Nein, dieser Radlader verbraucht nicht 6800 Liter Diesel in zwölf Stunden

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Tausende Facebook-User haben seit Mitte April einen Beitrag geteilt, der verschiedene Behauptungen darüber aufstellt, wie die Rohstoffe für die Produktion von Elektroauto-Batterien gewonnen werden. Die Behauptungen sind irreführend, wie der Sprecher eines Radlader-Herstellers und ein Batterie-Experte gegenüber AFP erklärten.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte April einen Beitrag auf Facebook geteilt, in dem verschiedene Behauptungen über die Gewinnung von Rohstoffen für die Herstellung von Elektroauto-Batterien aufgestellt werden. Auch in einem anderen, zehntausendfach geteilten Facebook-Beitrag wurde diese Behauptung anhand eines ähnlichen Radlader-Modells verbreitet. Hier korrigierten die Seitenbetreiber die Angaben zum Verbrauch allerdings später. 

Die Behauptung: Der Beitrag zeigt einen Radlader des US-amerikanischen Baumaschinenherstellers Caterpillar. Im Text über dem Bild heißt es: "Das ist eine CAT994A! Sie verbrennt 1800 Gallonen Sprit pro 12 Stunden Schicht! Sie wird benötigt um 500000 Pfund Erde zu bewegen um EINE EINZELNE Tesla Batterie zu produzieren! In welcher Welt macht dies unter den Aspekten von 'Mathematik' und 'Green New Deal' Sinn?"

Facebook-Screenshot der Behauptung: 04.05.2022

Zu den ökologischen Kosten der Herstellung und den Risiken von Elektroautos kursieren zahlreiche Falschbehauptungen in sozialen Netzwerken. AFP überprüfte in der Vergangenheit bereits dieses Video eines angeblich brennenden Elektrobusses in Italien, dieses Foto eines angeblichen E-Auto-Friedhof in Frankreich oder dieses Video eines angeblich explodierenden Elektroautos.

Der Radlader verbraucht maximal 217 Liter Diesel pro Stunde

Klaus Finzel, Pressesprecher der Zeppelin Baumaschinen GmbH, dem deutschen Vertriebs- und Serviceunternehmen der Marke Caterpillar, erklärte am 4. Mai 2022 in einer E-Mail an AFP, dass es sich bei dem in dem Beitrag gezeigten Fahrzeug tatsächlich um einen CAT994 aus der ersten Baureihe A aus den 1990er Jahren handelt.

Der behauptete Zwölf-Stunden-Verbrauch von 1800 Gallonen – rund 6800 Liter – Treibstoff ist laut Finzel jedoch um ein Vielfaches zu hoch angegeben. Finzel rechnete anhand des aktuellen Modells der Baureihe K. Dieser Radlader verbrauche zwischen 96 und 217 Liter Diesel pro Stunde. "In einer Zwölf-Stunden-Schicht sind das dann zwischen 1150 und 2600 Liter Diesel", schrieb Finzel. Selbst wenn das ältere Modell 994A mehr Kraftstoff verbraucht habe, komme dessen durchschnittlicher Verbrauch nicht an den Maximalverbrauch des 994K von 2600 Liter pro Zwölf-Stunden-Schicht heran, erklärte Finzel. Die Postings sprechen mit 6800 Litern von einem mehr als doppelt so hohem Verbrauch.

Die ungefähre Größenordnung des Kraftstoffverbrauchs eines Radladers mit einer Bruttoleistung von 1377 Kilowatt wie dem 994K bestätigte auch Tankred Müller, Professor für Elektrotechnik und elektrische Antriebstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, am 5. Mai 2022 per E-Mail gegenüber AFP.

Herstellung einer E-Auto-Batterie

Die Leistung des CAT 994A sei erforderlich, heißt es in dem aktuell geteilten Posting weiter, um 500.000 Pfund – rund 227 Tonnen – Erdmaterial zu bewegen, aus denen die benötigten Rohstoffe für die Herstellung einer einzelnen Tesla-Batterie gewonnen würden. Eine Quelle für die Mengenangabe nennt das Posting nicht. Unabhängige Experten für die Produktion von E-Auto-Batterien widersprachen gegenüber AFP jedoch dieser Behauptung.

Die Menge des erforderlichen Erdaushubs lasse sich nicht exakt angeben, erklärte Jens Buchgeister gegenüber AFP in einer E-Mail vom 4. Mai 2022. Buchgeister ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe "Forschung für nachhaltige Energietechnologien" am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). "Allerdings ist die Angabe von 227 Tonnen deutlich zu hoch, da die gewonnenen Erze mehrere der hier betrachteten metallischen Rohstoffe als auch weitere wertvolle Rohstoffe beinhalten, die gemeinsam gefördert und über verschiedene Prozesse separat für jeweilige Anwendungsgebiete zur Verfügung gestellt werden", schrieb Buchgeister.

Das bestätigte Marko Paakkinen, Forschungsgruppenleiter für Elektroantriebe und Energiespeicher am Technischen Forschungszentrum Finnland (VTT) in Espoo gegenüber AFP. "Die Zahlen gehen scheinbar von einem Tagebau aus. Bei der Berechnung wurde jedoch nicht berücksichtigt, dass beispielsweise 95 Prozent des Kobalts im Rahmen des Abbaus anderer Metalle produziert werden, das benötigte Erz also nur einmal abgebaut werden muss", erklärte Paakkinen.

Langfristig sind E-Autos weniger klimaschädlich als Verbrenner

Selbst wenn für die Produktion einer Elektroauto-Batterie tatsächlich 227 Tonnen Erde bewegt werden müssten, würde ein Radlader wie der Caterpillar 994K in einer Stunde das theoretisch benötigte Material für rund 21 Batterien in einer Stunde bewegen können, erklärte Klaus Finzel: "Geht man vom Maximalverbrauch aus, kann man bei 217 Liter pro Stunde mit dem 994K ein Materialgewicht von 4800 Tonnen pro Stunde umsetzen." Das entspräche einem Dieselverbrauch von 10,3 Litern pro Batterie. Bei einem CO2-Ausstoß von 2,64 Kilogramm pro Liter Dieselkraftstoff fielen demnach im Prozess der Rohstoffgewinnung 27,2 Kilogramm CO2 pro Batterie an. "Das ist so viel, wie ein Diesel-Pkw auf einer Strecke von 200 Kilometern emittiert", schrieb Finzel.

In dem Posting wird mit der Frage "In welcher Welt macht dies unter den Aspekten von 'Mathematik' und 'Green New Deal' Sinn?" suggeriert, dass die Produktion von Batterien für Elektroautos aufgrund der umweltschädlichen Folgen sinnlos sei. Tatsächlich ist die Produktion von E-Autos über den Herstellungsprozess von Batterien hinaus energieintensiv und mit einem hohen Ausstoß von Treibhausgasen verbunden. "Elektrofahrzeuge verursachen bei der Herstellung in der Regel mehr Treibhausgasemissionen als konventionelle Pkw, die mit Diesel oder Benzin betrieben werden", heißt es etwa in einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) vom Januar 2020. Je nach Energiequelle, Energieeffizienz der Produktion und Batteriegröße fielen zwischen 70 und 130 Prozent höhere Treibhausgasemissionen an als bei der Herstellung von Benzin- oder Dieselfahrzeugen. 

Jens Buchgeister vom KIT erklärte, dass die bloße Betrachtung des Herstellungsprozesses von Elektroautos allerdings nicht ausreiche, um ihre Ökobilanz zu beurteilen. Über ihren gesamten Lebensweg seien Elektroautos gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren wesentlich effizienter. So würde die bei der Herstellung entstehende ökologische Mehrbelastung ab einer Fahrleistung von insgesamt 150.000 Kilometern mehr als ausgeglichen.

CO2-Ausstoß von Elektrofahrzeugen und konventionellen Pkw über die gesamte Lebensdauer im Vergleich ( Bundesumweltministerium, Januar 2021, auf Basis von ifeu-Daten / )

Das Bundesumweltministerium erklärte in einer Publikation zur Umweltbilanz von Elektroautos vom Januar 2021, ein Elektrofahrzeug der Kompaktklasse erzeuge "gegenüber einem Benziner etwa 30 Prozent weniger Klimagase. Gegenüber einem vergleichbaren Diesel sind es etwa 23 Prozent weniger." Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Veröffentlichung des ISI vom Januar 2020. Zwar sei die Herstellung von E-Autos im Vergleich zu konventionellen Pkw aufgrund der technischen Prozesse bei der Batterieherstellung deutlich energieintensiver, gleichzeitig verursache ihre Nutzung je nach Quelle des verwendeten Stroms aber weniger Treibhausgase.

Fazit: Die Angaben in dem Beitrag sind falsch. Ein vergleichbarer Radlader wie der 994A von Caterpillar würde nach Angaben eines Sprechers des Unternehmens maximal 2600 Liter Diesel in zwölf Stunden verbrauchen. Für die Produktion einer E-Auto-Batterie müssen zudem nicht 227 Tonnen Erde bewegt werden, wie unabhängige Experten gegenüber AFP bestätigten.

6. Mai 2022 Schreibfehler korrigiert