Diese Aufnahmen zeigen keine aktuellen Straßenblockaden

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Ende September Aufnahmen von angeblich aktuellen riesigen Straßenblockaden auf Facebook geteilt. LKWs und Traktoren hätten laut den Postings in den Niederlanden, aber auch in Italien und Österreich das Fortkommen auf Straßen behindert, um damit gegen Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Die Aufnahmen der großen Proteste sind allerdings alt. Sie stammen unter anderem von einem Bauernprotest im Jahr 2019 oder von einem Streik im Hafen von Genua. Mit aktuellen Corona-Demos haben sie nichts zu tun.

Bis an den Horizont stauen sich Traktoren und andere Fahrzeuge auf einer mehrspurigen Straße. Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Ende September dieses Bild samt Behauptung über den Aufstand der LKWs auf Facebook geteilt (hier, hier). Auch auf Französisch verbreiteten Tausende User das Bild.

Die Falschbehauptungen: Das Bild der blockierten Straße ist von einem Text überdeckt: "und so sieht es aus wenn man ernst macht. wie heute in Holland", steht als Beschreibung der Szene. Einige Postings suggerieren dazu einen Zusammenhang mit aktuellen Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen. So kommentierte etwa ein Nutzer: "Weg mit diesen Politikern in jeden Land die für Zwangs Impfung, und 3 G sind".

Die Behauptung angeblich blockierter Straßen als Corona-Protest sind Teil einer größeren Erzählung. Es gibt sie momentan nicht nur in Bezug auf die Niederlande. Nutzerinnen und Nutzer haben auch verschiedene Aufnahmen geteilt, die angeblich aktuelle Proteste in Italien zeigen sollen oder sie kündigten vermeintliche LKW-Blockaden in Österreich an, die es dann aber gar nicht gegeben hat.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 28.09.2021

Protest in den Niederlanden?

AFP hat sich zunächst die geteilten Postings der Traktorblockade genauer angesehen. Dabei fiel auf: Zahlreiche User teilten erneut ein Posting aus dem Dezember 2019 mit demselben Bild, wohl ohne auf die Datumsangabe zu achten. Dass das Bild bereits im Jahr 2019 auf Facebook hochgeladen wurde, zeigt bereits, dass es sich um keine aktuelle Aufnahme handeln kann.

Eine Bildsuche führte AFP zu einem Artikel der "Ruhr Nachrichten" vom 18. Dezember 2019. Die Zeitung verwendete dasselbe Bild mit der Beschreibung "Die Landwirte hatten Autobahnen in den Niederlanden blockiert". Im Beitrag berichtet der Autor von einem Protest niederländischer Bauern in der Nähe der deutschen Grenze mit Traktoren, LKWs und sonstigen Fahrzeugen. Als Bildquelle nennen die "Ruhr Nachrichten" eine Interessenorganisation für Landwirtinnen und Landwirte namens "Land schafft Verbindung"

AFP hat bei "Land schafft Verbindung" nachgefragt. Vorsitzender Maike Schulz-Broers nannte den Fotografen nicht, aber schrieb am 29. September an AFP:

Mehrere Artikel (hier, hier, hier) erklärten damals die Hintergründe des Protests: Die Landwirte protestierten im ganzen Land, auch mit Unterstützung deutscher Landwirtinnen und -Wirte, gegen Umweltauflagen der niederländischen Regierung. Die hatte Maßnahmen zur Reduzierung des Stickstoff-Ausstoßes angesetzt, den beispielsweise Tierhaltung durch Gülle verursacht.

Dem Protest im Dezember 2019 gingen schon andere Demonstrationen voran. Bereits im Oktober 2019 hatten Traktor-Proteste Verkehrschaos in den Niederlanden verursacht. Im Streit um Stickstoffgrenzwerte blockierten die Landwirte Zufahrtsstraßen nach Den Haag, es kam zu Staus von Hunderten Kilometer Länge.

Auch ein weiteres Foto dieses Ereignisses, das Traktoren damals auf dem Weg nach Den Haag zeigt, teilen Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook aktuell in einem falschen Zusammenhang. Ein italienisches Posting verwendet etwa eine Aufnahme dieser Protestfahrt nach Den Haag, um eine ähnliche Aktion in Italien anzukündigen: "Auch sie sind bereit, den Truckern zu helfen!!! Ab dem 27. September bleibt Italien stehen!!!", schreibt der Postingautor dazu. Über 50.000 Nutzerinnen und Nutzer teilten das italienische Posting mit der alten Aufnahme im Zusammenhang mit einem aktuellen italienischen Corona-Protest. Auch in deutschsprachigen Facebookgruppen verbreitete sich das Bild in falschem Kontext.

Dieses Foto stammt aus dem Oktober 2019 und ist nicht aktuell. Facebook-Screenshot der Behauptung: 29.09.2021

Die spanische Zeitung "El País" verwendete die Aufnahme der niederländischen, grünen Traktoren, um über die dortigen Protestaktion im Oktober 2019 zu berichten. Ähnliche Aufnahmen desselben Fotografen kamen in Artikeln des US-Magazins "Politico" oder der "Deutschen Welle" vor. Es hat also weder etwas mit aktuellen Demonstrationen noch mit Italien zu tun.

Aktuell gibt es keine großen Bauernproteste in den Niederlanden. Auf seiner Website ist der letzte Demoaufruf der "Farmers Defense Force", die landwirtschaftliche Interessenorganisation, die auch hinter den Protesten von 2019 stand, vom Juli 2021. Im Juli kam es erneut zu Protesten gegen die Stickstoffpolitik, berichtete auch der dortige öffentlich-rechtliche Rundfunk NOS.

Bilder von Protesten in Italien?

Um den am 27. September angekündigten Protest in Italien zu illustrieren, benutzten User nicht nur Aufnahmen von niederländischen Bauernprotesten, sondern auch andere aus dem Kontext gerissene Videos. Nutzerinnen und Nutzer in Italien hatten zuvor in sozialen Netzwerken große Straßenblockaden gegen den sogenannten "Green Pass" angekündigt, bei denen angeblich LKWs das Land zum Stillstand bringen sollten. Sie waren ab dem 27. September angekündigt.

Der grüne Pass ist ein Dokument zum Nachweis einer Corona-Impfung, eines negativen Tests oder der Genesung. Ab dem 15. Oktober können die Italienerinnen und Italiener nur noch mit diesem "Green Pass" arbeiten gehen. Gegen den Pass gab es tatsächlich zahlreiche Demonstrationen, etwa in Rom, Mailand und Turin.

Die von Nutzerinnen und Nutzern in sozialen Netzwerken beschriebenen riesigen Straßenblockaden durch LKWs gab es aber nicht. Geteilte Aufnahmen, die protestierende LKWs belegen sollen, zeigen in Wahrheit andere Ereignisse.

Ein Nutzer schrieb zu einem Video, das unzählige LKWs aus der Vogelperspektive gefilmt zeigt: "Streik in ganz Italien durch LKW Fahrer. Wer in den nächsten 14 Tage nach Italien reisen möchte mit dem Auto, sollte es verschieben." Eine andere Nutzerin beschrieb die Aufnahme so: "Italien im Kampf: Die Leute konsolidieren sich. Während tausende italienische Trucker gegen den 'Green Pass' (Covid-Pass) protestieren und die Autobahn blockieren, bleiben italienische Bauern, die die tapferen Jungs in großen Autos unterstützten, hinter ihnen und blockieren lokale Straßen."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 29.09.2021

AFP hat mit Ausschnitten aus dem Video nach dem Ursprung der Aufnahme gesucht. Die italienische Tageszeitung "La Repubblica" veröffentlichte die Aufnahmen bereits am 12. März 2020, mit einem LKW-Streik im September 2021 kann sie damit nichts zu tun haben. Laut der Videobeschreibung der Zeitung handelte es sich dabei um einen Streik von Hafenarbeitern in Genua, der sich gegen die dortigen Arbeitsbedingungen richtete. Die Arbeiterinnen und Arbeiter beschwerten sich über fehlende Hygienemaßnahmen im Zusammenhang mit Covid-19. Mit Corona-Impfungen hatte der Streik nichts zu tun, im März 2020 gab es diese noch gar nicht.

Eine weitere hundertfach geteilte Version des Videos (hier, hier) fügt zum Video des Hafenstreiks in Genua noch eine weitere Aufnahme hinzu, die angeblich von der A19 in Sizilien stammt. AFP konnte den exakten Aufnahmeort und Datum nicht verifizieren. Das Video hatte ein Tiktok-Nutzer aber bereits Tage vor dem angeblichen Streik ab 27. September veröffentlicht. Blogs wie "Uncut News", der AFP bereits mehrfach wegen Fehlinformationen auffiel (hier, hier), verwendeten das Video, um auf den kommenden angeblichen Generalstreik hinzuweisen.

Die Videos aus dem Hafen von Genua sind dabei nicht die einzigen, die User in Italien verwendeten, um von angeblichen Massenblockaden zu berichten. Sie verbreiteten auf Facebook auch einen zehntausendfach geteilten Beitrag, in dem es auf Italienisch heißt: "Man beginnt für den grünen Pass zu blockieren".

Facebook-Screenshot der Behauptung: 30.09.2021

Das Video zeigt eine Kolonne an LKWs, die hupend langsam durch einen Ort fährt. Anhand der Firmenschilder im Video fand AFP heraus, dass es sich beim Aufnahmeort um eine Straße in der Stadt Carmagnola in der italienischen Region Piemont handelt.

Italienische Faktenchecker (hier, hier) haben sich bereits mit dem Video beschäftigt. Es zeigt demzufolge eine Truck-Rally vom 25. September 2021 bei einem Stadtfest. Eine lokale Zeitung berichtete über das Fest und die dabei stattfindende Truck-Rally. Mit Demonstrationen gegen den Green Pass hätte es nichts zu tun gehabt, sagte die Gemeinde Camagnola gegenüber den Faktencheckern von Facta.

Ein weiteres Foto, das Nutzer im September hundertfach auf Facebook geteilt haben, zeigt einen langen Stau auf einer mehrspurigen Straße. Zum Bild steht: "Italia. Wir werden sehen wer am längeren Hebel sitzt, das Volk oder die Regierungstrottel!"

Facebook-Screenshot der Behauptung: 01.10.2021

Eine Bildsuche führte AFP zu britischen Nachrichtenartikeln. Der "Evening Standard" illustrierte damit im September 2020 mögliche Probleme rund um den Brexit. Die BBC verwendete die Aufnahme sogar schon 2015. Beide geben als Bildquelle "Getty Images" an. In der Bilddatenbank der Foto-Agentur fand AFP die Aufnahme ebenfalls, datiert auf den 2. Juli 2015, aufgenommen in der Nähe von Ashford in England. Damals hatte die sogenannte "Operation Stack" zu langen Staus geführt. "Operation Stack" ist eine Taktik der englischen Polizei zum Abstellen von Lastwagen auf der Autobahn M20 in Kent, wenn der Verkehr über den Ärmelkanal unterbrochen wird, beispielsweise durch schlechtes Wetter oder einen Unfall. Im Juli 2015 steckte der Verkehr fest, nachdem französische Arbeiterinnen und Arbeiter streikten (mehr dazu hier, hier).

Aber kam es zu dem groß angekündigte LWK-Protest in Italien?

Das italienische Journalismus-Projekt "Open" beschäftigte sich zu Mittag des ersten angekündigten Streiktags, dem 27. September, mit der Lage auf Italiens Straßen: "Die Website Autostrade per l'Italia meldet bisher nur Staus aufgrund von Unfällen und Arbeiten. Von der Demonstration der Trucker gegen den Green Pass fehlt vorerst jede Spur", so der Blog. Auch AFP fand für den 27. September keine Meldungen großer LKW-Blockaden. Die italienische Zeitung "La Stampa" berichtete ebenfalls am 27. September von einem "Flop". Demnach hätten Verkehrsdaten keine allgemeinen Staus erkennen lassen, lediglich in der Lombardei hätte es kleinere Blockaden gegeben. Andere italienische Medien berichteten ebenfalls von viel Aufregung um wenige Protestierende (hier, hier).

Laut eines Artikels der florentinischen Tageszeitung "La Nazione" vom 24. September hatten auch Organisationen wie der toskanische Gewerkschaftsbund (CISL) zuvor bekannt gegeben, nicht in die Streikplanung involviert zu sein.

Protest in Wien?

Facebook-Screenshot der Behauptung: 29.09.2021

Eine ähnliche Streik-Ankündigung gab es Mitte September in Österreich. Auch dieser Aufstand der LKW-Fahrerinnen und Fahrer fand aber nie statt. Nutzerinnen und Nutzer hatten in sozialen Netzwerken zu einer Blockade Wiener Zufahrtsstraßen aufgerufen (hier, hier, hier). Tausende teilten die Ankündigungen von der "völligen Blockade" Wiens und riefen die Bevölkerung dazu auf, sich mindestens für eine Woche mit Lebensmitteln einzudecken.

Weder Mitteilungen der Landespolizeidirektion Wien noch Berichte österreichischer Medien lassen auf irgendeine stattgefundene Blockade Wiens schließen. Das für die Wiener Ankündigung verwendete Bild stammt von der Fotoplattform Pixabay. Verschiedene Seiten hatten es schon lange vor dem angekündigten Protest in Wien verwendet (hier, hier).

Fazit: Die Aufnahmen, die große Straßenblockaden in ganz Europa illustrieren sollen, stammen von anderen Protesten, die nichts mit aktuellen Corona-Maßnahmen zu tun haben. Viel geteilte Postings zeigen etwa einen Bauernprotest in den Niederlanden im Jahr 2019 oder einen Streik im Hafen von Genua 2020.

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