Nein, die ARD hat diesen Raketenangriff auf ein Hochhaus in Gaza nicht erfunden

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  • Veröffentlicht am 19. Mai 2021 um 15:16
  • Aktualisiert am 19. Mai 2021 um 16:17
  • 3 Minuten Lesezeit
  • Von: Max BIEDERBECK, AFP Deutschland
Dutzende User auf Facebook und Zehntausende auf Telegram haben eine Behauptung geteilt, wonach die ARD-Tagesschau einen Luftangriff in Gaza erfunden haben soll. Die Postings behaupten weiter: Nicht Raketen, sondern eine kontrollierte Sprengung habe zum Zusammenbruch des Al-Jalaa-Hochhauses in Gaza geführt. Zusätzliche Filmaufnahmen der Szene beweisen allerdings eindeutig den Einschlag von Raketen.

Dutzende User auf Facebook haben einen Beitrag der 20-Uhr-Tagesschau vom 15. Mai geteilt und der ARD damit Betrug vorgeworfen (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen mehr als 15.000 User die Behauptung (hier, hier).

Im geteilten Video filmt ein Mann den ARD-Beitrag von einem Bildschirm ab und erklärt dazu: "Ihr seht die Bombe von oben, dann schaut mal auf das Gebäude, wie das zertört wird (...) Das ist eine Sprengung dieses Gebäudes und nicht ein Luftangriff von oben, wie man deutlich sehen kann. So betrügt die ARD."

Dazu heißt es in den meisten Postings wortgleich: "Tagesschau verkauft Sprengung im Gazastreifen als Luftangriff.  Offensichtlicher geht Lügenberichterstattung nicht! Sie haben anscheinend seit WTC 7 an 9/11 nichts dazugelernt."

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Facebook-Screenshot: 19.05.2021

Im Mai ist der Konflikt zwischen Israel und Palästinenser*innen im Gazastreifen und den besetzten Gebieten erneut eskaliert (mehr dazu hier oder hier). Nach heftigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstrierenden in Jerusalem war es zu massivem Raketenbeschuss auf israelische Gebiete aus dem Gazastreifen heraus gekommen. Die israelische Armee beschoss daraufhin ebenfalls Ziele im Gazastreifen. 

Dabei kam es unter anderem zu einem zuvor angekündigten Raketenangriff auf das Al-Jalaa-Hochhaus in Gaza-Stadt, in dem auch Büros ausländischer Medien untergebracht waren. Darunter AP und Al Jazeera. AFP berichtet hier über den Angriff, der zu Kritik von Journalist*innenverbänden weltweit führte (mehr dazu hier). Auch AFP schloss sich öffentlich dieser Kritik an (hier).

Aber hat der Angriff mit Raketen gar nicht stattgefunden, wie auf Facebook und Telegram behauptet?

Im Video der ARD selbst sind die Raketeneinschläge tatsächlich nicht zu erkennen. Es springt von einer Luftaufnahme direkt zur Explosion. In anderen Aufnahmen derselben Szene sind die Flugkörper aber durchaus zu sehen.

Hier etwa der erste Raketeneinschlag in einer Videoaufnahme, die unter anderem der Guardian veröffentlichte:

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Screesnhot des Guardian-Videos, 19.05.2021, Hervorhebung durch AFP

Der zweite Raketeneinschlag ist schwieriger auszumachen, weil viele Medienvertreter*innen den Angriff auf das Hochhauses nur aus einer bestimmten Perspektive filmten. AFP hat deshalb auf Arabisch nach weiteren Aufnahmen vom Angriff gesucht und wurde fündig.

In folgendem Filmmaterial von Alfallujah-TV ist die von schräg oben kommende Rakete bei Minute 1:34 im Bewegtbild für einen kurzen Moment eindeutig zu erkennen:

Hier die Szene noch einmal als Screenshot:

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Screenshot von Alfallujah-TV, 19.05.2021, Hervorhebung durch AFP

Auch eine Analyse des Senders Al-Jazeera zeigt ab Minute 0:20 eindeutig, dass Raketen beim Angriff auf das Hochhaus zum Einsatz kamen.

Fazit: Nein, die Tagesschau hat den Luftangriff auf das Al-Jalaa-Hochhaus in Gaza nicht erfunden. Es handelte sich auch nicht um eine kontrollierte Sprengung, wie in den Postings behauptet wird. Der Raketenangriff der israelischen Armee war zuvor angekündigt worden und erlangte weltweite Medienaufmerksamkeit.

 

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