Nein, die deutschen Gasvorräte reichen nicht für die kommenden beiden Winter

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Ein Gutachten mehrerer Wirtschaftsforschungsinstitute untersucht, welche Auswirkungen die gedrosselten russischen Gaslieferungen auf die Gasversorgung haben. Das Ergebnis: Auch mit auf 20 Prozent gedrosselten Lieferungen könnte Deutschland durch den Winter kommen. In sozialen Netzwerken wird hingegen behauptet, die Forschenden hätten erklärt, die momentan vorrätige Gasmenge reiche für die kommenden zwei Winter. Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen das zurück.

Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Anfang August einen Beitrag auf Facebook (hier, hier) geteilt, der irreführende Behauptungen über die deutschen Gasreserven verbreitet. 

Die Behauptung: Der Beitrag zeigt einen Zeitungsausschnitt, der sich unter dem Titel "Gas-Lüge?" mit der Gasversorgung und den aktuellen Preissteigerungen für Gas in Deutschland befasst. Am Ende des Artikels heißt es: "Und nun das: Wirtschaftsforscher des Leibniz-Instituts in Halle kommen zu dem Schluss, dass die in Deutschland gespeicherte Gasmenge noch für zwei Winter ausreichen würde!"

Screenshot der Behauptung auf Facebook: 17.08.2022

Zur europäischen Gasversorgung kursieren seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine zahlreiche Falschmeldungen in sozialen Netzwerken. AFP prüfte in der Vergangenheit bereits Behauptungen, österreichische Energieversorger hätten die Gasreserven des Landes gewinnbringend ins Ausland verkauft sowie verschiedene Behauptungen zum Treibstoffverbrauch von Flüssiggastankern.

Der Artikel erschien am 3. August 2022 in der Meinungsrubrik "Laut gedacht" in der kostenlosen Werbezeitung "WochenKurier". Die Zeitung erscheint wöchentlich in Südbrandenburg und Teilen Sachsens und berichtet vorrangig über lokale Themen aus der Region. In sozialen Netzwerken werden seitdem Fotos des Zeitungsausschnitts geteilt.

Deutschland ist weiterhin auf russische Gaslieferungen angewiesen 

Der Zeitungsausschnitt erwähnt eine Analyse des Leibnitz-Instituts in Halle zur Sicherheit der Gasversorgung. Unter dem Projektnamen "Gemeinschaftsdiagnose" veröffentlicht ein Forschungsverbund aus sechs Wirtschaftsforschungsinstituten zweimal im Jahr im Auftrag der Bundesregierung eine aktuelle Konjunkturanalyse und -prognose der deutschen Wirtschaft.

Der russische Staatskonzern Gazprom hatte am 27. Juli 2022 die Gaslieferungen nach Deutschland durch die Pipeline Nord Stream 1 auf rund 20 Prozent der Maximalleistung oder 33 Millionen Kubikmeter täglich reduziert. Einen Tag später veröffentlichte die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose eine Auswertung mit dem Titel "Zur Gefahr einer Gaslücke in Deutschland bei einer Drosselung russischer Lieferungen auf 20 Prozent". Darin simulieren die Forschenden verschiedene Szenarien für die Gasversorgung in Deutschland, sollten die russischen Gaslieferungen dauerhaft auf 20 Prozent gedrosselt bleiben.

Die Auswertung fußt dabei auf der Annahme, dass Russland ab August 2022 nur noch rund eine Milliarde Kubikmeter Erdgas pro Monat liefert, was rund 20 Prozent der maximalen Kapazität entspricht. Insgesamt 96 Milliarden Kubikmeter Erdgas importiert Deutschland zusätzlich aus anderen Ländern. Gleichzeitig geht die Auswertung von einem Speicherstand von rund 67 Prozent (16,4 Milliarden Kubikmeter) Anfang August 2022 aus. Die Nachfrage beläuft sich in diesem Modell zwischen August 2022 und Dezember 2023 auf maximal 119 Milliarden Kubikmeter.

Die Auswertung kommt für diese Simulationsrechnung zu dem Ergebnis, "dass sich ausgehend vom Anfangsspeicher ein Defizit von mehr als 7 Milliarden Kubikmetern ergibt, das zu Gasmangellagen im April, Mai und Dezember 2023 führt." In keinem der errechneten Szenarien reichen die eingespeicherten Mengen allein für die kommenden zwei Winter.

Erdgasverfügbarkeit bei einer Drosslung der russischen Erdgasimporte auf 20 Prozent ( Gemeinschaftsdiagnose / Sonderauswertung 28. Juli 2022 / )

Das bestätigt Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, das an der Analyse beteiligt war. Er erklärte am 18. August in einer E-Mail an AFP, dass die aktuell eingespeicherten Gasmengen ohne weitere Lieferungen nicht ausreichen würden, um den deutschen Gasverbrauch in den kommenden beiden Wintern zu decken. Selbst wenn die Speicher aktuell komplett gefüllt wären, könnte das gespeicherte Gas den Bedarf nicht decken.

Volle Gasspeicher decken nicht einmal ein Viertel des Jahresbedarfs

Der jährliche Gasverbrauch in Deutschland übersteigt die Speicherkapazitäten um ein Vielfaches. Nach Angaben der Bundesnetzagentur, die den deutschen Energiemarkt überwacht, wurden im Jahr 2020 in Deutschland 941,1 Terawattstunden (TWh) Gas verbraucht. 2019 waren es rund 948 TWh. Die maximale Speicherkapazität deutscher Gasspeicher beläuft sich laut Daten des europäischen Gasspeicherportals Agsi auf insgesamt 243,4 TWh. Das entspricht weniger als einem Viertel des Gesamtverbrauchs der vergangenen Jahre.

Entwicklung des Füllstands der deutschen Gasspeicher 2022 im Vergleich zu Vorjahren, Stand 14.08.2022 ( THORSTEN EBERDING, STF / AFP / )

Auch die Bundesnetzagentur hat in verschiedenen Szenarien die Folgen für die Gasversorgung in Deutschland bei reduzierten russischen Gaslieferungen oder einem vollständigen Lieferstopp berechnet. Jedes der Szenarien legt andere Liefereinschränkungen und Verbrauchswerte zugrunde. Eine der Modellrechnungen untersucht den Fall, dass ab Ende Juli 2022 nur noch 20 Prozent der russischen Lieferkapazitäten in Deutschland ankommen.

Auf AFP-Anfrage schrieb ein Sprecher der Bundesnetzagentur am 17. August 2022: "Bei einer Anpassung der Exporte auf 20 Prozent wäre eine Verbrauchsreduktion von mindestens 20 Prozent notwendig, um die Gasversorgung für den kommenden Winter – aber nicht automatisch auch für den Winter 2023/24 – zu sichern." Ohne entsprechende Maßnahmen könnten im gesamten Winter 2022/23 nach Berechnungen der Bundesnetzagentur 248 TWh Gas fehlen.

AFP hat den Autor des "Wochenkurier"-Artikels nach seinen Quellen für die Behauptung gefragt. Er antwortete am 18. August 2022 per E-Mail, er beziehe sich auf einen Beitrag, der am 28. Juli 2022 auf "Zeit Online" erschienen ist. Dieser zitiert wiederum aus einem Artikel des "Handelsblatts", der über die Ergebnisse der Auswertung der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose berichtet.

In beiden Zeitungsbeiträgen ist jedoch nicht die Rede davon, dass die aktuell vorrätigen Gasmengen "noch für zwei Winter" reichen würden. Vielmehr heißt es in dem Beitrag der "Zeit": "Die Forscher berechneten, was passiert, wenn die russischen Gaslieferungen dauerhaft bei 20 Prozent blieben. Ihre Schlussfolgerung: 'Wenn unsere Annahmen so eintreten, würde das Gas sowohl in diesem als auch im nächsten Winter reichen', zitiert die Zeitung Christoph Schult vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH)."

Fazit: Das Anfang August 2022 eingespeicherte Gas in Deutschland reicht nicht aus, um den Bedarf für die kommenden zwei Winter zu decken. Eine Modellrechnung mehrerer Wirtschaftsinstitute kam Ende Juli zu dem Ergebnis, dass Deutschland auch weiterhin auf Gaslieferungen angewiesen ist, um seinen Bedarf zu decken. Die Kapazitäten der deutschen Gasspeicher entsprechen etwa einem Viertel der jährlich in Deutschland verbrauchten Gasmenge.