Ärzte und Krankenschwestern besprechen sich 2020 in Aachen ( AFP / INA FASSBENDER)

Doch, russische Staatsbürger werden weiterhin in dieser Münchner Klinik behandelt

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Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang März die E-Mail einer Münchner Klinik-Direktorin und eine entsprechende Schlagzeile auf Facebook geteilt, wonach in einer Münchner Klinik keine russischen Staatsbürger mehr behandelt würden. Dabei handelt es sich aber um keine offizielle Mitteilung der Klinik. Die Klinik erklärte, Patientinnen und Patienten würden weiterhin unabhängig der Staatsangehörigkeit behandelt.

Dutzende User haben die Behauptung zu der Klinik auf Facebook verbreitet (hier, hier). Auch auf Telegram sahen Hunderttausende ähnliche Behauptungen rund um die Mail der Klinik-Direktorin (hier, hier).

Die Behauptung: "Münchner Klinik will keine russischen Staatsbürger mehr behandeln", heißt es in einem auf Facebook verbreiteten Screenshot.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 09.03.2022

Grundlage der nun verbreiteten Behauptungen ist eine E-Mail einer Institutsleiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU), Ortrud Steinlein. Wie ein geteilter Screenshot der Nachricht zeigt, hieß es darin: "Aufgrund der schweren Völkerrechtsverletzungen durch den offenbar geistig gestörten Autokraten Putin lehnen wir ab sofort grundsätzlich die Behandlung russischer Patienten ab. Ukrainische Patienten sind natürlich herzlich willkommen."

Mit ihrer Nachricht bezieht sich die Institutsleiterin auf die russische Invasion in der Ukraine Ende Februar. Der vom russischen Präsidenten Wladimir Putin angeordnete Angriff wurde weltweit verurteilt.

Mehrere Medien berichteten über die Aussagen der Klinikdirektorin (hier, hier). Der rechte Blog "Unser Mitteleuropa" berichtete ebenfalls über den Vorfall und lieferte die Schlagzeile, welche nun auf Facebook verbreitet wird, bei der allerdings wichtige Informationen ausgelassen werden.

Behandlung weiterhin unabhängig von Staatsangehörigkeit

Die E-Mail ist echt. Angesichts ihrer Verbreitung veröffentlichte das LMU Klinikum am 1. März zunächst eine Mitteilung zur Behandlung internationaler Patienten. Darin heißt es: "Uns erreichen derzeit Anfragen, ob es korrekt sei, dass wir Patientinnen und Patienten aus kriegsführenden Ländern nicht mehr behandeln. Das ist nicht richtig. Das LMU Klinikum wird weiterhin alle Patientinnen und Patienten, die unsere Hilfe benötigen, behandeln, unabhängig von der Staatsangehörigkeit, Religion, kultureller oder geschlechtlicher Orientierung."

Am 4. März erklärte das Klinikum zusätzlich, bei der E-Mail der LMU-Ärztin habe es sich um eine Nachricht an eine Patientenvermittlungsagentur gehandelt. Es ging demnach also um die Behandlung ausländischer Patienten in Deutschland, nicht die Behandlung von Patienten in Deutschland, die russische Staatsbürger sind. Dabei habe die Ärztin die "die planbare, ambulante Beratung russischer Patienten in ihrem Institut abgelehnt".

Die LMU betonte, es habe sich um kein offizielles Statement des Klinikums gehandelt, sondern um eine sehr persönliche Einzelmeinung, "die in einer sehr emotionalen Situation verschickt worden ist." Die Absenderin bedauere ihre Aussage und habe sich bei der betroffenen Agentur entschuldigt. Im gesamten Klinikum gebe es keine Vorgabe, bestimmte Patienten zurückzuweisen.

Auf AFP-Anfrage vom 10. März bestätigte die Inhaberin der betroffenen Agentur, Medical Munich, es habe sich tatsächlich um einen E-Mail-Verkehr zwischen ihr und der LMU-Ärztin gehandelt. Die Zusammenarbeit mit der Klinik bestehe aber weiterhin.

Zur aktuellen Lage erklärte die Inhaberin: “Ich habe nichts abgesagt, manche Leute haben selber die Einreise verschoben.” Die Kliniken würden weiter russische Patientinnen und Patienten auch aus dem Ausland annehmen. Es werde zwar komplizierter werden, es sei aber zu schaffen.

Sorge um Diskriminierung

In Folge des russischen Kriegs in der Ukraine häufen sich Berichte über Diskriminierung russischer, russischsprachiger oder russisch wahrgenommener Menschen in Deutschland (hier, hier, hier). Report Mainz spricht dabei von ersten Angriffen gegen vermeintlich russischsprachige Menschen, aber auch Beleidigungen und Anfeindungen in sozialen Netzwerken.

Auch ein Brief einer weiteren Münchner Klinik sorgte für Aufsehen. Diese kündigte zunächst an keine russischen und belarussischen Staatsbürger mehr behandeln zu wollen. Mittlerweile veröffentlichte das Klinikum auf seiner Website eine Entschuldigung zu dem Vorfall: "Es liegt uns vollkommen fern, Patienten aufgrund ihrer Herkunft zu diskriminieren oder auszuschließen. Wir entschuldigen uns dafür, dass dieser Eindruck entstanden ist."

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) erklärte am 4. März über Twitter: "Der entsetzliche Angriffskrieg gegen die Ukraine ist Putins Krieg. Er ist nicht der Krieg der Menschen mit russischen Wurzeln, die in Deutschland leben. Wir wehren uns entschieden dagegen, dass Menschen aufgrund ihrer russischen Herkunft oder Sprache diskriminiert werden."

Fazit: Die fragliche E-Mail ist echt. Sie war allerdings an eine Vermittlungsagentur adressiert, welche die Behandlung von Patienten aus Russland in Deutschland plant. Die Absenderin der Nachricht hat sich mittlerweile bei der Agentur entschuldigt. Das LMU Klinikum betonte, es würden weiterhin alle Patientinnen und Patienten unabhängig von der Staatsangehörigkeit behandelt.

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