Diese “Bild”-Berichte über ukrainische Flüchtlinge als Brandverursacher sind gefälscht

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User haben im Netz gefälschte Beiträge der "Bild" verbreitet. Angeblich habe die Zeitung berichtet, ukrainische Flüchtlinge hätten versucht, eine russische Flagge zu verbrennen und dabei ein Haus in Sachsen-Anhalt in Brand gesetzt. Die verwendeten Aufnahmen sind allerdings nicht aktuell und stammen teilweise aus der Zeit vor des russischen Angriffs auf die Ukraine. Die "Bild"-Zeitung dementierte die Behauptung zudem. Die zuständige Polizei Dessau-Roßlau in Sachsen-Anhalt hat ebenfalls keine Kenntnis von derartigen Ereignissen.

Dutzende User haben die angeblichen Bild-Beiträge auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Dazu verbreiten sie ein Video eines vermeintlichen "Bild"-Berichts sowie einen entsprechenden Screenshot. Auch auf Instagram, Tiktok und Twitter werden die Aufnahmen verbreitet. Zehntausende sahen diese auf Telegram. Neben Deutsch werden die Postings auch auf Russisch und Bulgarisch geteilt.

Die Behauptung: In einem angeblichen Screenshot der "Bild"-Zeitung heißt es, ukrainische Geflüchtete hätten ein Haus niedergebrannt, als sie versuchten, eine russische Flagge zu verbrennen. Dazu werden Aufnahmen eines Hausbrandes geteilt, der sich angeblich am 10. Mai 2022 in Wulfen in Sachsen-Anhalt stattfand. Zu sehen ist ebenfalls eine Tesla-Spule, mit der der Brand ausgelöst worden sein soll. Zudem wird ein Ausschnitt aus einem Interview eingeblendet, das das Innere des Hauses nach dem Brand zeigen soll.

Facebook-Screenshots der Behauptung: 20.05.2022
Facebook-Screenshots der Behauptung: 20.05.2022

 

 

Der "Bild"-Bericht ist gefälscht

Bei dem vermeintlichen "Bild"-Artikel handelt es sich um eine Fälschung. Eine Bildrückwärtssuche zeigt, dass die Aufnahme des Brandes bereits im Jahr 2013 auf Youtube hochgeladen wurde. Zu dem am 18. Juli 2013 veröffentlichten Clip heißt es, es sei ein Hausbrand im hessischen Walluf zu sehen. Ein entsprechender lokaler Medienbericht erschien zudem am 19. Juli 2013.

Timo Lokoschat, der stellvertretende Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, erklärte am 17. Mai auf Twitter zu dem angeblichen Bericht der Zeitung: "Die Wahrheit ist: BILD hat diese Meldung niemals verfasst." Der Screenshot sei ein Fake. Ein Sprecher des Unternehmens bestätigte dies auf AFP-Anfrage ebenfalls telefonisch am 20. Mai.

AFP konnte weder bei einer Suche auf der Website der "Bild"-Zeitung noch bei einer Google-Suche einen entsprechenden Bericht ausfindig machen.

Auch das Layout des geteilten Videoberichts unterscheidet sich in einigen Punkten von dem typischerweise von "Bild" verwendeten Layout. Beispielsweise wird das Logo des Senders eigentlich in der linken oberen Ecke des Bildes angezeigt und nicht rechts. Das unten durchlaufende Textbanner ist bei "Bild" in Großbuchstaben gehalten. Auch die Schriftart scheint sich zu unterscheiden.

Screenshot-Vergleich des gefälschten "Bild"-Berichts (links) und eines "Bild"-Livestreams vom 30. März 2022 (rechts): 20.05.2022

Video ist aus alten Aufnahmen zusammengeschnitten

Auch das mit der gleichen Behauptung geteilte Video ist eine Fälschung, wie der Sprecher der "Bild"-Zeitung gegenüber AFP bestätigte. Der angeblich aus Sachsen-Anhalt stammende Clip hat nichts mit ukrainischen Flüchtlingen zu tun und ist nicht aktuell. Stattdessen ist es aus verschiedenen alten Aufnahmen zusammengeschnitten.

Neben dem alten aus Hessen stammenden Video eines Hausbrandes werden in dem Clip auch Ausschnitte eines Interviews mit einer Hausbewohnerin gezeigt. Ebenso ist zu Beginn des Videos eine Tesla-Spule zu sehen, die angeblich den Brand auslöste.

In dem Clip der Tesla-Spule ist am oberen rechten Rand ein Wasserzeichen mit dem Accountnamen "marek415" zu erkennen. Eine Suche nach dem Namen führte AFP zu dem tschechischen Instagram-Account eines Studenten der Technischen Universität Prag. Dort sind mehrere Videos von Tesla-Spulen zu finden.

Auf AFP-Anfrage bestätigte am 20. Mai der Accountinhaber, Marek Novotný, auch Urheber des Videos zu sein, das nun im angeblichen "Bild"-Beitrag verbreitet wird. Er habe bereits mehrere Fake-Clips auf Youtube gemeldet, die seine Aufnahmen benutzt hatten. "Ich habe das vor ungefähr zwei Monaten aufgenommen und auf Youtube und Instagram veröffentlicht. Nun habe ich es auf Instagram gelöscht und auf Youtube auf privat gestellt. Ich will nicht, dass das Video noch mehr Schaden anrichtet."

Gegenüber AFP teilte Novotný den Link zum Video mit der Bitte, es nicht weiterzuverbreiten. In der Beschreibung zu dem am 23. März veröffentlichten Clip mit dem Titel "Verbrennen einer russischen Flagge mit 500.000 Volt" heißt es, das Video sei als stille Unterstützung für die Ukraine gedacht. Damit habe er sich gegen den russischen Präsident Putin und nicht gegen die Menschen in Russland wenden wollen. Laut Novotný wurde das Video in Tschechien aufgenommen. Einen Hausbrand habe es dabei nicht gegeben.

AFP verglich die Screenshots des auf Youtube hochgeladenen Video mit dem aktuell verbreiteten. Das Wasserzeichen im Video, die Feuerstellen auf der gezeigten Flagge und die Positionierung der Objekte in der Aufnahme belegen, dass es sich hier um denselben Clip handelt.

Screenshots des gefälschten "Bild"-Berichts (links) und des Originals (rechts): 20.05.2022

Zudem wird im vermeintlichen "Bild"-Video ein Interview mit einer als Nathalie Michalski bezeichneten Frau geführt. Sie steht in einem ausgebrannten Raum und erklärt, der Brand habe den Schlafplatz ihrer Mutter betroffen.

Auch dieser Clip steht allerdings in keinem Zusammenhang zu einem angeblich von ukrainischen Geflüchteten verursachten Hausbrand in Sachsen-Anhalt. Per Bildrückwärtssuche lässt sich die Aufnahme bereits mindestens auf den Januar 2021 datieren, wie dieser Youtube-Upload belegt.

In einem zu dem Youtube-Video geteilten Bericht heißt es, der Brand habe sich am 26. Januar 2021 im niedersächsischen Osterholz ereignet. Ein am 28. Januar 2021 veröffentlichter RTL-Bericht deckt sich ebenfalls mit den Angaben.

Im Folgenden ein Vergleich des aktuell verbreiteten Videos und der Original-Aufnahme:

Screenshot-Vergleich des gefälschten "Bild"-Berichts (links) und des Original-Videos (rechts): 20.05.2022

Das Polizeirevier Anhalt-Bitterfeld, in dessen Gebiet auch der Ort Wulfen in Sachsen-Anhalt liegt, meldete für den 10. Mai 2022 im Übrigen keine Brände (siehe hier, hier). Auch eine Suche nach aktuellen Medienberichten führte AFP zu keinen passenden Ergebnissen. Auf AFP-Anfrage an die Polizeiinspektion Dessau-Roßlau, zuständig für Anhalt-Bitterfeld, erklärte eine Beamte am 20. Mai, keine Kenntnis von einem Brand in Zusammenhang mit ukrainischen Geflüchteten zu haben.

Fazit: Die angeblichen "Bild"-Beiträge sind gefälscht. Das bestätigte ein Sprecher der Zeitung. Die Originalaufnahme des Hausbrandes stammt bereits mindestens aus dem Jahr 2013 aus Hessen. Die Interviewsequenz einer Hausbewohnerin ist ebenfalls alt. Beide Fälle haben nichts mit dem angeblichen Brandort in Wulfen, Sachsen-Anhalt, zu tun. Das Video einer Tesla-Spule ist echt, wurde allerdings von einem tschechischen Studenten im März 2021 angefertigt.

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