WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus auf einer Pressekonferenz am 20. Dezember 2021 in Genf (AFP / Fabrice COFFRINI) ( AFP / FABRICE COFFRINI)

Vorsicht vor dieser Fehlinterpretation einer Erklärung des WHO-Generaldirektors über Booster-Impfungen für Kinder

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Tausende User haben seit Ende Dezember eine Behauptung auf Instagram und Facebook gesehen, wonach der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, erklärt haben soll, dass Booster-Impfungen Kinder töten könnten. Laut der WHO verhedderte sich Tedros lediglich bei der Aussprache eines Wortes. Die Nutzen-Risiko-Bewertung zeige eindeutig, dass auch Kinder und Jugendliche von der Impfung profitieren.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptungen zu den Booster-Impfungen für Kinder auf Instagram gelesen. Auch auf Facebook verbreiteten sich die Meldungen dutzendfach (hier, hier). Zehntausende sahen einen Blogartikel zum Thema auf Telegram.

Die Behauptung: Laut einem online verbreiteten Blogartikel soll WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus auf einer Pressekonferenz zugegeben haben, dass "einige Länder die Booster verwenden, um Kinder zu töten." Dies sei ein "legitimer Freudscher Versprecher". Auf Instagram heißt es, der WHO-Vorsitzende habe mit der Aussage "Booster-Impfungen könnten Kinder töten" für Verwirrung und Aufregung gesorgt.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 07.01.2022

Die online verbreiteten Behauptungen beziehen sich auf eine Pressekonferenz der WHO vom 20. Dezember 2021 in Genf. Dort soll der WHO-Generaldirektor erklärt haben, die Booster-Impfungen würden genutzt, um Kinder zu töten. In diesem Mitschnitt des staatlich-russischen Fernsehsenders Ruptly ist die betreffende Stelle bei Minute 2:40 zu hören.

Tatsächlich ist die Aussprache des WHO-Generaldirektors an dieser Stelle irreführend. Das von der WHO veröffentlichte Transkript der Konferenz zeigt allerdings: Die Annahme, Tedros habe erklärt, die Booster würden genutzt, um Kinder zu töten, auf Englisch "to kill children", ist nicht korrekt.

Screenshot des Transkripts zur WHO-Pressekonferenz vom 20. Dezember 2021: 07.01.2022

Demnach sagte der WHO-Generalsekretär:

"Anstatt ein Kind in einem Land mit hohem Einkommen zu boostern, ist es besser ältere Menschen dort zu impfen, wo diese noch nicht geimpft sind oder nicht einmal ihre Erstimpfung erhalten haben." Kindern in diesem Zusammenhang Booster-Impfungen zu verabreichen sei "nicht richtig.".

Auf AFP-Anfrage erklärte die WHO am 23. Dezember, das Missverständnis sei dadurch zustande gekommen, dass der Generaldirektor während der Pressekonferenz über das Wort "Kinder" gestolpert sei: "Als er am Montag auf der WHO-Pressekonferenz das Wort 'Kinder' aussprach, blieb er bei der ersten Silbe 'chil' hängen und es klang wie 'cil/kil'."

Direkt nach dem Versprecher habe Tedros die Silbe korrekt ausgesprochen. Dies habe sich dann wie "cil-children" angehört. Jede andere Interpretation des Vorfalls sei "zu 100 Prozent inkorrekt", erklärte die WHO.

Die WHO unterstützt Impfungen von Kindern

Gegenüber AFP erklärte die Weltgesundheitsorganisation zudem, sie befürworte nachdrücklich den Einsatz von Impfstoffen zum Schutz vor Covid-19. So sei es Ghebreyesus auch bei den fraglichen Ausführungen bei der Pressekonferenz um die Impfstoffverteilung zwischen Ländern mit höheren und niedrigeren Einkommen gegangen.

Am 24. November 2021 erklärte die WHO in einer Stellungnahme: "Obwohl die Nutzen-Risiko-Bewertungen eindeutig den Nutzen der Impfung für alle Altersgruppen, einschließlich Kinder und Jugendliche, untermauern, ist der unmittelbare gesundheitliche Nutzen der Impfung für Kinder und Jugendliche im Vergleich zu älteren Erwachsenen geringer, da das Vorkommen schwerer Verläufe und Todesfällen bei jüngeren Menschen niedriger ist."

Der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, erklärte dazu jedoch am 7. Dezember bei einer Pressekonferenz, es sei "nicht unüblich, heute zwei- bis dreimal höhere Covid-19-Inzidenzen bei jungen Kindern als in der durchschnittlichen Bevölkerung zu beobachten".

Um weitere Schulschließungen zu vermeiden, habe die europäische Zweigstelle der WHO empfohlen, in den Schulen Tests durchzuführen und eine Impfung von Schulkindern in Erwägung zu ziehen: "Die Impfung von Kindern sollte auf nationaler Ebene als Teil von Schutzmaßnahmen in der Schule diskutiert und in Betracht gezogen werden." Dies verringere nicht nur die Möglichkeit einer Weiterübertragung durch Kinder, sondern schütze sie auch vor möglichen schweren pädiatrischen Folgen der Erkrankung, beispielsweise im Zusammenhang mit Long-Covid oder multisystemischen Entzündungssyndromen.

Gegenüber AFP Frankreich erklärte die europäische WHO-Zweigstelle im Dezember, sie habe bisher keine "Notfallzulassung der Covid-19-Impfstoffe für Kinder unter zwölf Jahren erteilt". Die neue Zusammensetzung des Biontech-Impfstoffs, welche eine "hohe Wirksamkeit gegen Covid-19 bei Kindern in einem klinischen Versuch" gezeigt habe, sei aber durch die US-Food and Drug Administration (FDA) sowie die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) zur Verwendung bei Kindern über fünf Jahren zugelassen.

Was ist zur Impfung von Kindern bekannt?

Nach Angaben der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wurden bis zum 7. Januar 2022 mehr als 7,2 Millionen Dosen des Covid-19-Impfstoffs in den Vereinigten Staaten an Kinder zwischen fünf und elf Jahren verabreicht. Mehr als 4,6 Millionen Kinder diesen Alters sind aktuell vollständig mit dem Biontech-Impfstoff geimpft, der in den USA derzeit als einziger für diese Bevölkerungsgruppe zugelassen ist.

Die US-Gesundheitsbehörde CDC hält den Coronavirus-Impfstoff für Kinder und Jugendliche mit leichten bis mittelschweren Impfnebenwirkungen für sicher. Die Reaktionen entsprächen den Erwartungen, denn bei zuvor durchgeführten klinischen Studien traten ähnliche Reaktionen auf. Zu diesen Nebenwirkungen gehören Schmerzen, Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Muskelschmerzen und Fieber.

Auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), welches in Deutschland für die Überwachung der Impfstoffe zuständig ist, erklärt in seinem Sicherheitsbericht vom 23. Dezember 2021: "Die Verträglichkeit der mRNA-Impfstoffe bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren entspricht weitgehend dem junger Erwachsener."

Auf der Webseite des PEI heißt es zur Zulassung des Biontech-Impfstoffs für Fünf- bis Elfjährige weiter, die Reaktionen auf die Impfung seien meist "leicht oder mäßig ausgeprägt und klingen innerhalb weniger Tage nach der Impfung ab". Der Impfstoff von Biontech reduziert demnach das Risiko einer Corona-Erkrankung für Kinder deutlich.

Fazit: WHO-Generaldirektor Tedros stolperte laut der Organisation bei einer Pressekonferenz über das englische Wort "children". Thema der Konferenz war die weltweit ungleiche Verteilung von Impfstoffen. EMA, FDA und WHO befürworten die Impfung von Kindern.

Übersetzung:
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