Nein, Corona-Impfstoffe haben Tierversuche nicht übersprungen

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Tausende Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer haben im August erneut eine Senatsanhörung aus Texas geteilt. Diese soll angeblich belegen, dass Tierversuche in der Entwicklung der Corona-Impfstoffe abgebrochen worden seien, nachdem die Tiere dabei angeblich verstarben. Alle drei in den USA zugelassenen Impfstoffe wurden allerdings an Tieren getestet. Auch der in Europa zugelassene Impfstoff von Astrazeneca durchlief Tierversuche.

Tausende haben die Behauptung von den abgebrochenen Tierversuchen im August auf Facebook geteilt (hier, hier, hier), nachdem Hunderte User die Behauptung von den angeblich übersprungenen Tierversuchen schon im Mai teilten (hier, hier, hier). Auch auf Telegram sahen Zehntausende die Behauptung (hier, hier, hier).

Die Behauptung: In einem Senatsausschuss für Staatsangelegenheiten zur Sicherheit von Covid-Impfstoffen sei Brisantes besprochen worden: Gestartete Tierversuche zu Corona-Impfstoffen seien abgebrochen worden, nachdem die Tiere dabei verstorben seien. "Diese Impfstoffe sind experimentell und Menschen sind die Versuchskaninchen", folgern die Postings.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 31.08.2011

Der aktuell geteilte Ausschnitt stammt tatsächlich aus einer Diskussion im Texanischen Senat am 6. Mai 2021. Ab Minute 44 ist das Gespräch über die angeblich übersprungenen Tierversuche zu hören. Der republikanische Senator Bob Hall aus Texas befragt darin die Kinderärztin Angelina Farella. Ein lokales Medienunternehmen berichtete bereits über andere Falschaussagen von Hall über Corona.

"Wissen Sie von irgendeinem anderen Impfstoff, der den Bürgern zugänglich gemacht wurde, der die Tierversuchsphase übersprungen hat?", fragt Hall die Ärztin. "Das hat es noch nie gegeben, besonders nicht für Kinder", antwortet Farella. Hall ergänzt: "Was ich selbst darüber gelesen habe, war, dass sie die Tierversuche gestartet haben und weil diese Tiere gestorben sind, hat man die Versuche abgebrochen."

Die zugelassenen Impfstoffe

In den USA sind drei Impfungen zugelassen. Mit Notzulassung sind das die Impfstoffe Moderna und Johnson & Johnson (auch bekannt als Janssen), eine reguläre Zulassung erhielt im August zusätzlich zur bisherigen Zulassung auch der Impfstoff von Pfizer-Biontech.

Die drei Firmen haben die Ergebnisse ihrer Versuche an nichtmenschlichen Probanden in Erklärungen offengelegt (Pfizer-Biontech, Moderna, Johnson & Johnson). Laut den Pressemitteilungen der Unternehmen lösten die Impfstoffe dabei eine Immunreaktion aus, die die Tiere vor einer SARS-CoV-2-Infektion schützte.

In Europa hat die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) neben den drei in den USA zugelassenen Impfstoffen noch einen zusätzlichen Impfstoff freigegeben: den von Astrazeneca. In einer Mitteilung der Universität Oxford, mit der Astrazeneca den Impfstoff entwickelt hat, bejaht die Uni die Frage, ob der Impfstoff an Tieren getestet sei.

AFP hat mit Expertinnen und Experten über die üblichen Abläufe bei der Entwicklung eines Medikaments gesprochen. Bei der Entwicklung aller Impfstoffe, einschließlich gegen Covid-19, würden in der Regel in zwei verschiedenen Phasen Tiere eingesetzt, erklärte Kirk Leech, Geschäftsführer der European Animal Research Association. "In Studien mit Mäusen, Frettchen und Affen wird zunächst ermittelt, welche Impfstoffe wahrscheinlich wirksam sind, und sobald ein Impfstoff entwickelt ist, werden Tiere, in der Regel Affen, eingesetzt, um zu testen, ob das fertige Produkt für Versuche am Menschen sicher ist", sagte er und weiter: "Wenn Sicherheit und Wirksamkeit in den präklinischen Versuchen nicht gewährleistet sind, wird die Studie nicht fortgesetzt" – was bei den Corona-Impfstoffen nicht der Fall war.

Leech und Akiko Iwasaki, Immunbiologin an der Universität Yale, bestätigten beide, dass während der Entwicklung der Corona-Impfstoffe Tierversuche durchgeführt wurden. Die Dringlichkeit der Pandemie habe aber dazu geführt, dass Moderna und Pfizer einige Tests an Menschen und Tieren gleichzeitig durchgeführt haben.

Das bedeutet aber nicht, dass die Tierversuche einfach übersprungen wurden. Versuche am Menschen seien auf der Grundlage früherer Tests der mRNA-Technologie an Tieren genehmigt worden, die sich als sicher erwiesen hatten, erklärte Leech und fügte hinzu: "Es wurden keine Abstriche gemacht." Iwasaki fügte hinzu: "Es gibt keine Daten, die darauf hindeuten, dass eines der geimpften Tiere infolge der Impfung gestorben ist."

Eva Maciejewski, Sprecherin der Stiftung für biomedizinische Forschung, stimmte dem zu. Sie sagte gegenüber AFP, dass bei allen drei in den USA zugelassenen Impfstoffen "die Tiere sicher waren und eine hohe Immunität nach Erhalt der Impfstoffe" festgestellt wurde. Einige Forschungsprotokolle sehen allerdings vor, dass die Tiere am Ende einer Studie zum Zweck der Postmortem-Analyse oder der Probenentnahme eingeschläfert werden müssen, fügte sie hinzu.

Die Forschung zur mRNA-Technologie, die manche der Corona-Impfstoffe verwenden, begann in den frühen 1990er-Jahren und umfasste Versuche an Tieren.

Fazit: Es gab Tierversuche im Rahmen der Testung aller in den USA und Europa zugelassenen Impfungen. Diese wurden zum Teil zwar parallel zu Versuchen mit Menschen durchgeführt, übersprungen oder abgebrochen wurden sie aber nicht.

Mehrere Faktenchecks kamen unabhängig von AFP zum selben Ergebnis (hier, hier, hier, hier).

Übersetzung:
COVID-19 IMPFUNGEN