Diese Sprachnachricht über ein Kraftwerk in Brandenburg enthält Falschinformationen über Corona-Kontrollen

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Seit Ende November haben Tausende Facebook-Userinnen und User eine Sprachnachricht über das Kraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg geteilt. 90 Prozent der Angestellten dort würden aus Protest gegen Corona-Regeln nicht mehr zur Arbeit erscheinen, heißt es darin. Außerdem kontrolliere die Polizei diese Vorschriften. Das Betreiberunternehmen LEAG sowie der Betriebsrat verneinten gegenüber AFP, dass es ein ungeplantes Fernbleiben von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegeben habe. Die Polizei dementierte ebenfalls, am Kraftwerk Corona-Kontrollen vorgenommen zu haben.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Ende November eine rund dreiminütige Sprachnachricht auf Facebook und Telegram geteilt. Ein Mann spricht darin über den "Irrsinn" der Corona-Kontrollen und berichtet von der Schilderung eines Kollegen, der in den Kraftwerken Schwarze Pumpe und Jänschwalde im Südosten Brandenburgs arbeitet.

Die Falschbehauptung: In der anonymen Sprachnachricht heißt es konkret: "Gestern hat die Polizei vor dem Kraftwerk Schwarze Pumpe gestanden und hat alle nach Hause geschickt, die nicht getestet waren." Damit sei auch der Betrieb des Kraftwerks gefährdet: "Es lässt sich keiner testen und auch keiner impfen. Somit (..) wäre das Kraftwerk dann stillgelegt." Überschrieben ist seine Schilderung mit den Worten"2G-Kontrolle im Kraftwerk Schwarze Pumpe – 90 Prozent kommen nicht mehr zur Arbeit". In Telegram-Gruppen fragen User dazu: "Steht das Kraftwerk schwarze Pumpe bald still?" Jänschwalde erwähnt er nur am Rande, da sein Kollege dort ebenfalls arbeiten soll.

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 09.12.2021

Schwarze Pumpe und Jänschwalde sind Braunkohlekraftwerke in Brandenburg, beide betrieben von der Lausitz Energie Verwaltungs GmbH, kurz LEAG.

In Deutschland gelten seit dem 24. November neue Corona-Regeln am Arbeitsplatz. Beschäftigte müssen dort seither nachweisen, dass sie geimpft, genesen oder negativ getestet sind. Zudem müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden zwei Corona-Tests pro Woche kostenlos zur Verfügung stellen, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund erklärt. Diese Corona-Maßnahmen sind auch unter dem Namen 3G bekannt und gelten auch in Brandenburg. 2G, wie in den Facebook-Postings teilweise fälschlich angeführt, bezeichnet den Zutritt nur für Geimpfte oder Genesene.

Die angebliche Polizeikontrolle

Der anonyme Mann erzählt in der Sprachnachricht: "Mein Kollege arbeitet ja für einen Energieversorger. Der arbeitet in Schwarze Pumpe und in Jänschwalde. (…) Gestern hat die Polizei vor dem Kraftwerk Schwarze Pumpe gestanden und hat alle nach Hause geschickt, die nicht getestet waren."

Die Betreibergesellschaft LEAG warnt dazu auf seiner Website vor Falschinformationen über die vermeintlichen Polizeikontrollen: "Achtung, Fake News über Polizeieinsätze zur Umsetzung von 3G im Umlauf". Die Umsetzung der 3G-Regeln habe LEAG mit eigenen Mitarbeitern und Dienstleistern organisiert. "Unmut über die Kontrollen gab es an keinem der Standorte, auch war zu keinem Zeitpunkt die Polizei daran beteiligt", heißt es in der Erklärung weiter

Am 3. Dezember präzisierte LEAG-Sprecherin Kathi Gerstner gegenüber AFP: "Die Polizei war nie an den Testungen beziehungsweise 3G-Kontrollen beteiligt. Der Unternehmensschutz hat im Eingangsbereich der Kraftwerke sowie der Tagesanlagen der Tagebaue Testbereiche eingerichtet." Dabei komme es zu etwa 1000 Tests am Tag, für die das Unternehmen die Kosten trage. "Mit Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen an den Standorten und aus der Verwaltung werden die notwendigen Tests für bislang Ungeimpfte angeboten und überwacht."

Enrico Kockrow ist Betriebsratsvorsitzender bei LEAG, vertritt also die Interessen der Angestellten im Unternehmen. Auch er schrieb er am 10. Dezember an AFP: "Eine polizeiliche Begleitung ist mir nicht bekannt. Der Unternehmenskrisenstab hat an den Werktoren (Kraftwerke & Tagebaue) Teststationen eingerichtet. In diesen Teststationen haben die ersten Wochen eingewiesene Kollegen/Kolleginnen andere Kollegen/Kolleginnen getestet." Aktuell würden so zwischen 900 und 1050 Personen pro Tag getestet.

AFP hat am 6. Dezember außerdem mit Maik Kettlitz von der Polizeidirektion Brandenburg Süd gesprochen. Er bestätigte ebenfalls, dass die Polizei an keinen solchen Kontrollen beteiligt war. Das sei die Aufgabe der Arbeitgeber.

Kraftwerksbetrieb nicht gefährdet

Der anonyme Mann erzählt in seiner Sprachnachricht weiter von seinem Bekannten: "Morgen muss er wieder an die Schwarze Pumpe, und der wird sich nicht testen lassen und hat auch schon zum Chef gesagt, er wird alle Leute mitnehmen, weil 90 Prozent von seinen Mitarbeitern ungeimpft sind. Und es lässt sich keiner testen und auch keiner impfen. Somit (..) wäre das Kraftwerk dann stillgelegt."

Auch das dementierte LEAG-Sprecherin Gerstner: "Durch die 3G-Regelung am Arbeitsplatz verzeichnen wir weder einen erhöhten Krankenstand noch ein ungeplantes Fernbleiben von Mitarbeitern." Der Betrieb der LEAG-Anlagen sei nicht gefährdet. Die Zahl der Geimpften und Genesenen in der Belegschaft betrage entsprechend der regionalen Quote etwa 60 Prozent. In Brandenburg waren am 9. Dezember laut Dashboard von Bundesgesundheitsministerium und Robert Koch-Institut 62,8 Prozent vollständig geimpft, im angrenzenden Sachsen 58,7 Prozent.

Betriebsratsvertreter Kockrow ergänzt, dass das betriebliche Angebot zur Impfung genutzt werde. Auch er weist die Behauptung vom angeblich gefährdeten Kraftwerksbetrieb zurück: "Die saisonal erhöhte Anforderung (Strom und Wärme) unserer Kraftwerke ist gesichert." Auch von vermehrten Ausfällen der Belegschaft weiß er nichts: "Die Kennzahlen zum Krankenstand sind nahe den gewohnten Vorjahreszahlen und Vorjahreszeiträumen."

Arbeitgeber des Sprechers dementiert ebenfalls

Zu Beginn seiner Sprachnachricht über die Braunkohlekraftwerke erwähnt der anonyme Mann noch seinen eigenen Arbeitgeber, die Baufirma Overmann: "Das Krasse ist bei Oevermann, für die ich arbeite, bezahlt zwei Tage den Test. Fünf Mal musst du haben, also drei Mal müssten die selber bezahlen. Jetzt sagen 90 Prozent auf der Baustelle, die kommen nicht mehr arbeiten. Die melden sich entweder krank oder die kündigen gleich oder nehmen ihre gesamten Überstunden."

Overmann ist ein Tochtergesellschaft des Bauunternehmens PORR Deutschland. PORR-Sprecher Udo Pauly schrieb am 8. Dezember an AFP: "Wir stellen bei PORR Oevermann mit Stichtag der Einführung der 3G Regeln am Arbeitsplatz in Deutschland unseren Mitarbeitern fünf Tests (für Mitarbeiter, die nicht geimpft oder genesen sind) kostenlos zur Verfügung und gehen dabei bewusst über die Bestimmungen der aktuell geltenden Arbeitsschutzrichtlinie in Deutschland hinaus." Die 3G-Kontrollen werden laut Pauly auch bei Oevermann durch die zuständigen Führungskräfte vorgenommen. "Kontrollen seitens behördlicher Stellen wurden bei Oevermann nicht durchgeführt."

Auch bei Oevermann gibt es dem Sprecher zufolge keine besonderen Abwesenheiten: "Der Krankenstand im Unternehmen ist derzeit auf dem üblichen Niveau. Der Auf- und Abbau von Urlauben und Überstunden verläuft mit einem ähnlichen Saisonverlauf wie in den Vorjahren. Wir erkennen keine Auffälligkeiten. Ausfälle gibt es keine."

In den verbreitenden Telegram-Gruppen wiesen manche User mittlerweile auf die Falschinformationen in der Sprachnachricht hin. "Die gestrige Audionachricht bezüglich Kraftwerk stimmt nicht", heißt es dort, oder: "Viele fanden (auch ich) die Sprachnachricht klasse aber leider war es anders. (..) Wie sich nun rausstellte war die Sprachnachricht nicht zu 100% korrekt."

Fazit: Der Betrieb von zwei großen Braunkohlekraftwerken ist laut Betreibergesellschaft nicht gefährdet. Eine Sprecherin von LEAG sowie der Betriebsratsvorsitzende berichten von normalen Krankenstandszahlen. Polizeikontrollen fanden dort laut Polizei Brandenburg Süd nicht statt.

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