Warum in diesem Video verschiedene Abfälle in demselben Fahrzeug landeten

  • Veröffentlicht am 23. Juli 2026 um 18:08
  • Aktualisiert am 23. Juli 2026 um 18:09
  • 3 Minuten Lesezeit
  • Von: Elena CRISAN, AFP Österreich

In Deutschland gelten strenge Regeln zur Mülltrennung. In sozialen Medien kursiert ein Video, in dem laut Nutzerinnen und Nutzern zu sehen ist, wie Plastik, Papier, Bio- und Restmüll unsortiert in einen Müllwagen geschüttet werden. Entgegen Behauptungen online belegt der Clip jedoch nicht, dass Mülltrennung in Deutschland grundsätzlich wirkungslos ist. Die Aufnahme entstand während einer Ausnahmesituation nach Bauarbeiten in Hannover. Wegen zahlreicher Fehlbefüllungen der frei zugänglichen Behälter musste der gesamte Müll als Restabfall entsorgt werden. Der zuständige Verband für Abfallwirtschaft appellierte für eine sorgfältige Mülltrennung.

Mülltrennung sei "das teuerste Theaterstück der Welt", hieß es im Juli 2026 auf X, Facebook und Telegram. "Man zwingt uns Bio-Plastik-Papier-Restmüll in 4 verschiedene Tonnen zu sortieren", behaupteten Nutzerinnen und Nutzer. "Dann kommt der Müllwagen und schmeißt ALLES zusammen." Trotzdem würde falsche Mülltrennung bestraft werden.

Dazu wird ein Video geteilt, das an einer Straßenecke aufgenommen wurde und zeigt, wie Abfälle aus blauen, gelben und schwarzen Tonnen in einem Müllwagen vermischt werden. Das Video stehe sinnbildlich für die "Mülltrennung in Deutschland", so die Beiträge. In der blauen Tonne wird laut geltenden Vorgaben etwa üblicherweise Papier entsorgt, in der gelben Verpackungen aus Plastik und Dosen und in der schwarzen Restmüll.

Der Clip sorgte online in mehreren Sprachen, darunter auf Englisch und Italienisch, für Unmut.

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Facebook-Screenshot der Behauptung, oranges Kreuz von AFP hinzugefügt: 23. Juli 2026

Der Clip machte bereits im Mai 2024 die Runde, wie die Rechercheplattform "Correctiv" in einem Faktencheck vom 30. Mai 2024 anführte.

Doch der Behauptung fehlt wichtiger Kontext. Die Aufnahme entstand unter besonderen Umständen. AFP konnte den Aufnahmeort des Videos ausfindig machen und sprach mit dem zuständigen Verband für Abfallwirtschaft.

Video stammt aus Hannover 2024

Eine umgekehrte Bildsuche führte zu einer Stellungnahme des Zweckverbands Abfallwirtschaft Region Hannover (Aha) vom 8. Mai 2024 auf Facebook. Darin wurde über einen Wasserrohrbruch in der "Großen Düwelstraße" informiert, weshalb Bauarbeiten und damit die Verlegung von Müllbehältern nötig waren. Diese seien einige Wochen lang auf öffentlicher Fläche aufgestellt gewesen.

Währenddessen seien die Müllbehälter sowohl von Anwohnerinnen und Anwohnern als auch von Passantinnen und Passanten "nicht ordnungsgemäß" befüllt worden. Zum Beispiel hätten Mitarbeitende Windeln im Altpapier gefunden. Eine nachträgliche Trennung sei nicht mehr möglich gewesen, weshalb die "fehlbefüllten Behälter als Restabfall" entsorgt wurden, wie es in der Stellungnahme hieß.

AFP kontaktierte den Verband Aha, der am 22. Juli 2026 schriftlich bestätigte, dass es sich bei dem online geteilten Clip um dasselbe Video handelt. Dieses wurde an der Kreuzung zwischen der "Großen Düwelstraße" und der "Kleinen Düwelstraße" in Hannover aufgenommen. Das belegt auch eine Geolokalisierung mittels Google Earth, wie in der folgenden Ansicht zu sehen ist:

Die rötliche Fassade des Wohngebäudes sowie die Straßenmarkierung des Parkverbots stimmen mit der Umgebung im kursierenden Video überein.

Aha-Pressesprecherin Helene Herich betonte gegenüber AFP, dass es sich bei dem im Video zu sehenden Vorgang "nicht um die reguläre Praxis der getrennten Abfallsammlung" handle, "sondern um die notwendige Entsorgung bereits falsch befüllter Behälter in einer zeitlich begrenzten Ausnahmesituation".

Wie falsche Mülltrennung geahndet wird

Die EU sieht vor, dass die Mitgliedsstaaten bis 2030 eine Recyclingquote für Verpackungsabfälle von 70 Prozent erreichen, um Müll zu reduzieren. In Deutschland ist die Trennung von Abfällen aufgrund mehrerer Gesetze Pflicht.

Dennoch komme es "regelmäßig" zu Fehlbefüllungen von Mülltonnen. "Eine nachträgliche händische Sortierung solcher vermischten und teilweise hygienisch problematischen Abfälle ist weder praktikabel noch unseren Beschäftigten zuzumuten", sagte Herich. Im Alltag stehe "nicht die Sanktionierung", sondern Aufklärung im Vordergrund, so die Sprecherin. Dazu zähle etwa die Beratung von Haushalten. "Wiederholte, erhebliche oder eindeutig zuzuordnende Verstöße" können zum Beispiel in Niedersachsen mit einer Geldbuße von bis zu 5000 Euro geahndet werden. Aha-Geschäftsführerin Julia Fürst appellierte in diesem Zusammenhang gegenüber AFP am 22. Juli 2026 zur sorgfältigen Mülltrennung: "Jede richtig befüllte Tonne trägt dazu bei, wertvolle Rohstoffe zu erhalten und unsere Umwelt nachhaltig zu schützen."

Das Umweltbundesamt schreibt auf seiner Website, dass Verpackungsrecycling in Deutschland rund zwei Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) jährlich einspart.

AFP veröffentlichte weitere Faktenchecks zu Umweltthemen.

Fazit: Ein online verbreitetes Video zeigt nicht die reguläre Müllentsorgung in Deutschland. Es entstand 2024 in Hannover nach Bauarbeiten. Dabei kam es zu Fehlbefüllungen von Mülltonnen. Der Inhalt musste daraufhin als Restmüll entsorgt werden. Die Behauptung, Mülltrennung sei grundsätzlich sinnlos, ist in diesem Zusammenhang irreführend.

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