Nein, dieses Bild stammt nicht aus dem ehemals besetzten Wohnprojekt "Liebig 34"

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Tausende User teilen seit dem 9. Oktober Bilder auf Social Media, die das heruntergekommene Leben im mittlerweile geräumten Wohnprojekt "Liebig 34" zeigen sollen. In den meisten Fällen zeigen die Fotos eine verwahrloste Matratze, eine unbewohnbare Küche und ein vermülltes gelbes Zimmer. Vor allem AfD-Politikerinnen und Politiker und andere der Partei nahestehende User teilen die Aufnahmen. Sie stammen allerdings nicht aus der Liebig 34. Das Bild der Matratze hat ein deutsches Entrümpelungsunternehmen bereits 2019 zu Werbezwecken hochgeladen, die Aufnahme der Küche hat ein Fotograf 2006 gemacht und das Foto des schmutzigen gelben Zimmer stammt aus dem dpa-Archiv aus 2011. 

Unter anderem der rechte Youtuber Tim Kellner hat das Bild der Matratze als Teil eines Memes am 10. Oktober zwei Mal gepostet (hier und hier). Allein diese Posts haben rund 3.400 Shares. Der Meme-Text beschreibt: "Die in Deutschland am häufigsten getestete Matratze (...) findet man in 'Liebig 34'!" Das Meme samt Foto taucht auch auf anderen Accounts auf, etwa hier, hier oder hier. Abgelichtet wurde es angeblich bei der Räumung des bislang besetzten Hauses "Liebig 34" am 9. Oktober in Berlin. 

Facebook-Screenshot: 12.10.2020

Die Memes von Kellner und Co. folgten jedoch erst nach einem Facebook-Posting des Fraktionsvorsitzenden der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus, Georg Pazderski. Er teilte vier Bilder, die angeblich aus der Liebig 34 stammen sollen (hier). Allein seinen Beitrag, gepostet am Morgen des 10. Oktobers, teilten rund 3.100 User.

Darin schreibt der AfD-Politiker: "Liebigstraße 34: Jetzt weiß ich auch endlich, was mit "linksversifft" gemeint ist. Wie kann man nur in einem solchen Dreck leben? Vegetieren ist wohl der richtigere Ausdruck! Das Berliner Dreckloch Liebigstraße 34 in Friedrichshain-Kreuzberg hätte schon vor Jahren von der Gesundheitsbehörde für unbewohnbar erklärt und geräumt werden müssen (...)"

Auch sammelten sich auf Twitter unter dem Trending-Hashtag #Drecksloch zahlreiche Posts, die die angeblichen Bilder aus der Liebig 34 verbreiteten (hier, hier, hier), sogar in den Niederlanden gingen die Aufnahmen auf Twitter herum (hier). Meinungsmacher von der politischen Mitte bis nach rechts außen veröffentlichten die Fotos. Viele von ihnen löschten ihre Beiträge dann später, nachdem eine wachsende Zahl an Usern auf die Falschheit der aufgestellten Behauptungen hingewiesen hatten (hier, hier).

Hinter der Frage nach den besetzten Häusern Berlins steckt eine lange Tradition des politischen Konflikts. Die Liebig 34 ist nur eins von mehreren Beispielen, in dem die Interessen von Besetzerinnen und Besetzern, Investoren, linken und rechten Aktivistinnen und Aktivisten sowie von Politikerinnen und Politikern aufeinanderprallen (mehr dazu hier).

Ein weiteres Beispiel wäre der Kampf um die Rigaer 94, die noch immer besetzt ist (mehr dazu hier). Aus Sicht der politischen Rechten sind Besetzerinnen wie das inzwischen geräumte "anarcha queer feministische Kollektiv" in der Liebig 34 für einen tief verwurzelten Linksextremismus in Deutschland verantwortlich (mehr dazu hier). Die Verbreitung von Behauptungen und Ausdrücken, die den politischen Gegner etwa als dreckig oder tierisch entmenschlichen, hat ebenfalls eine eigene Tradition bei der Rechten (mehr dazu hier). So auch im aktuellen Fall. 

Dabei gab es tatsächlich echte Bilder, auch Pazderski hat sie auf Twitter gepostet, die bei einem Presserundgang der Berliner Polizei durch die Liebig 34 aufgenommen wurden. Sie entstanden kurz nach der Räumung. Massenhaft auf Twitter geteilte Screenshots beziehen sich vor allem auf Filmmaterial von BILD und auf Aufnahmen des staatlich-russischen Fernsehsenders ruptly.

Dieses Bild entstand tatsächlich nach der Räumung im Hinterhof der Liebig 34. Auf AFP-Anfrage teilte ein Sprecher der Polizei Berlin am 14. Oktober mit: "Der Innenhof des Objekts Liebigstraße 34 war bereits Tage vor und nochmals verstärkt zu Beginn der Räumung mit (Sperr-)Müll und Schrott versehen, welche der Polizei mutmaßlich den Zugang zu den Hoftüren des Objektes erschweren sollte." Überprüfen lässt sich diese Aussage im Nachhinein nicht. FB-Screenshot: 12.10.2020

AFP kann zeigen, dass die anderen viralen Bilder, also die Matratze, die Küche und das gelbe Zimmer, aus dem Kontext gerissen wurden und nicht aus der Liebig 34 stammen.

1. Die Matratze

Facebook-Screenshot: 12.10.2020

In den Facebook-Kommentaren unter Pazderskis Beitrag haben User bereits den Ursprungsort des Matratzen-Bilds gefunden. Sie teilen einen Link zum deutschen Unternehmen "Rümpel Meister Express", das im ganzen Land tätig ist (hier). Das Bild erscheint in einem Blog-Artikel der Firma mit dem Titel "Wohnungsreinigung in Dresden" und zeigt tatsächlich die Matratze. Die Blogeinträge des Rümpel Meisters gibt es in verschiedenen Versionen für mehrere deutsche Städte. 

Auf der Website des Unternehmens hat die Aufnahme der Matratze oben links ein Wasserzeichen mit dem Firmenlogo. Außerdem hat AFP den Quellcode der Website überprüft und festgestellt, dass das Bild dort bereits im Oktober 2019 hochgeladen wurde, lange vor der Räumung der Liebig 34.

Links ist das Originalbild von 2019 zu sehen, rechts die jetzt verbreitete Version. Es ist dasselbe Bild, nur wurde die aktuelle Version gespiegelt und in schlechterer Qualität gezeigt. Spiegelungen erschweren Suchmaschinen das Auffinden von Bildern. Facebook-Bildschirmfotos: 12.10.2020

AFP hat auch den Geschäftsführer von "Rümpel Meister Express" kontaktiert, dessen Geschäftsführer Stefan Schinkel sagte am 13. Oktober: "Wir können bestätigen, dass dieses Bild von einer lange zurückliegenden Räumung in Dresden stammt." Schinkel zeigte sich überrascht über "einen Grad an krimineller Energie mit dem hier unser Firmenlogo herausgeschnitten wurde und das Bild in falschem Kontext verbreitet wird."

2. Die Küche

 

Das zweite von Pazderski gepostete Bild. Facebook-Screenshot: 12.10.2020 (Das zweite von Pazderski gepostete Bild. Facebook-Screenshot: 12.10.2020)

 

Auch das zweite Bild von Pazderski und Co. stammt von einem anderen Ort und aus einer anderen Zeit. Wieder fanden Facebook-User die Aufnahme auf der Website einer Reinigungsfirma und wiesen Pazderski unter dessen Post darauf hin. Diesmal heißt das Unternehmen "Haushaltsauflösung Kiel".  Die Firmenseite verweist auf einen Fotografen für alle gezeigten Fotos: Einen gewissen Rolf Henschel, der die Online-Agentur NordNett im schleswig-holsteinischen Preetz betreibt.

Am 12. Oktober 2020 bestätigt Henschel gegenüber AFP am Telefon und per E-Mail: "Ich habe das Bild 2006 in Bad Oldesloe als Teil einer Serie aufgenommen." Weiter sagt Henschel, er habe bisher nichts von der aktuellen Verwendung seines Bildes gewusst: "In den vergangenen Jahren haben Leute das Bild immer wieder ohne meine Erlaubnis verwendet, aber so etwas hatte ich noch nie", sagt er.

3. Das gelbe Zimmer

 

Ein weiteres Bild, das Pazderski und Co.auf Facebook gepostet haben - Facebook-Screenshot: 12.10.2020

 

AFP führte eine umgekehrte Bildersuche nach dem Foto durch: Es taucht in zwei Nachrichtenartikeln auf. Einer stammt aus der Frankfurter Rundschau vom Januar 2019 (hier) und einer aus der Taz vom November 2011 (hier). Beide Texte verweisen als Bildquelle auf Nachrichtenagenturen. AFP fand das Bild anschließend im Archiv der deutschen Nachrichtenagentur dpa:

Das Bild ist im Pool der deutschen Presse Agentur dpa zu finden - dpa-Screenshot: 10.12.2020

Die dpa-Beschreibung des Bildes gibt Aufschluss über dessen Ursprung: Es zeigt tatsächlich eine Wohnung in der Liebigstraße. Es handelt sich aber nicht um Hausnummer 34, sondern um die Nummer 14. Die gezeigte ebenfalls besetzte Wohnung wurde bereits 2011 mit Hilfe von 2000 Polizisten geräumt. Im Oktober 2020 waren bei der Räumung von Liebig 34 rund 5000 Polizisten vor Ort.

Fazit

Die tausendfach geteilten Bilder sind alle an einem anderen Ort und lange vor der Räumung der Liebig 34 entstanden. 

 

Update 14.10.2020: Die Aussage eines Sprechers der Polizei Berlin wurde unter dem Bild des Innenhofs der Liebig 34 hinzugefügt.
Update 13.10.2020: Ein weiterer Post wurde der Aufzählung hinzugefügt.