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Nein, die deutsche Kundschaft hat sich im Januar nicht gegen Elektrofahrzeuge entschieden

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Tausende User haben Ende Februar eine Behauptung geteilt, wonach sich Kundinnen und Kunden im Januar 2021 explizit gegen den Kauf von Elektroautos entschieden hätten. Als Quelle dient ein Blog-Artikel mit der Überschrift: "Die katastrophal abstürzende Nachfrage bei Elektroautos". Das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) sowie der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) widersprechen dieser Aussage allerdings. Sie ignoriert den Abfall der Verkaufszahlen über alle Pkw (auch Verbrenner) hinweg, gibt einen verfälschten Trend wieder, und auch eine "Entscheidung gegen E-Autos" gibt es nicht.

Tausende User haben seit dem 23. Februar allein dieses Posting des EU-Parlamentariers Markus Buchheit (AfD) mit der Elektroauto-Behauptung geteilt. Auch andere AfD-Politikerinnen und Politiker verbreiteten die Aussage (hier, hier, hier). Weitere Postings finden sich hier, hier, hier. Sie alle basieren auf dem Artikel eines Lifestyle-Blogs mit dem Namen "Shots Magazin".

AfD-Politiker Buchheit schrieb dazu: "Jetzt spricht der Kunde. Und dem gefällt so gar nicht, was die Politik in Brüssel und Berlin sich so für ihn ausgedacht hat. Trotz enormer Förderungen durch Steuergelder stürzt die Nachfrage nach E-Autos katastrophal ab. Das passiert halt, wenn Realität auf Planwirtschaft trifft."

Facebook-Screenshot: 03.01.2021

Der verlinkte Artikel behandelt eine vermeintlich einbrechende Zahl der Förderanträge auf Elektroautos und schreibt dazu: "Jetzt spricht der Kunde."

Im Text heißt es: Im Januar seien lediglich 16.316 Anträge auf Förderung von Elektroautos beim zuständigen Bundesamt Bafa eingegangen. Im Dezember seien es noch 43.671 Anträge gewesen. Daraus schließt der anonyme Autor des Artikels: "Die abstürzende Nachfrage ist ein ominöses Zeichen für die sogenannte 'Verkehrswende', die eine Elektrifizierung des Individualverkehrs veranlassen will. Offenbar wächst die Skepsis der Kunden."

AFP hat die Bafa selbst am 26. Februar zu den Zahlen befragt. In einer E-Mail schrieb Sprecher Nikolai Hoberg: "Die in dem von Ihnen zitierten Artikel genannten Zahlen zur Anzahl der geförderten Fahrzeuge durch den Umweltbonus sind falsch."

Das Bafa verzeichne im Gegenteil eine kontinuierlich starke Nachfrage bei den Antragszahlen zum Umweltbonus. "So wurde das ohnehin für die Elektromobilität starke Jahr 2020 im Dezember mit zusätzlichen 58.365 im Monat beantragten Fahrzeugen mit einem Antragsrekord abgeschlossen. Im Januar dieses Jahres wurden für 39.685 klimafreundliche Fahrzeuge eine Förderung beantragt", schreibt Hoberg.

Die Bafa macht diese Zahlen auch öffentlich:

Das Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) teilte dazu passend bereits am 3. Februar mit. Im Januar seien fast 118 Prozent mehr Elektroautos zugelassen als im Januar des Vorjahres. 

Woher aber kommen die Zahlen?

AFP hat sich mit dieser Frage an den ADAC gewendet. Dessen E-Auto Experte Matthias Vogt sagte in einem Telefonat am 25. Februar: "Der unbekannte Autor verwechselt hier Zulassungszahlen mit den Anträgen für den Umweltbonus. Das sind verschiedene Dinge. Er redet von Anträgen bei der Bafa, nennt aber die Zulassungszahlen des  Kraftfahrzeugbundesamtes."

Trends über das Kaufverhalten in Deutschland abzuleiten, sei auf Grundlage der Bafa-Zahlen schwierig. "Kunden reichen Förderanträge etwa wegen Feiertagen verzögert ein, und zahlreiche Elektrofahrzeuge bekommen sowieso keine Förderung", sagte Vogt. Weiter erklärte er: "Dass die KBA-Zahlen im Januar gegenüber Dezember deutlich zurückgegangen sind, ist Fakt. Von 43.671 im Dezember auf 16.315 Fahrzeuge im Januar."

Das habe allerdings vor allem damit zu tun, dass Kundinnen und Kunden gegen Ende 2020 bereits ihre Fahrzeuge kauften, um von der geringeren Mehrwertsteuer zu profitieren, die bis Ende 2020 gegolten hatte. "Ein weiterer wesentlicher Grund für den schlechteren Absatz im Januar ist dann außerdem im Lockdown begründet, in dem viele Auslieferungen nicht möglich waren und Autohäuser in Kurzarbeit sind", sagte Vogt. Eine Kundenentscheidung gegen Elektrofahrzeuge ließe sich daraus in keinem Fall ablesen. 

"In Anbetracht dessen, wie viele Elektroautomodelle sich im Marktstart befinden oder angekündigt sind und auch aufgrund der Fortschreibung des erhöhten Umweltbonus bis 2025 ist aktuell nicht davon auszugehen, dass die Nachfrage längerfristig signifikant zurückgehen dürfte. Eher im Gegenteil", erklärte Vogt.

Dazu kommt, dass der Umsatz laut Kraftfahrtbundesamt im Januar über alle Pkw hinweg und keinesfalls nur bei Elektrofahrzeugen um 31 Prozent eingebrochen ist (hier, hier). Kundinnen und Kunden kauften im Januar 2021 also nicht nur weniger Elektroautos, sondern insgesamt weniger Autos. 

AFP hat am 1. März auch noch einmal das "Shot Magazin" wegen des Artikels kontaktiert. Ein Sprecher verwies in einer Antwort darauf, am Artikel festhalten zu wollen, außerdem nutze der Blog lediglich Inhalte von verschiedenen Nachrichtenplattformen. In diesem Fall einen Artikel von "Auto-Medienportal.net". Auf eine Anfrage dort erhielt AFP zunächst keine Antwort.

Fazit: Kundinnen und Kunden haben sich im Januar nicht gegen Elektrofahrzeuge entschieden, sondern kauften insgesamt weniger Pkw. Gründe dafür sind die Normalisierung der Mehrwertsteuer im Vergleich zu 2020 und die Corona-Maßnahmen für den Handel. Im Vergleich zum Vorjahr haben Kundinnen und Kunden sich nicht vom Elektrofahrzeug abgewendet, vielmehr wurden 118 Prozent mehr E-Autos zugelassen als im Januar 2020. Die Zahlen, auf denen die Einschätzung basiert, verwechseln außerdem Zulassungszahlen mit Förderanträgen.

Update, 2.03.2020 : Fehler bei Vogt-Zitaten korrigiert