Die Untertitel dieses japanischen Videos sind frei erfunden

Hunderte User haben seit Mitte Juni den Ausschnitt einer japanischen Sendung auf Facebook geteilt, in der angeblich über Deutschland berichtet werde. In den Untertiteln heißt es, Deutschland wolle seinen eigenen Staat abschaffen, die Wirtschaft solle ruiniert werden. Die Übersetzung ist allerdings frei erfunden. Das im Jahr 2011 veröffentlichte Video der japanischen Kleinpartei "Happiness Realization Party" zeigt ein Gespräch über Kernkraft und Nuklearwaffen in Japan und China.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben den vermeintlichen Bericht über Deutschland auf Facebook geteilt. Auf Tiktok sahen den Clip Hunderttausende (hier, hier). Der Ausschnitt verbreitet sich zudem schon seit Jahren auf Youtube.

Die Behauptung: "So wird in Japan über Deutschland berichtet", heißt es über dem auf Facebook geteilten Video. Zu sehen ist ein Gespräch in einem TV-Studio zwischen einer Moderatorin und einem Mann, der als Asigi Kogugawa vorgestellt wird. Er soll ehemaliger Korrespondent des Senders "Tojo-TV" in Deutschland gewesen sein. Laut Untertiteln stellt Kogugawa in der Sendung sein Buch "Der Selbstmord-Pakt" vor, welches beschreibe, wie das deutsche Volk sich selbst entsorge. Er spreche von einem Bevölkerungsaustausch, dazu werden Bilder von aggressiven Jugendlichen und Großfamilien eingeblendet.

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Facebook-Screenshot der Behauptung: 20.06.2022

Woher stammt das Video?

Bei dem aktuell auf Facebook verbreiteten Video-Ausschnitt handelt es sich allerdings um keinen Bericht über Deutschland. Die Untertitel des Clips sind frei erfunden. 

Das Original-Video aus dem Jahr 2011 lässt sich auf dem Youtube-Kanal der japanischen Partei "Kōfuku-jitsugen-tō" wiederfinden, deren Logo im Hintergrund des Ausschnitts zu erkennen ist. Übersetzt bedeutet dies in etwa "Partei zur Realisierung des Glücks". Die Partei wurde im Jahr 2009 von der religiösen Gemeinschaft "Happy Science" gegründet, die auch in Deutschland tätig ist. 

Laut eigener Beschreibung sei Ziel der Religion, "alle Menschen dieser Erde zu vereinen". Der Happy Science-Gründer Ryuho Okawa gebe in seinen Reden die universellen Gesetze Gottes an die Menschheit weiter. Verschiedene Medien bezeichneten Happy Science in der Vergangenheit als Kult (hier, hier). 

Worüber wird gesprochen?

Das am 9. Dezember 2011 veröffentlichte Video der Partei "Kōfuku-jitsugen-tō" trägt den Titel "Das ist die wahre Geschichte der Strahlung". Im Beschreibungstext heißt es, es handele sich um einen Sonderbericht zu der vom Kernkraftwerk Fukushima ausgehenden Strahlung. Im März 2011 führten ein starkes Erdbeben sowie ein darauf folgender Tsunami zu großen Schäden an dem Kraftwerk im Norden Japans. Laut deutschem Bundesamt für Strahlenschutz mussten damals etwa 120.000 Menschen um das Kraftwerk herum aufgrund der hohen Strahlung evakuiert werden.

Ein Bezug zu Deutschland oder gar Europa fehlt in dem Beitrag allerdings völlig. Journalisten des AFP-Büros in Tokio übersetzten den auf Facebook geteilten Ausschnitt des japanischen Videos. Darin wird von einer angeblich unter der Erde gelegenen Nuklearwaffenbasis Chinas gesprochen. Später wird erklärt, Japan solle dank fortgeschrittener Technologien auf Nuklearkraft setzen. Zwischendurch werden im aktuell auf Facebook geteilten Video Audioclips eingeblendet, die nicht Teil des Originalvideos sind und von Aktivitäten des damaligen japanischen Premierministers Yoshihiko Noda zwischen 2011 und 2012 berichten. 

Bei dem in den Untertiteln als Korrespondenten vorgestellten Asigi Kogugawa handelt es sich laut Beschreibung des Original-Videos in Wahrheit um Yanai Hissho, Leiter des Verlagsbüros der Partei. Den Sender "Tojo-TV" konnte AFP in eigenen Recherchen nicht ausfindig machen. Bei der Moderatorin handelt es sich um Shirakura Ritsuko.

Die während der deutschen Untertitelung eingeblendeten Bilder und Videoaufnahmen fehlen im japanischen Original außerdem völlig. Die Aufnahmen stammen nicht nur aus Deutschland (hier, hier), sondern auch aus Großbritannien und Kenia. Eines der Bilder konnte AFP nicht verorten.

Es ist nicht das erste Mal, dass der japanische Videoausschnitt mit den verfälschten Untertiteln im Netz kursiert. Die Faktencheck-Seite Mimikama untersuchte das Video bereits 2021. Im Jahr 2012 veröffentlichte die rechtsgerichtete Wochenzeitung "Junge Freiheit" einen Artikel über die vermeintliche Sendung zu Deutschland, der allerdings klar als Satire gekennzeichnet wurde. Es finden sich allerdings auch Veröffentlichungen ohne Satire-Hinweis im Netz, beispielsweise auf der Website der rechtsextremen Partei "Der Dritte Weg". 

Fazit: Nein, in dem japanischen Videoausschnitt wurde nicht über Deutschland berichtet. Die Untertitel sind frei erfunden. Im Original-Clip wird über Nuklearwaffen und japanische Kernkraft gesprochen. 

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