Medizinisches Personal auf einer israelischen Corona-Isolierstation. ( AFP / JALAA MAREY)

Nein, in Israel sind nicht 80 Prozent der schweren Corona-Fälle geimpft

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Hunderte User haben seit Anfang Februar die Behauptung auf Facebook verbreitet, wonach etwa 80 Prozent der schweren Corona-Fälle in israelischen Krankenhäusern geimpft seien. Das soll der Leiter einer israelischen Corona-Station erklärt haben. Der Impfstoff habe demnach keine Bedeutung für die Vermeidung von schweren Erkrankungen. Tatsächlich bezogen sich die Aussagen des Arztes allerdings nur auf die Situation in seinem eigenen Krankenhaus. Auch die offiziellen Zahlen des israelischen Gesundheitsministeriums widerlegen die Behauptung.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptungen zum Infektionsgeschehen in Israel auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Die Behauptungen des israelischen Arztes wurden von mehreren deutschen Blogs aufgegriffen (hier, hier, hier). Auch auf Telegram sahen Zehntausende die Behauptung (hier, hier).

Die Behauptung: Etwa 80 Prozent der schweren Corona-Fälle in Israel seien geimpft. Das soll Jacob Giris, der Leiter einer israelischen Coronavirus-Station, erklärt haben. Dem Arzt zufolge habe der Corona-Impfstoff keine ausschlaggebende Bedeutung für eine Vermeidung von schweren Erkrankungen. Zudem kritisierte er die Definition schwerer Erkrankungen.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 10.02.2022

Wer ist der Arzt?

Laut den online geteilten Blog-Artikeln soll es sich bei der Quelle der Behauptung um Jacob Giris, den Direktor der Coronavirus-Station des Ichilov-Krankenhauses in Israel, handeln. Dieser habe sich angeblich in einem Interview am 30. Januar 2022 mit dem israelischen Fernsehsender "Channel 13 News" zur Corona-Situation im Land geäußert. Ein Tweet zeigt den entsprechenden Gesprächsausschnitt.

Das genannte Krankenhaus, das Sourasky Medical Center (Ichilov) in Tel Aviv, existiert tatsächlich. Ein Mann namens Jacob Giris wird auf der Website des Krankenhauses ebenfalls aufgeführt. Giris ist nach Angaben des Krankenhauses Direktor der Abteilung für Innere Medizin.

Bereits am 26. Januar 2022 äußerte sich Giris auf der Facebook-Seite des Krankenhauses zur Situation auf der dortigen Corona-Station. In der Nachricht wies er darauf hin, dass viele der Patienten auf der Station nicht wegen der Omikron-Variante eingeliefert werden, sondern wegen ihrer Vorerkrankungen. Die Sterblichkeitsrate sei sehr niedrig und oft sei die Todesursache nicht Covid-19.

Giris spricht nicht über die Situation in ganz Israel

Eine Überprüfung des auf Hebräisch geführten Interviews mit Giris durch das AFP-Büro in Jerusalem ergab, dass bei der Übersetzung einige Fehler gemacht wurden. Zudem wurden wesentliche Teile des Gesprächs ausgelassen. Giris bezog sich darin nicht auf die Situation in ganz Israel, sondern in seinem Krankenhaus in Tel Aviv.

Er erklärte, dass die "meisten unserer Patienten" geimpft seien. Die Mehrheit der Patientinnen und Patienten auf seiner Station seien aber hauptsächlich gar keine Corona-Fälle, sondern litten an anderen Erkrankungen.

"Ich bin Leiter einer internistischen Station. Die meisten unserer Patienten sind Patienten mit komplexen internistischen Erkrankungen, die auch mit Covid infiziert sind. Covid macht also nicht den Hauptteil ihrer Krankheit aus, sondern die inneren Erkrankungen."

Giris schlussfolgerte, 80 Prozent der Patientinnen und Patienten in seinem Krankenhaus seien geimpft, weshalb der Impfstoff keine Bedeutung für den Schweregrad der Erkrankung habe.

Er erklärte aber auch, dass nur in zehn bis 20 Prozent der Fälle der schwere Zustand von Patienten auf Covid-19 zurückzuführen sei. Zudem spricht sich Giris im Verlauf des Interviews auch explizit für die Corona-Impfung aus: "Wir sind für die Impfung, und die Leute sollten sich impfen lassen."

AFP kontaktierte zur weiteren Klarstellung Jacob Giris persönlich. Dieser erklärte in einem Telefonat am 18. Februar, die zu seinem Interview verbreiteten Behauptungen seien reine "Desinformation". Die Aussagen aus seinem Gespräch mit Channel 13 hätten sich lediglich auf seine persönlichen Erfahrungen bezogen. Demnach würde die Impfung "bei alten Patienten mit schwerwiegenden Grunderkrankungen" nicht so stark wirken.

"Das bedeutet nicht, dass die Impfung niemandem hilft. Sie funktioniert sehr gut, der Booster ist gut." Seiner Erfahrung nach habe die Wirkung der Impfung aber Grenzen: "Sie hilft nicht dabei, schweres Covid-19 bei Patienten mit schweren Grunderkrankungen zu verhindern."

Die US-Gesundheitsbehörde CDC erklärt hingegen, Impfungen und Schutzmaßnahmen seien vor allem für ältere Menschen oder Menschen mit schweren Erkrankungen wichtig.

Auf AFP-Anfrage erklärte am 18. Februar auch der Epidemiologe Hagai Levine von der Hebräischen Universität in Jerusalem: "Wenn jemand eine chronische Krankheit hat, ist das natürlich genau die Bevölkerungsgruppe, die den Covid-Impfstoff am meisten benötigt. Wenn jemand beispielsweise an Nierenversagen leidet, braucht er natürlich den Impfstoff, denn für diese Menschen könnte eine leichte Infektion sehr schädlich sein."

Selbst eine milde Covid-Infektion kann laut Levine die Situation der Patienten beeinflussen. Es sei schwer zu sagen, ob eine Verschlechterung des Zustands durch die vorhergehende Erkrankung oder Covid-19 zustande kam.

Laut Giris muss zudem eine Unterscheidung zwischen der Omikron-Welle und der vorherigen Delta-Welle gemacht werden, die er ebenfalls im Interview mit Channel 13 thematisierte. Aktuell würden nach Giris Beobachtungen trotz starker Ausbreitung weniger junge Menschen ins Krankenhaus kommen. Dies sei in der Delta-Welle noch anders gewesen. "Diesmal sehen wir alte Menschen in Krankenhäusern mit verminderter Immunität und schwerwiegenden Vorerkrankungen."

48,8 Prozent Geimpfte unter den schweren Corona-Fällen

Der behauptete Anteil von 80 Prozent Geimpfter unter den schweren Corona-Fällen lässt sich zudem anhand offizieller Daten für Israel nicht nachvollziehen.

So meldete das israelische Gesundheitsministerium für den 30. Januar 2022, dem Zeitpunkt des Interviews, insgesamt 1045 aktive schwere Fälle von Covid-19, davon waren 510 vollständig geimpft. Dies entspricht einem Anteil von 48,8 Prozent. Selbst bei Einschluss der Geimpften ohne vollständigen Impfstatus ergibt sich lediglich ein Anteil von 60,1 Prozent. Die Impfquote Israels lag laut Ministerium zu diesem Zeitpunkt bei etwa 63,7 Prozent mit vollständiger Impfung und zusätzlichen 7,3 Prozent mit ungültigem Impfstatus.

Screenshot des Dashboards des israelischen Gesundheitsministeriums: 21.02.2022

Impfstoff hilft gegen schwere Verläufe

In den Blog-Artikeln wird behauptet, Giris habe geschlussfolgert, dass Impfstoffe keine ausschlaggebende Bedeutung für eine Vermeidung von schweren Erkrankungen hätten. Giris selbst erklärte gegenüber AFP, die Impfung und der Booster funktionierten zwar, aber vor allem bei alten Patienten mit schweren Vorerkrankungen könnten ernsthafte Fälle von Covid-19 trotzdem nicht verhindert werden.

Nach Angaben des aktuellen Wochenberichts des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 10. Februar 2022i ist in Deutschland eine "verminderte Effektivität der Covid-19-Impfung gegenüber der Omikron-Variante, hauptsächlich gegenüber einer symptomatischen Infektion" zu beobachten.

Nichtsdestotrotz spricht das RKI von gutem Impfschutz vor schweren Covid-19-Verläufen:

"Auch aktuell bei Dominanz der Omikron-Variante kann für vollständig geimpfte Personen aller Altersgruppen – und insbesondere für Personen mit Auffrischimpfung – weiterhin von einem sehr guten Impfschutz gegenüber einer schweren Covid-19-Erkrankung ausgegangen werden und weiterhin zeigt sich für ungeimpfte Personen aller Altersgruppen ein deutlich höheres Risiko für eine Covid-19-Erkrankung, insbesondere für eine schwere Verlaufsform."

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erläutert auf ihrer Website: "Die Impfungen bieten voraussichtlich einen wichtigen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen und Tod infolge von Omikron, ebenso wie bei den anderen Varianten, die nach wie vor zirkulieren."

Die US-Gesundheitsbehörde CDC betont ebenfalls die zu erwartende Wirkung der Impfstoffe gegen schwere Omikron-Verläufe auf ihrer Website: "Wissenschaftler sind noch dabei herauszufinden, wie wirksam die Covid-19-Impfstoffe eine Infektion mit Omikron verhindern. Durch die derzeitigen Impfstoffe ist ein Schutz vor schweren Erkrankungen, Krankenhausaufenthalten und Todesfällen infolge einer Infektion mit der Omikron-Variante zu erwarten."

Auch das israelische Gesundheitsministerium erklärte gegenüber AFP: "Die Daten aus Israel zeigen, dass der Impfstoff schwere Erkrankungen verhindert. Die Zahl der nicht geimpften Patienten, die in schwerem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist (je nach Alter) fünf- bis achtmal höher als bei geimpften Patienten. Das Gleiche gilt für die Sterblichkeit."

Fazit: Die Aussagen des israelischen Arztes Jacob Giris wurden aus dem Kontext gerissen. Dieser erklärte lediglich die Situation auf seiner Station in einem Krankenhaus in Tel Aviv, er äußerte sich nicht zu ganz Israel. Laut dem israelischen Gesundheitsministerium waren zum Zeitpunkt des Interviews 48,8 Prozent der schweren Corona-Fälle in Israel geimpft. Die Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe gegen schwere Verläufe wird von mehreren Behörden bestätigt.

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