemente deuten jedoch auf eine Beteiligung von in Russland ansässigen Akteuren hin." Einige der Domains seien über den russischen Hostinganbieter Nic.Ru gekauft worden, außerdem seien manche Videos von Computern mit russischsprachigen Einstellungen produziert worden. Die eingestellte Zeitzone von GMT+8 eines der benutzten Computer deute darauf hin, dass die Fake-Inhalte in der Region von Irkutsk produziert sein könnten. Einige Inhalte entsprächen laut "EU Disinfo Lab" außerdem genau jenen der russischen Nachrichtenseite "RRN World".

Das Institute for Strategic Dialogue (ISD) trug zur Recherche von "t-online" bei und befasst sich mit der Verbreitung von Desinformation und Extremismus.ISD-Analystin Julia Smirnova beschreibt die Hintergründe der Kampagne ähnlich. Smirnova sprach am 1. September 2022 mit AFP über die Recherche und erklärte, Indizien würden dafür sprechen, dass es sich um eine Kampagne "Kreml-freundlicher" Akteure aus Russland handele. Der Ursprung lasse sich allerdings nicht genau zuordnen.

Hinweise dafür würden sich in den Artikeln wiederfinden. Diese beschrieben die negativen Auswirkungen der Sanktionen für den Westen oder hetzten gegen Geflüchtete, so Smirnova. Auch sprachliche Fehler auf den Websites würden darauf hindeuten, dass keine Muttersprachlerinnen und -sprachler an den Texten gearbeitet hätten. Das "EU Disinfo Lab" stellte ähnliche Erzählmuster fest. Die Inhalte der geklonten Seiten würden sich mit russischer Propaganda decken und beispielsweise Ukrainerinnen und Ukrainer als Nazis darstellen oder die Vorteile des Endes russischer Sanktionen hervorheben.

Facebook reagierte am 27. September auf die Kampagne. Der Mutterkonzern Meta stellte am Dienstag einen Bericht vor, in dem die Kampagne als "größte und komplexeste russischstämmige Operation" bezeichnet wird, die seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine ausgehoben worden sei. "Es war eine ungewöhnliche Kombination aus Raffinesse und roher Gewalt."

Wie erfolgreich die Kampagne war, sei nur schwer messbar, erklärte Smirnova am 27. September. Zumindest Werbeanzeigen auf Facebook für die Fake-Artikel hätten mehrere Millionen Menschen gesehen. Mehrere Anzeigen hätten in Frankreich sogar jeweils 500.000 bis 600.000 Impressions erreicht, sie wurden Nutzerinnen und Nutzern online also über eine Million mal angezeigt. Es gebe aber auch Fälle, bei denen die Artikel nicht nur von Fakeprofilen geteilt wurden, sondern auch echte User die Inhalte verbreiteten, wie beispielsweise ein Lokalpolitiker der AfD aus Hessen. Oft scheint die Mühe der Kampagne aber auch zu verpuffen. Das "EU Disinfo Lab" schreibt: "Wir hatten Mühe, nennenswerte Auswirkungen dieser kostspieligen Kampagne zu finden. Erhaltene Interaktionen scheinen sehr gering oder künstlich zu sein." Die Kampagne sei zwar raffiniert, wenn sie niemand sehe, sei sie aber ein "Fehlschlag". Ob das so bleibt, ist offen. Das "EU Disinfo Lab" pocht angesichts gebrochener EU-Gesetze, Datenschutzbestimmungen, der Verwendung von EU-basierten Servern und Software auf Veränderungen in der Durchsetzung.

Fazit: Ein Netzwerk von prorussischen Fake-Accounts verbreitet Inhalte aufwendig gefälschter Nachrichtenseiten. Sie imitieren die Websites echter Nachrichtenmedien und zeigen dort Falschinformationen an, die meist prorussische Erzählungen bedienen. Ein solcher Artikel über einen angeblich in Berlin wegen fehlender Straßenbeleuchtung verstorbenen Jungen ist frei erfunden.

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