Tagesschau.de löschte kein Interview mit Uğur Şahin – dieser machte auch keine entlarvenden Aussagen

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Auf Facebook und Telegram haben Tausende User seit Ende Dezember eine Behauptung verbreitet, wonach tagesschau.de ein entlarvendes Interview mit dem CEO des Mainzer Impfstoffentwicklers Biontech, Uğur Şahin, gelöscht habe. Allerdings hat die Website nicht das Interview gelöscht, sondern nur einen in den Nachrichten verwendeten Ausschnitt – solche Beiträge darf die ARD nicht länger als sieben Tage anbieten. Das ursprüngliche Interview steht weiterhin online. Entlarvende Aussagen kommen darin nicht vor.

Seit Ende Dezember verbreitet sich die Behauptung zur Löschung tausendfach auf Facebook (hier, hier, hier) und zehntausendfach auf Telegram (hier, hier, hier). User teilen einen Screenshot, der einen vermeintlichen Tagesschau.de-Beitrag zeigt, samt der Überschrift: "Ugur Sahin, Vorstandsvorsitzender Biontech, zum Impfstart in Deutschland". Ein darunter zu sehendes Video mit der Datierung 21.12.2020 zeigt die Fehlernummer 404: "Die gesuchte Seite ist leider nicht verfügbar". Dazu heißt es in Postings: "Tagesschau löscht Ugur Sahin-Video" und "Er sagte in dem Video, dass BioNTec seine Mitarbeiter noch nicht impfen lässt, damit sie nicht ausfallen".

 

Facebook-Screenshot: 15.01.2020

Die sich verbreitende Fehlinformation setzt sich aus zwei einzelnen irreführenden und falschen Behauptungen zusammen. Erstens, dass die Tagesschau ein entlarvendes Video gelöscht habe, und zweitens, dass Şahin im Interview eine skandalöse Aussage gemacht hätte.

AFP hat zunächst geprüft, ob das Video tatsächlich nicht mehr online existiert. Eine in vielen Postings angegebene Webadresse der Tagesschau führt in der Tat zum im Screenshot gezeigten 404-Fehler für eine nicht länger existierende Seite. In den Screenshots wird allerdings eine Erklärung für diesen Fehler abgeschnitten, die unter derselben Webadresse zu finden ist. 

Tageschau.de schreibt dort: "Zum 01.09.2010 mussten wir viele Inhalte unserer Onlineangebote aus dem Netz nehmen. Grund dafür sind Bestimmungen des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrags. Dieses Gesetz enthält unter anderem die Vorschrift, dass wir Inhalte nur noch im Rahmen sogenannter genehmigter Verweildauern anbieten dürfen. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass die meisten Inhalte nur noch zeitlich befristet verfügbar sind." Der Rundfunkstaatsvertrag legt fest, dass die Tagesschau als öffentlich-rechtliches Medium bestimmte Nachrichten-Sendungen nur bis zu sieben Tage im Netz anbieten darf und dann depublizieren muss.

AFP stieß bei der Suche auch auf das Original-Interview mit Şahin, welches das ARD-Magazin "Extra" am 21. Dezember ausgestrahlt hatte. Es stand zum Zeitpunkt der Lösch-Behauptungen nach wie vor online und wird gemäß geltender Regeln voraussichtlich noch bis zum 21.12.2021 verfügbar sein. Auch der SWR strahlte es aus. Diese Aufnahme ist hier zu finden. Hier gibt es außerdem eine schriftliche Version des SWR zum Nachlesen.

AFP hat das Enddatum rot hervorgehoben. Screenshot, “ARD Extra”: 15.01.2020

Aber was hat die Tagesschau gelöscht, wenn nicht das Interview?

AFP liegen Aufnahmen der Tagesschau-Seite aus dem Zeitraum vor, bevor der Beitrag aus dem Netz genommen wurde. Sie belegen: Es gab tatsächlich ein Video mit Şahin und dieser Überschrift unter dieser Webadresse. Dieses Video zeigte nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Original von "ARD Extra", das die Tagesschau für ihre Nachrichten in einer kürzeren Variante erneut ausgetrahlt hatte. Nur solche Nachrichtenbeiträge fallen unter die Sieben-Tagen-Regel des Rundfunkstaatsvertrags.  

Auf eine Anfrage am 15. Januar schrieb auch der stellvertretende Redaktionsleiter von tagesschau.de, Ralph Sartor:

"Bei tagesschau.de ist das Video aufgrund der vorgeschriebenen Verweildauer nach sieben Tagen depubliziert worden. Zum Hintergrund: Wird ein einzelner Beitrag, wie im originalen SWR-Link zu sehen, in eine Meldung 'eingebettet', können längere Verweildauern gelten, ebenso bei ganzen Sendungen. Bei tagesschau.de war das Video nur einzeln abrufbar, daher gelten hier sieben Tage. Die Depublizierung geschah dann automatisch; unser Content Management System ist entsprechend eingerichtet."

Zeigt das Video entlarvende Aussagen des Biontech-CEOs?

Bereits vor Weihnachten hatten Postings behauptet: Şahin habe im Interview zugegeben, seine Mitarbeitenden nicht impfen lassen zu wollen, damit diese nicht ausfielen (etwa hier). AFP hat diese Behauptung schon damals widerlegt

Moderator Fritz Frey fragte den CEO von Biontech tatsächlich, warum dieser sich noch nicht hat impfen lassen. Seine tatsächliche Antwort unterscheidet sich allerdings von der auf Facebook verbreiteten, in der wichtiger Kontext fehlt. Şahin sagte:

"Ich möchte mich natürlich liebend gerne impfen lassen. Wir müssen einfach sehen, dass wir die rechtlichen Grundlagen dabei befolgen. Es ist für uns als Unternehmen wichtig, unsere Mitarbeiter zu schützen. Wir werden in den nächsten zwölf Monaten über 1,3 Milliarden Impfstoffdosen herstellen müssen. Es ist wichtig, dass da keine Mitarbeiter ausfallen, und dementsprechend denken wir darüber nach, dass wir die Möglichkeit finden, die rechtlich uns erlaubt, unsere Mitarbeiter zu schützen. Aber das ist momentan noch in der Abklärung."

Şahin machte also nie die Aussage, dass Biontech-Mitarbeiter 2021 nicht geimpft werden sollten. Im Gegenteil, er warnte davor, dass sie ausfallen könnten, sollten sie nicht durch die Impfung geschützt werden.

AFP fragte Ende Dezember trotzdem noch einmal bei Biontech nach den Aussagen von Şahin. Sprecherin Jasmina Alatovic widersprach den auf Facebook verbreiteten vermeintlichen Zitaten: "Diese Behauptungen sind falsch. Die Aussagen von Herrn Şahin  wurden wissentlich verändert." Sie bestätigte weiterhin Şahins Plan, Mitarbeiter impfen lassen zu wollen, "um sie vor einer COVID-19 Erkrankung besser zu schützen. So wollen wir Ausfälle durch COVID-19 minimieren."

Der Biontech-Chef selbst gab in der Vergangenheit mehrfach an, sich impfen lassen zu wollen. So auch am 19. November 2020 auf AFP-Anfrage. Şahin sagte damals: "Wir lassen uns selbstverständlich impfen, sobald wir eine Erlaubnis haben, weil das einfach mit so vielen Vorteilen verbunden ist, das man sich wieder frei bewegen kann und auch wieder direkten Kontakt zum Laborpersonal haben kann und Besprechungen durchführen kann."

Auch in anderen Interviews hatte Şahin bereits seine Haltung zur eigenen Impfung zum Ausdruck gebracht. So sagte er am 10. Dezember gegenüber RTL: "Wir warten zunächst ab, welche Gruppierungen eine Impfung bekommen können, und werden uns daran orientieren. Falls wir eine Möglichkeit haben, auch Mitarbeiter zu impfen, weil sie systemrelevante Arbeit leisten, würden wir das natürlich sehr schnell und sehr gerne tun." Ähnliches sagte er auch der "Sächsischen Zeitung", dem österreichischen Kurier, NTV und auch Bild (Paywall).

Der Impfplan der Bundesregierung

Die rechtlichen Grundlagen für die Impfung sind in  der "Verordnung zum Anspruch auf Schutzimpfung gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 (Coronavirus-Impfverordnung-CoronaImpfV)" des Bundesgesundheitsministerium festgehalten. Die Verordnung gibt die Reihenfolge an, in der die Menschen in Deutschland Anspruch auf eine Impfung haben.

Die höchste Priorität bei der Schutzimpfung haben demnach Menschen über 80 Jahren, Menschen in Pflegeheimen oder diejenigen, die mit Menschen dieser Gruppe arbeiten, zum Beispiel Pflegerinnen und Pfleger. Auch das Personal medizinischer Einrichtungen, das ein erhöhtes Ansteckungsrisiko hat, gehört zu den Ersten, die eine Impfung bekommen können. Die Mitarbeitenden des  Unternehmens Biontech selbst gehören nicht in diese Gruppe.

Şahin und seine Mitarbeitenden gehören auch nicht zur zweiten Stufe, die hohe Priorität hat. Laut Verordnung sollen über 70-Jährige, Menschen mit Trisomie 21, Demenz, einer geistigen Behinderung oder Menschen nach einer Organtransplantation sowie enge Kontaktpersonen dieser Gruppen geimpft werden. Auch die Polizei und das Ordnungsamt, der öffentliche Gesundheitsdienst und medizinische Einrichtungen wie Blutspendedienste werden in der zweiten Stufe priorisiert.

Fazit: Das Interview mit Şahin steht nach wie vor online, die Tagesschau hat lediglich eine Kurzversion davon gelöscht, wie es ist ihre Pflicht nach den Bestimmungen des geltenden 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrags ist. Weiterhin hat der Biontech-CEO darin auch nicht die vermeintlich skandalöse Aussage gemacht, die Postings ihm zuschreiben.