Biontech-CEO Uğur Şahin will sich und seine Mitarbeiter impfen lassen

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Tausende Facebook-User haben seit Mitte Dezember ein vermeintliches Zitat von Biontech-Chef Uğur Şahin geteilt. Şahin sagte demnach angeblich in der Sendung ARD-Extra, er wolle sich und seine Mitarbeiter 2021 nicht den von seiner Firma entwickelten Corona-Impfstoff verabreichen lassen. Das hat Şahin allerdings nicht gesagt. Er will sich und seine Mitarbeiter sehr wohl impfen lassen, sobald die "rechtlichen Grundlagen" gegeben seien.

Mehr als 6500 Nutzerinnen und Nutzer haben das falsche Zitat seit dem 23. Dezember 2020 auf Facebook geteilt. Von diesem Datum stammt auch der älteste von AFP gefundene Beitrag mit rund 3800 Shares. Er zeigt einen Ausschnitt eines Video-Interviews mit Şahin. Die ARD-Sendung "Extra" hatte es am 21. Dezember ausgestrahlt. Im verbreiteten Facebook-Posting dazu heißt es: "Chef von Biontech lässt seine Mitarbeiter nicht impfen, weil er sich keine Ausfälle leisten kann."

Andere Facebook-User teilten ein Textbild mit vermeintlichen Zitaten aus dem Interview (hier, hier und hier). Şahin soll demnach gesagt haben: "Nein, ich und meine Mitarbeiter werden uns 2021 NICHT impfen lassen. Wir müssen 1,3 Milliarden Impfdosen herstellen. Da können wir uns keine (krankheitsbedingten) Ausfälle leisten."

Die zitierten Sätze hat Şahin im Video so allerdings nicht gesagt. Die Facebook-Postings geben seine Worte teils falsch wieder, teils reißen sie diese aus dem Kontext.

Facebook-Screenshot: 31.12.2020

Das in den Postings zitierte Interview ist in der Mediathek von ARD Extra hier zu finden. Auch der SWR strahlte es aus. Diese Aufnahme ist hier zu finden. Hier gibt es außerdem eine schriftliche Version zum Nachlesen.

Darin fragt Moderator Fritz Frey den CEO des Mainzer Impfstoffentwicklers Biontech, warum dieser sich noch nicht hat impfen lassen. Seine originale Antwort unterscheidet sich dabei von der auf Facebook verbreiteten. Şahin sagte:

"Ich möchte mich natürlich liebend gerne impfen lassen. Wir müssen einfach sehen, dass wir die rechtlichen Grundlagen dabei befolgen. Es ist für uns als Unternehmen wichtig, unsere Mitarbeiter zu schützen. Wir werden in den nächsten zwölf Monaten über 1,3 Milliarden Impfstoffdosen herstellen müssen. Es ist wichtig, dass da keine Mitarbeiter ausfallen, und dementsprechend denken wir darüber nach, dass wir die Möglichkeit finden, die rechtlich uns erlaubt, unsere Mitarbeiter zu schützen. Aber das ist momentan noch in der Abklärung."

In seiner Antwort taucht weder die Jahreszahl 2021 auf, noch formulierte Şahin die Aussage, dass Biontech-Mitarbeiter 2021 nicht geimpft werden würden.

Nachfrage bei Biontech

AFP hat trotzdem noch einmal bei Biontech nach den Aussagen von Şahin gefragt. Sprecherin Jasmina Alatovic widersprach auf AFP-Anfrage am 31. Dezember 2020 den auf Facebook verbreiteten vermeintlichen Zitaten: "Diese Behauptungen sind falsch. Die Aussagen von Herrn Şahin  wurden wissentlich verändert." Sie bestätigte weiterhin Şahins Plan, Mitarbeiter impfen lassen zu wollen, "um sie vor einer COVID-19 Erkrankung besser zu schützen. So wollen wir Ausfälle durch COVID-19 minimieren."

Der Biontech-Chef selbst gab in der Vergangenheit mehrfach an, sich impfen lassen zu wollen. So auch am 19. November 2020 auf AFP-Anfrage. Şahin  sagte damals: "Wir lassen uns selbstverständlich impfen, sobald wir eine Erlaubnis haben, weil das einfach mit so vielen Vorteilen verbunden ist, das man sich wieder frei bewegen kann und auch wieder direkten Kontakt zum Laborpersonal haben kann und Besprechungen durchführen kann."

Auch in anderen Interviews hatte Şahin bereits seine Haltung zur eigenen Impfung zum Ausdruck gebracht. So sagte er am 10. Dezember zu RTL: "Wir warten zunächst ab, welche Gruppierungen eine Impfung bekommen können, und werden uns daran orientieren. Falls wir eine Möglichkeit haben, auch Mitarbeiter zu impfen, weil sie systemrelevante Arbeit leisten, würden wir das natürlich sehr schnell und sehr gerne tun." Ähnliches sagte er auch der "Sächsischen Zeitung", dem österreichischen Kurier, NTV und auch Bild (Paywall).

Der Impfplan der Bundesregierung

Die rechtlichen Grundlagen für die Impfung sind in  der "Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronavirus-Impfverordnung-CoronaImpfV)" des Bundesgesundheitsministerium festgehalten. Die Verordnung gibt die Reihenfolge an, in der die Menschen in Deutschland Anspruch auf eine Impfung haben.

Die höchste Priorität bei der Schutzimpfung haben demnach Menschen über 80 Jahren, Menschen in Pflegeheimen oder diejenigen, die mit Menschen dieser Gruppe arbeiten, zum Beispiel Pflegerinnen und Pfleger. Auch das Personal medizinischer Einrichtungen, das ein erhöhtes Ansteckungsrisiko hat, gehört zu den Ersten, die eine Impfung bekommen können. Das Unternehmen Biontech selbst gehört nicht in diese Gruppe.

Şahin und seine Mitarbeitenden gehören auch nicht zur zweiten Stufe, der hohen Priorität. Laut Verordnung sollen über 70-Jährige, Menschen mit Trisomie 21, Demenz, einer geistigen Behinderung oder Menschen nach einer Organtransplantation sowie enge Kontaktpersonen dieser Gruppen geimpft werden. Auch die Polizei und das Ordnungsamt, der öffentliche Gesundheitsdienst und medizinische Einrichtungen wie Blutspendedienste werden in der zweiten Stufe priorisiert.

Fazit: Das verbreitete Zitat des Biontech-Chefs Ugur Şahin ist falsch. Er hat es im zitierten Interview so nie gesagt. Teile seiner Aussagen wurden außerdem in einen falschen Kontext gebracht. Auch seine öffentlichen Aussagen in der Vergangenheit stehen im Widerspruch zur vermeintlich jetzt gemachten Aussage.

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