Aufnahmen einer zerstörten Stadt wurden fälschlich Kostjantyniwka zugeordnet
- Veröffentlicht am 23. Juli 2026 um 10:38
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Anna HOLLINGSWORTH, AFP Finnland
- Übersetzung und Adaptierung: Elena CRISAN, AFP Österreich
Russland kündigte Anfang Juli 2026 an, seine Streitkräfte hätten die strategisch wichtige Stadt Kostjantyniwka eingenommen. Die Ukraine bestreitet dies. In sozialen Medien wurde in diesem Zusammenhang behauptet, ein Video zeige die ostukrainische Stadt vollständig zerstört. Eine AFP-Analyse verortete das Video jedoch im nahe gelegenen Torezk, nicht in Kostjantyniwka. Torezk wurde im Februar 2025 von russischen Truppen eingenommen.
Angebliche Aufnahmen einer Niederlage machen in sozialen Medien die Runde. Kostjantyniwka, "die Festung, die die NATO 10 Jahre lang gebaut hat, befindet sich vollständig unter der Kontrolle der russischen Armee", heißt es am 4. Juli 2026 auf Facebook. Auf X wurde das Video seit dem 5. Juli 2026 über 9500 Mal angesehen. Auch auf Finnisch wurde der Clip, der eine weitgehend dem Erdboden gleichgemachte Stadt zeigt, verbreitet. Zu sehen sind die Überreste von Gebäuden sowie Straßen, die zu Trümmern geworden sind.
Laut der Behauptung gäbe es "nur noch zwei Festungsstädte, Kramatorsk und Slowjansk, zu erobern", dann würde "der Weg für die russische Armee frei bis nach Kiew und Odessa sein".
Das Video kursierte wenige Tage nachdem der russische Präsident Wladimir Putin am 3. Juli 2026 medienwirksam seinen Truppen für die Einnahme von Kostjantyniwka gedankt hatte. Die Stadt mit einer Vorkriegsbevölkerung von 78.000 Einwohnerinnen und Einwohnern versucht Russland seit Monaten unter seine Kontrolle zu bringen. Die russische Armee entsendet dabei kleine Gruppen von Soldaten, um in die Stadt einzudringen und Positionen zu sichern.
Kostjantyniwka liegt strategisch auf der Route nach Kramatorsk und Slowjansk, deren Einnahme Russlands übergeordnetes Ziel in der Donbass-Region ist. Der US-Sender CNN berichtete am 16. Juli 2026, dass im Januar 2026 ein Großteil der Zivilbevölkerung die Stadt bereits verlassen hatte und diese "langsam zu Trümmern zerfällt". Die Ukraine hat eine russische Eroberung der Stadt bestritten. Selenskyj sprach von einer "weiteren russischen Lüge". Nach Angaben von CNN müssten die russischen Streitkräfte im Juli 2026 "noch immer die Kontrolle über erhebliche Teile" der Stadt erlangen.
Mithilfe einer Geolokalisierung und Aussagen von AFP-Journalistinnen und -Journalisten, die die Region besucht haben, stellte AFP jedoch fest, dass das Video nicht in Kostjantyniwka, sondern im nahe gelegenen Torezk aufgenommen wurde.
Video stammt ursprünglich von einem russischen Soldaten
Das verbreitete Video trägt den Telegram-Handle @infantmilitario. Der russischsprachige Account veröffentlichte das Video am 4. Juli 2026 und behauptete ebenfalls, es sei in Kostjantyniwka aufgenommen worden.
Dies ist jedoch nicht die früheste Veröffentlichung des Videos. Die früheste Version des Videos, die AFP mithilfe einer umgekehrten Bildsuche fand, wurde am 31. Mai 2026 vom Tiktok-Account @RyazanYakut veröffentlicht – also deutlich bevor Putin erklärte, Kostjantyniwka erobert zu haben. Der Account veröffentlichte zuvor Beiträge, die darauf hindeuten, dass die Person dahinter ein russischer Soldat ist. AFP konnte dies jedoch nicht unabhängig verifizieren.
Im Tiktok-Beitrag selbst ist kein Ort markiert, doch mehrere Nutzerinnen und Nutzer kommentierten darunter einen Hinweis: Demnach handle es sich um eine Stadt namens Torezk, etwa 20 Kilometer südöstlich von Kostjantyniwka.
Halden sind typisch für Torezk
AFP-Journalistinnen und -Journalisten in der Ukraine, die Torezk zuvor besucht hatten, erklärten am 8. Juli 2026, die Landschaft in dem Video "sieht genau danach aus – insbesondere die Halden". Ihrer Einschätzung nach seien "solche Halden in der Umgebung von Kostjantyniwka nicht zu sehen".
Die Bergbaustadt Torezk, die im Februar 2025 von russischen Truppen eingenommen und durch Kämpfe weitgehend zerstört wurde, liegt in der Region Donbass, einem Bergbau- und Industriegebiet, das für seine Kohlereserven bekannt ist. Die Landschaft ist für ihre Halden bekannt: Hügel aus Abfallmaterial des Kohlebergbaus, sogenannte Abraumhalden, stechen im Stadtgebiet hervor.
Das Video, das offenbar von einem teilweise zerstörten Gebäude aus großer Höhe aufgenommen wurde, zeigt in der Ferne direkt voraus drei Halden:
Zu Beginn des Videos, wenn die Kamera nach links schwenkt, ist zudem kurz eine vierte Abraumhalde zu sehen:
AFP verifizierte den Ort mithilfe topografischer Daten der Umgebung von Torezk. Eine frei im Internet verfügbare topografische Karte von Torezk (hier archiviert) zeigt mehrere Abraumhalden rund um die Stadt. Sie sind als kleine, orangefarbene oder rote Flächen sichtbar, die Höhenunterschiede anzeigen.
Drei davon befinden sich nordwestlich der Stadt in einer ähnlichen Anordnung wie die Halden im Video. Zudem entspricht eine Halde westlich der Stadt in ihrer Position der vierten Halde im Video. Die Abraumhalden sind auf der untenstehenden Karte mit denselben Farben hervorgehoben wie in den oben gezeigten Screenshots:
Mehrere der Kommentierenden unter dem Tiktok-Video, das im Mai 2026 von dem russischen Konto veröffentlicht wurde, erwähnten Hinweise zum Aufnahmeort des Videos. Ein Nutzer schrieb: "Es ist die Stadt Torezk (Dserschynsk), das sind die Abraumhalden des Bergwerks 12-BIS und des Bergwerks 10-BIS." Dserschynsk ist der frühere Name von Torezk.
Die Angaben stimmen mit den Bezeichnungen der Abraumhalden auf der topografischen Karte überein, auf der die beiden Halden links in der Dreierformation als Bergwerk 12 und Bergwerk 10 gekennzeichnet sind.
In Bezug auf die Lage entspricht die Abraumhalde des Bergwerks 10 jener Halde im Video, auf der sich offenbar eine erhöhte Struktur befindet und die in den obigen Screenshots dunkelblau markiert ist. Eine Websuche nach Bildern der Abraumhalde (hier archiviert) zeigt, dass sich darauf tatsächlich eine kleinere Erhebung befindet.
Mehrere Tiktok-Kommentare geben zudem Hinweise auf den genauen Aufnahmeort des Filmmaterials. "Von welchem Haus aus filmen sie? Ich versuche zu erkennen, wo mein Haus stand ...", fragte eine Person. Darauf antwortete eine andere Person: "Vom neunstöckigen Gebäude neben der Zahnarztpraxis." Anschließend ergänzte sie: "Gegenüber dem neunstöckigen Gebäude, in dem sich früher das Finanzamt befand." Eine weitere kommentierende Person nannte die Adresse Majakowskij-Straße 3.
Eine Websuche zeigt, dass sich in der Majakowskij-Straße 6 eine Zahnklinik befand. Das Finanzamt war in der Majakowskij-Straße 2a angesiedelt.
Google Maps (hier archiviert) zeigt, dass die drei Abraumhalden von dem Standort des ehemaligen Finanzamts aus in derselben Anordnung sichtbar sind wie im Video; die vierte Halde befindet sich ganz links im Bild. Dies stimmt mit der topografischen Karte überein:
Ausgehend von den Koordinaten des Finanzamts sind die Abraumhalden im 3D-Modus von Google Earth (hier archiviert) ähnlich wie in dem in sozialen Medien verbreiteten Video angeordnet:
Die kleine Erhebung auf der Abraumhalde des Bergwerks 10 ist in der 3D-Ansicht von Google Earth nicht sichtbar. Dies sei jedoch ein "bekanntes und erwartbares Verhalten des 3D-Modus von Google Earth", sagte Tal Hagin, Verifizierungsexperte und Direktor von Otus, einer Plattform für digitale Recherche, am 16. Juli 2026 gegenüber AFP.
Er erklärte, dass dies durch ein Darstellungsartefakt verursacht werde: "Die 3D-Ansicht von Google Earth ist kein Livebild und auch kein exaktes Modell des Geländes." Sie werde aus Photogrammetrie erstellt – also aus einer 3D-Rekonstruktion auf Grundlage von Luft- und Satellitenaufnahmen –, die mit einem digitalen Höhenmodell kombiniert werde. "Beide Datensätze stammen von einem bestimmten Zeitpunkt", sagte er. "Feine, spitz zulaufende oder erst kürzlich entstandene Strukturen werden aus verschiedenen technischen Gründen oft geglättet oder abgeflacht dargestellt."
Umgebung von Kostjantyniwka passt nicht zum Video
Kostjantyniwka, wo das Video den Behauptungen zufolge aufgenommen worden sein soll, weist keine vergleichbaren Abraumhalden auf, wie AFP-Journalistinnen und -Journalisten bestätigten.
Die topografische Karte der Stadt (hier archiviert) zeigt keine derartigen Erhebungen:
Das von AFP in der Stadt aufgenommene und auf Spanisch veröffentlichte Filmmaterial zeigt ebenfalls keine Abraumhalden.
AFP überprüfte mehrere Behauptungen zum Krieg in der Ukraine.
Fazit: Ein online kursierendes Video zeigt nicht Kostjantyniwka. Russland behauptet, es hätte die Stadt erobert, doch die Ukraine verneint, die Kontrolle über sie verloren zu haben. AFP verortete die Aufnahmen anhand von Abraumhalden, topografischen Daten und Hinweisen von Journalistinnen und Journalisten im rund 20 Kilometer entfernten Torezk.
Copyright © AFP 2017-2026. Für die kommerzielle Nutzung dieses Inhalts ist ein Abonnement erforderlich. Klicken Sie hier für weitere Informationen.