Antigen-Tests an Apfelmus oder Cola beweisen nicht deren Wertlosigkeit

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Tausende Facebook-Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang Dezember ein Video geteilt, das die Unzuverlässigkeit von Corona-Tests beweisen soll. Im Video wird Apfelmus mit einem Antigentest auf Corona überprüft, das Ergebnis fällt positiv aus. Das ist aber nicht aussagekräftig, sagen Expertinnen und Experten.

Mehr als 6100 Menschen haben seit Anfang Dezember ein Video geteilt, das die Corona-Testung eines Päckchens Apfelmus zeigt. Eine Person mit blauen Handschuhen legt darin einen Corona-Test und eine kleine Packung Apfelmus auf eine Stoffoberfläche. Sie öffnet das Apfelmus und testet es. Nach kurzer Wartezeit hält die Person den Teststreifen in die Kamera: Er ist positiv. Nutzer teilen das Video etwa mit den Worten: "#PLANdemie Test ist SEHR vertrauenswürdig." oder "Apfelmus hat Corona". Auch auf Twitter verbreiten Hunderte User das Video, auf Telegram sehen das Video ebenso Tausende (hier oder hier). Das Video wird auf Facebook auch in anderen Sprachen geteilt, etwa auf Serbisch.

Ein ähnlicher Corona-Lebensmitteltest erreichte kurze Zeit später den österreichischen Nationalrat. Dort testete der FPÖ-Abgeordnete Michael Schnedlitz am 10. Dezember am Rednerpult ein mitgebrachtes Glas Cola auf Corona, um damit die Unzuverlässigkeit der Tests zu belegen. "Und wie wertlos dieser Test ist, werden wir am Ende meiner Rede sehen, wenn das Ergebnis vorliegt, sehr geehrte Damen und Herren. Sie sprechen von Blödsinn, bezahlen tut das die Bevölkerung", sagte er und hielt wenig später ein Testergebnis in die Höhe, das er als positiv bezeichnete. In einer anschließenden Mitteilung schrieb die FPÖ: "Mittels eines einfachen aber eindrucksvollen Experiments zeigte heute der freiheitliche Generalsekretär NAbg. Michael Schnedlitz in seinem Debattenbeitrag auf, dass einfaches Cola bei den Corona-Schnelltests ein positives Ergebnis erwirkt und somit die gesamten Corona-Massentests wertlos sind." Diese Ableitung ist allerdings nicht aussagekräftig.

Facebook-Screenshot: 11.12.2020

Die hunderten weltweit verfügbaren Tests lassen sich grob in drei verschiedene Arten unterteilen. Es gibt PCR-Tests, die einen ganz bestimmten Teil des Erbgutes des Corona-Virus aus einer genommenen Probe vervielfältigen und mit einem biochemischen Verfahren untersuchen. Ist das Erbgut vorhanden, gilt man als infiziert (nicht unbedingt als infektiös). Das Robert Koch-Institut (RKI) bezeichnet diesen Test als "Goldstandard" für die Diagnostik, weltweit wenden ihn Labore an, um das Corona-Virus nachzuweisen,

Dann gibt es serologische Tests. Mit ihnen lässt sich überprüfen, ob ein Mensch Antikörper gegen das Coronavirus im Blut trägt. Diese Testmethode nutzen vor allem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, um abzuschätzen, wie viele Personen bereits eine Infektion durchgemacht haben. Das RKI gibt hier einen Überblick von Antikörper-Studien in Deutschland.

Und dann gibt es noch Antigen-Tests. Sie sind weniger genau als PCR-Tests, dafür schneller. Sie sind weniger sensitiv als PCR-Tests, es muss also eine größere Viruslast vorliegen, damit sie ein positives Ergebnis anzeigen (mehr dazu hier). Das heißt, dass insbesondere zu einem Zeitpunkt einer Corona-Infektion, an dem sich noch oder nur noch wenige Viren im Körper befinden, der Antigen-Test fälschlicherweise negativ ausschlagen kann.

Österreich setzt die Antigen-Tests etwa bei seiner Massentestung im Dezember ein. Während der PCR-Test direkt auf das Erbgut des Corona-Virus testet, überprüft der Antigen-Test auf einzelne Proteine, die die das Virus umgeben. Binden sich diese Bestandteile des Virus an bestimmte in der Probe enthaltene Antikörper, führt das zu einem positiven Ergebnis. Es gebe dabei zwar Unterschiede in der Qualität der Tests, die meisten wiesen aber ausreichend hohe Spezifität auf, heißt es in einer als Preprint veröffentlichten Studie der Charité-Universitätsmedizin Berlin. Sie empfiehlt, positive Antigen-Ergebnisse immer noch einmal mit einem PCR-Test zu überprüfen.

Beim im Video gezeigten Test handelt es sich um einen solchen Antigen-Test. Genauer genommen um den "MEDsan SARS-CoV-2 Antigen Rapid Test". Das Logo des Herstellers ist im Video gut sichtbar. Wie man so einen Schnelltest richtig liest, erklärt die Virologin Sandra Ciesek auf Twitter. Ciesek ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und tritt regelmäßig gemeinsam mit Christian Drosten im "Coronavirus Update" des NDR auf. Schnelltests mit sichtbarer Test-Linie sind demnach positiv. Die Stärke der Linie hänge dabei mit der Menge an Viren zusammen, schreibt Ciesek. Der Kontrollstreifen muss ebenfalls immer sichtbar werden, damit der Test gültig ist. Er zeigt, ob eine Reaktion stattgefunden hat oder nicht. Das steht so auch in der Packungsbeilage von Hersteller MEDsan.

Packungsbeilage von MEDsan – 10.12.2020

AFP hat den Hersteller des gezeigten Tests, MEDsan, am 9. Dezember kontaktiert. Sprecher Kai Markus Xiong zweifelte nicht an der Echtheit des Videos. Auch AFP konnte keine offensichtliche Manipulation der Aufnahme erkennen. Xiong weist darauf hin, dass nicht zu erkennen sei, ob der Test anwendungsgerecht durchgeführt worden sei: "Wir wissen nicht, ob die im Video zu sehende Person mit Corona infiziert ist und ob der Test richtig gelagert wurde. Außerdem ist eine sach- und fachgerechte Dekontamination bei einer Stoffunterlage nicht möglich."

MEDsan führte nach der Anfrage von AFP außerdem selbst einen Versuch durch, um das im Video gezeigte Ergebnis nachzustellen. Zwei mittels PCR-Test negativ getestete Mitarbeiter prüften dabei unabhängig voneinander alkoholisches Desinfektionsmittel, Erdbeermarmelade, Glasreiniger, Äpfel und Apfelsaft. Das Ergebnis zeigt tatsächlich ein positives Testergebnis für das Desinfektionsmittel und ein schwach positives Testergebnis für die überprüfte Erdbeermarmelade. 

Ergebnisse Feldversuch von MEDsan am 09.12.2020

Für MEDsan steht diese Versuchsergebnisse nicht mit im Widerspruch zur Zuverlässigkeit ihres Antigen-Tests:  "Wir haben dieses Produkt nicht auf Apfelmus erforscht, das ist auch nicht unsere Aufgabe. "Aufgabe sei, dass der Test beim Menschen zuverlässige Ergebnisse liefere. Ihn auf Lebensmittel anzuwenden, bedeute nicht, dass es Zweifel an seiner Aussagekraft beim Nachweis von SARS-CoV-2 gebe.

“Der Test ist als Werkzeug für geschultes Personal zu betrachten”, sagte Sprecher Xiong weiter. Solches Personal achte darauf, dass verfälschende Faktoren wie Lebensmittel keinen Einfluss auf den Test hätten. Es entnimmt die Probe ähnlich wie beim PCR-Test an der Nasen- oder Rachenwand. "Sie werden bei einem solchen Test auch keinen vollen Mund haben", ergänzte Xiong.

Die Massentests in Österreich erfolgen tatsächlich meist über die Nase und nicht über den Rachen. Während der Testung im Rahmen der Antigen-Schnelltests dürfen weder Speisen noch Getränke konsumiert werden, schrieb dazu eine Sprecherin des österreichischen Gesundheitsministeriums am 11. Dezember an AFP. Bei anderen Testungen, zum Beispiel in einer Apotheke, werde dies durch speziell geschultes Personal sichergestellt, so das Ministerium.

Mit geringen Mengen an Lebensmittelresten könne der Test außerdem umgehen, schrieb Annette Beck-Sickinger AFP am 14. Dezember an AFP. Sie ist Professorin für Biochemie an der Universität Leipzig. "Unsere Nahrung gelangt an den Bereich, an dem der Abstrich gemacht wurde, höchstens in Spuren, Speichel neutralisiert sie zudem." Ihrer Ansicht nach könnten Problem nur entstehen, wenn kurz zuvor erbrochen worden sei – direkt danach würde geschultes Personal aber eher keinen Rachentest abnehmen.

Das sieht Klaus Vander ähnlich. Er ist ärztlicher Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie in Graz. "Bei einem Nasenabstrich ist das kein Problem. Bei einem Abstrich über den Rachen könnte das nur sehr, sehr theoretisch passieren, aber es ist bei richtiger Anwendung vernachlässigbar", sagte er am 14. Dezember gegenüber AFP.

Unprofessionelles Personal sollte den Test auch nicht anwenden. "Das Testkit ist im Gesundheitswesen und im wissenschaftlichen Forschungsbereich und nur für den professionellen Gebrauch anwendbar", steht in der Gebrauchsanweisung von MEDsan. Die Abgabe von sogenannten in-vitro-Diagnostika ist laut Medizinprodukte-Abgabeverordnung in Deutschland nur an medizinische Fachkreise erlaubt. Darüber gibt es anhaltende Diskussionen, der Arztvorbehalt wurde in Deutschland zuletzt auf Pflegeheime und Schulen ausgeweitet. In Österreich dürfen seit November auch Apotheken einen Schnelltest machen, eine laufend aktualisierte Liste der Österreichischen Apothekerkammer zeigt, wo das möglich ist.

AFP hat das Video auch Expertinnen und Experten aus den Bereichen Immunologie und Biochemie gezeigt. Sie weisen darauf hin, dass die richtige Anwendung entscheidend sei, um zu einem gültigen Ergebnis zu kommen. Thomas Decker ist Professor für Immunbiologie an der Universität Wien. Er schrieb AFP am 10. Dezember: "Es ist kein Kunststück, die Bedingungen eines solchen Tests so sehr zu verfälschen, dass er falsche Ergebnisse liefert. Der Test ist für Bedingungen entwickelt worden, welche geeignet sind, die Bindung eines Antikörpers an Antigene zu erlauben und nicht für Reaktionen in irgendwelchen klebrigen Lebensmitteln. Ebenso könnte man sich darüber mokieren, dass ein Auto nicht mehr fährt, wenn man Apfelmus in den Tank füllt."

Dasselbe schrieb Annette Beck-Sickinger. Ein biochemisches Verfahren sei nur dann exakt, wenn man es korrekt anwende, sagt sie am 10. Dezember: "Ein Test kann nur funktionieren, wenn man die Bedingungen einhält."

Für diese richtigen Bedingungen sorgt im Fall des Antigen-Tests unter anderem die Pufferlösung. Dabei handelt es sich um jene Lösung, in die man den Abstrich gibt. "Sie ist natürlich nicht in der Lage, große Menge an Säure (wie bei Äpfeln oder Mangos) zu neutralisieren", schreibt Beck-Sickinger. Ändert man die Funktionsbedingungen des Tests, wie etwa seinen pH-Wert, bestimmte Ionen oder die Temperatur, könne das dazu führen, "dass die Antikörper unspezifisch ausfallen (und dann positiv anzeigen), denaturiert werden oder unspezifisch an die Bindeantikörper haften", schreibt Sickinger. Kurz: Der zweckentfremdete Test zeige ein falsches Ergebnis.

Beim Cola-Video aus dem österreichischen Nationalrat ist das ähnlich, auch hier verletzt der Anwender die biochemischen Bedingungen, die die Pufferlösung ausmacht. FPÖ-Redner Schnedlitz schwenkt seine entnommene Corona-Probe offenbar gar nicht in der Pufferlösung. Der saure pH-Wert der Cola zerstöre außerdem das Antikörper-Protein des Tests, das mit dem Virus reagiert, schreibt der Hersteller des im Nationalrat benutzten Tests auf seiner Facebook-Seite. Dieses Ergebnis sei auch für andere Antigen-Test zu erwarten.

Fazit: Das Video beweist nicht, dass der Antigen-Test generell wertlos ist. Es zeigt lediglich, dass ein Antigen-Test bei zweckentfremdeter, falscher Anwendung zu verfälschten Ergebnissen führt. Über die Richtigkeit von Ergebnissen bei korrekter Anwendung gibt das Video keinen Aufschluss. Die FPÖ-Behauptungen sind damit ebenfalls falsch. Auch wenn Antigen-Tests weniger zuverlässig sind als andere Testmethoden wie etwa PCR-Tests, geben sie bei richtiger Anwendung einen guten Anhaltspunkt für eine vorliegende Infektion.

Eine ähnliche Behauptung hat AFP bereits vor einem Monat in Polen überprüft (hier). Dort hatte ein Sanitäter Anfang November einen Fruchtsaft auf Corona hin untersucht.

Korrektur: Datumsangabe
CORONAVIRUS