WHO-Wissenschaftlerin zweifelte Impfungen nicht an, sondern forderte bessere Kommunikation

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Tausende Nutzer haben eine Behauptung aus dem Januar 2021 geteilt, wonach die leitende Wissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Soumya Swaminathan, die vermeintliche Todesgefahr von Impfstoffen zugegeben habe. Demnach würden "einige Impfstoffe Menschen töten und die Todesursachen vertuscht werden", heißt es einem geteilten Artikel. Als Beleg dient ein Video Swaminathans bei einer Sicherheitskonferenz. In diesem forderte Swaminathan allerdings lediglich, dass die Kommunikation über potenzielle Nebenwirkungen von Impfstoffen verbessert werden müsse. Sie sprach nicht über Corona-Impfstoffe, ihre Rede hielt sie vor Ausbruch der Covid-Pandemie.

Hunderte haben das angebliche Geständnis von Soumya Swaminathan auf Facebook geteilt (etwa hier, hier, hier). Zehntausende sahen sie auf Telegram (hier, hier). Die meisten Postings teilen dazu den Artikel eines Blogs, der AFP schon öfter wegen der Verbreitung von Falschinformationen aufgefallen ist (hier, hier). Ein darin wiederum gezeigtes Video teilten User auch in den Vereinigten Staaten auf Facebook (hier, hier und hier).

Die Falschbehauptung: Dr. Soumya Swaminathan, leitende Wissenschaftlerin der WHO, habe während des globalen Sicherheitsgipfels der WHO zugegeben, dass einige Impfstoffe Menschen töten und die Todesursachen vertuscht würden. Dazu zitiert der Blog aus einem angeblich geleakten Video mit Swaminathan: "Man sollte in der Lage sein, sehr sachlich darzulegen, was genau passiert, was die Todesursache ist, aber in den meisten Fällen gibt es auf dieser Ebene eine gewisse Verschleierung, und daher besteht immer weniger Vertrauen in das System."

Screenshot der Falschbehauptung: 29.09.2021

Die Kinderärztin Swaminathan ist Mitglied in mehreren beratenden Ausschüssen der WHO und leitende Forscherin der Organisation. Sie hat unter anderem zu Tuberkulose und HIV geforscht.

Sie sprach tatsächlich am 3. Dezember 2019, dem zweiten Tag des genannten WHO-Gipfels zur globalen Sicherheit von Impfstoffen in Genf, also noch vor Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie. Es steht für jede und jeden einsehbar auf der Website der WHO online, ist also nicht wie behauptet "geleaked". Hört man das vollständige Video ihrer Rede an, das hier online steht, wird deutlich: Sie zweifelt darin zu keinem Zeitpunkt konkret die Sicherheit von Impfstoffen an oder bezeichnet diese als in Wahrheit tödlich. Swaminathans Ausführungen richteten sich an andere WHO-Expertinnen und Experten mit dem Ziel, die Kommunikation und das öffentliche Wissen über die Einführung neuer Impfstoffe zu verbessern. Sie sprach bei der Veranstaltung in Genf etwa fünf Minuten lang – der verteilte Blogartikel zeigt und zitiert dabei nur Teile der Rede und ignoriert ihre inhaltliche Ausrichtung.

Das Video

Das Video im Blogartikel verbindet einen WHO-Clip von Swaminathan, in dem sie die Sicherheit von Impfstoffen diskutiert, mit dem beschriebenen Filmmaterial aus ihrem Genfer Konferenz-Auftritt.

Zu Beginn sagte die Ärztin, dass "Impfstoffe sehr sicher sind". Dann wird bei Minute 8:27 ein Video ihrer Rede in Genf gezeigt. Dabei sagt sie tatsächlich: "Ich denke, wir können die Tatsache nicht genug betonen, dass wir in vielen Ländern wirklich keine sehr guten Sicherheitsüberwachungssysteme haben, und das trägt zur Fehlkommunikation und zu Missverständnissen bei, weil wir nicht in der Lage sind, klare Antworten zu geben, wenn Leute Fragen zu Todesfällen stellen, die aufgrund eines bestimmten Impfstoffs aufgetreten sind, und das wird in den Medien immer aufgebauscht. Man sollte in der Lage sein, einen sehr sachlichen Bericht darüber zu geben, was passiert und was die Ursache für Todesfälle ist. Aber in den meisten Fällen gibt es eine gewisse Verschleierung auf dieser Ebene, und deshalb gibt es immer weniger Vertrauen in das System." (Anm. der Redaktion: Swaminathan verwendete das Wort "Obfuscation", das sowohl als "Verschleierung" als auch "Verwirrung" übersetzt werden kann.)

Hier machen die Videoverbreiter einen Schnitt und ignorieren damit, was die Forscherin anschließend sagt:

Swaminathan spricht also betont über die Notwendigkeit einer besseren Kommunikation und Transparenz in Bezug auf neue Impfstoffe. Sie sagt zu keinem Zeitpunkt, dass die damaligen Impfstoffe töten und die Ursachen dafür vertuscht würden, schon gar nicht bezieht sie sich dabei auf die damals noch nicht bekannten Covid-Impfstoffe.

Fazit: Nein, die führende Forscherin der WHO hat Corona-Impfstoffe nicht als tödlich bezeichnet und auch nicht gesagt, dass dies vertuscht würde. Sie mahnte bei einer offen einsehbaren Konferenz lediglich an, dass die Kommunikation über potenzielle Nebenwirkungen von Impfstoffen in der WHO verbessert werden müsse.

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