Nein, Wasserwerke geben Trinkwasser kein Beruhigungsmittel zu

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben im Mai erneut eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach die Leiterin eines Wasserwerks die Zugabe von Beruhigungsmitteln ins Trinkwasser zugegeben habe. Das geschehe im Fall von sozialen Unruhen, heißt es in den Postings. Die Wasserwerke großer deutscher Städte dementieren, Prüfstellen fanden ebenfalls keine Auffälligkeiten. Auch aus pharmakologischer Sicht ergibt die Behauptung keinen Sinn.

Bei einer "vertraulichen Plauscherei am Rande einer grossen Konferenz" habe die Leiterin eines Wasserwerkes einer der größten deutschen Städte "unvorsichtigerweise hinter vorgehaltener Hand" einen Skandal enthüllt. Hunderte User haben diesen im Mai auf Facebook erneut geteilt (hier, hier). In ihrem Wasserwerk, so habe die Leiterin gestanden, stünden viele Fässer mit Beruhigungsmitteln bereit, die sofort ins Trinkwasser gekippt würden, falls es "in einer Stadt 'unruhig' werden sollte (mit unruhig sind Demonstrationen, Massenaufmärsche und soziale Unruhen gemeint)". Enthüllt habe das die Onlineausgabe der Zeitung "Welt". In Kommentaren heißt dazu etwa: "Leitungswasser in der BRD vorsätzlich mit Chemikalien, vermutlich Psychopharmaka oder sogar noch mit Giftstoffen angereichert".

Auch Verschwörungsideologe Attila Hildmann berichtete bereits im Mai 2020 in seinem Telegram-Channel von seinen "extremen Müdigkeitsanfällen" und erklärte das mit Beruhigungsmitteln, die sich im Trinkwasser befinden würden. Der österreichische Anti-Corona-Aktivist Martin Rutter, postete das Foto der vermeintlichen Meldung ebenfalls in seinem reichweitenstarken Telegram-Kanal.

Facebook-Screenshot: 06.05.2021

Immer wieder werden angebliche Artikel aus bekannten Medien herangezogen, um Falschbehauptungen besonders glaubhaft wirken zu lassen. Dazu gehörte etwa dieser User-Kommentar samt Falschinformationen, der ebenfalls als "Welt"-Artikel ausgegeben wurde. Auch der aktuell verbreitete vermeintliche Skandal-Text gehört in diese Kategorie.

Der angebliche "Welt"-Artikel

Auf den ersten Blick fallen bereits mehrere formale Fehler der angeblichen Meldung ins Auge. Der Titel "Sicheres Vermögen" passt etwa nicht zum Inhalt, das Wort "groß" wird mehrfach falsch mit Doppel-s geschrieben. Auch die Wendung "berichtete bei einer vertraulichen Plauscherei (..) unvorsichtigerweise hinter vorgehaltener Hand" wirkt untypisch für eine neutrale Nachrichtenmeldung. Das Jugendmagazin "fluter" der Bundeszentrale für politische Bildung nennt die Wasserwerks-Behauptung deshalb sogar als gutes Beispiel dafür, wie Formfehler auf die Existenz einer Falschinformation hinweisen können. Auch die "taz" weist auf diese Ungereimtheiten hin, genauso die Faktencheck-Website Mimikama.

AFP hat auf Google und in Archiven nach dem angeblichen "Welt"-Bericht gesucht und konnte keinen Artikel finden, der eine solche Praxis bestätigen würde. "Welt"-Sprecher Christian Senft schrieb schließlich am 6. Mai an AFP, dass es sich um keine Meldung des Medienhauses handle. Auch von anderen Medien fand AFP keine entsprechenden Berichte.

Kommentare auf Facebook wiesen derweil darauf hin, dass die Geschichte zumindest seit 2012 kursiert. Damals hatte ein mittlerweile eingestellter Blog das Gerücht über Beruhigungsmittel im Wasser verbreitet. Als Quelle ist dort der Liechtensteiner Börseninfodienst "Geldbrief" angegeben. AFP hat beim "Geldbrief" nachgefragt, bis zur Erscheinung aber keine Rückmeldung erhalten.

Neben dem vermeintlichen abfotografierten "Welt"-Artikel stehen außerdem noch andere Berichte. Unter der Beruhigungsmittel-Meldung ist der Teil eines "Welt"-Artikels über Immobilienfonds aus dem Jahr 2012 zu sehen. Diese Zusammenstellung der Artikel erscheint unüblich für ein etabliertes Medium.

Wasserkontrollen

Die Sauberkeit von Wasser muss überwacht werden, das regelt in Deutschland die Trinkwasserverordnung. Eine EU-Richtlinie verpflichtet das Land außerdem dazu, alle drei Jahre einen Bericht über die Trinkwasserqualität zu veröffentlichen. Der bisher letzte Bericht, in dem Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Gesundheit die Trinkwasserqualität von 2017 bis 2019 beurteilten, kam zum Ergebnis: Das Trinkwasser in Deutschland ist von guter bis sehr guter Qualität. "Bei nahezu allen mikrobiologischen und chemischen Qualitätsparametern hielten über 99 % der untersuchten Proben die gesetzlichen Anforderungen ein."

Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfachs (DVGW) ist der unabhängige Branchenverband der deutschen Wasserwirtschaft. Der DVGW untersucht selbst auch Trinkwasser. Sprecher Lars Wagner weist die Behauptungen des geteilten Postings gegenüber AFP am 6. Mai zurück: "Jeder Versuch, mit Ängsten der Bevölkerung im Zusammenhang mit der Trinkwasserversorgung zu spielen, ist verantwortungslos und gefährlich." Und weiter: "Trinkwasser in Deutschland wird sehr streng gemäß den Vorgaben der Trinkwasserverordnung überwacht. Dadurch ist sichergestellt, dass es keine medizinischen Rückstände in gesundheitsgefährdenden Konzentrationen enthält. Angebliche Aussagen, auf die Sie sich in Ihrer Anfrage beziehen, sind uns nicht bekannt und stünden im krassen Widerspruch zu den Vorgaben der Trinkwasserverordnung."

Das Umweltbundesamt schließt große Mengen an Beruhigungsmitteln im Trinkwasser ebenfalls aus. Thomas Rapp beschäftigt sich dort für die Sektion Trinkwasserverteilung mit Trinkwasserqualität und schrieb am 7. Mai an AFP: "Die absichtliche Dosierung von Beruhigungsmittel ins Trinkwasser kann ausgeschlossen werden." Zugesetzt werden dürfen dem Wasser nur zugelassene Aufbereitungsstoffe etwa zur Einstellung des richtigen pH-Wertes oder zur Reduktion von Korrosion. Stoffe mit einer gesundheitlichen Wirkung könnten hierzu aber nicht erlaubt werden. Würde jemand gegen diese Auflagen verstoßen, würde das schnell entdeckt: "Die Gesundheitsämter überwachen die Wasserversorgungsunternehmen und die dem Trinkwasser zugegebenen Stoffe und würden eine entsprechende Straftat aufdecken."

Im Trinkwasser seien zwar durchaus geringe Rückstände von Medikamenten enthalten, etwa weil Menschen ihre Tabletten über das Abwasser entsorgt oder Wirkstoffe ausgeschieden haben. Die Konzentration sei dabei allerdings viel zu niedrig, um eine Wirkung zu entfalten, wie sie etwa Hildmann beschrieb. "Im Trinkwasser gemessene Arzneimittelkonzentrationen sind um Faktoren zwischen 10.000 und eine Million kleiner als eine therapeutische Tagesdosis", erklärte Rapp.

Medikamentenrückstände im Wasser sollten grundsätzlich immer minimiert werden. Das Umweltbundesamt hat deshalb 2017 gemeinsam mit dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Bericht mit Handlungsempfehlungen verfasst. Ein Problem seien Medikamente im Trinkwasser derzeit nicht, schrieb Rapp an AFP und weiter: "Arzneimittel im Trinkwasser sind in den derzeit gefundenen Konzentrationen kein Grund zu einer gesundheitlichen Besorgnis."

Unrealistisches Szenario

Wolfgang Bäumer leitet das Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Freien Universität Berlin. Er schrieb am 6. Mai gegenüber AFP von einem "wirklich schwer vorstellbaren Szenario". Theoretisch sei so eine Gabe möglich, die Umsetzung jedoch schwierig. Das weitverbreitete Beruhigungsmittel Diazepam etwa sei zwar über Wasser in Tropfenform verabreichbar. Die maximal empfohlene Dosis zur Behandlung von Angstzuständen wären dabei 28 Tropfen, um eine größere Masse von Menschen ruhig zu stellen, bräuchte es deshalb allerdings eine große Menge an Medikamenten: "Das wäre dann ein 200stel der Wasserversorgung", schätzte Bäumer, also eine extrem große Menge an benötigten Medikamenten, die überdies geheim gelagert werden müsste.

Außerdem: "Eine auch nur nahezu exakte Dosierung wäre nicht möglich und die nicht unerheblichen unerwünschten Arzneimittelwirkungen würden in keinem Verhältnis zur möglichen 'Beruhigung der Bevölkerung' stehen." Kurzum: Wäre Beruhigungsmittel im Wasser, würde eine große Zahl von Menschen wegen zu hoher Dosierungen im Krankenhaus landen, was aber nicht der Fall ist. Ein anderer Teil der Bevölkerung würde hingegen nichts merken, etwa weil sie Limonade gegenüber Leitungswasser vorzieht.

Die Wasserwerke dementieren

Im Posting ist die Rede von "einer der größten deutschen Städte". AFP hat deshalb die Wasserwerke großer deutscher Städte zum Vorwurf befragt. Alle weisen den Vorwurf zurück.

Nicht nur Großstädte, auch Gemeinden weisen den Vorwurf zurück. Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) ist die Interessenvertretung der kommunalen Versorgungs- und Entsorgungswirtschaft in Deutschland. Ein Sprecher schrieb am 10. Mai: "Den Vorgang können wir ausschließen. Und nein, solche Vorräte an Beruhigungsmitteln gibt es nicht. Trinkwasser wird regelmäßig – in eigenen Laboren der Wasserversorger bzw. externen Laboren – entsprechend der deutschen Trinkwasserverordnung analysiert." Auch der VKU hält so ein Vorgehen wie im Posting beschrieben für unrealistisch: "Eine solche Beimischung bliebe aufgrund der regelmäßigen Überwachung des Trinkwassers nicht unentdeckt, zumal exorbitant große Mengen an Beruhigungsmittel notwendig wären, um überhaupt eine spürbare Konzentration zu erreichen. Denn bei der Anwendung von Beruhigungsmitteln wäre am Ende die Dosis bei jedem Einzelnen entscheidend."

Fazit: Die Meldung stammt nicht wie behauptet von "Welt Online", sondern kursiert schon mindestens seit 2012 im Internet. Das Trinkwasser in Deutschland wird außerdem engmaschig von Behörden und externen Laboren kontrolliert. Umweltbundesamt und DVGW kennen keine solchen überschrittenen Messwerte, ein Pharmakologe hält das Szenario für kaum durchführbar. Auch zahlreiche Wasserwerke selbst dementierten.

Update 11.05.2021: Statement VKU ergänzt
Update 11.05.2021: Statement Stadtwerke Düsseldorf ergänzt