Eine Impfdosis des Biontech-Impfstoffs Comirnaty. ( AFP / THOMAS LOHNES)

Dieser Blogartikel verbreitet Falschinformationen über die Wirksamkeit des Comirnaty-Corona-Impfstoffs gegen die Delta-Variante

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Dutzende User auf Facebook und Hunderttausende auf Telegram haben einen Blogartikel gesehen, dessen Autorin die Wirksamkeit des Biontech-Impfstoffs gegen die Delta-Variante des Coronavirus infrage stellt. Der Impfstoff sei demnach nicht für die aktuell kursierende Variante entwickelt worden. Daten zur Wirksamkeit gebe es nicht, daher sei eine Impfung fahrlässige Körperverletzung ohne medizinischen Nutzen. Offizielle Daten zur Delta-Variante gibt es allerdings durchaus und diese zeigen, dass der Comirnaty-Impfstoff auch gegen Delta wirkt.

Dutzende Nutzerinnen und Nutzer haben den Blog-Artikel auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auf Telegram sahen ihn Hunderttausende (hier).

Die Falschbehauptung: Eine Fachzahnärztin soll sich angeblich beim Unternehmen Biontech nach der Wirksamkeit des Corona-Impfstoffs informiert haben. Sie habe erfahren, dass der Impfstoff für die Alpha- und Beta-Variante des Virus entwickelt wurde. Zur Delta-Variante würden keine Daten vorliegen und eine Anpassung des Impfstoffs sei nicht in Aussicht, soll Biontech ihr laut Artikel mitgeteilt haben. Die Ärztin kommt zum Schluss, dass aktuell nur gegen Varianten mit Biontech geimpft werde, die gar nicht mehr existieren. Die Impfung sei obsolet und könne sogar als fahrlässige Körperverletzung betrachtet werden. Es bestehe "lediglich das Risiko eines Impfschadens” und kein “medizinisch-epidemiologischer Gegenwert".

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 30.11.2021

Welche Virus-Varianten sind im Umlauf?

Laut Bundesgesundheitsministerium (BGM) existieren insgesamt etwa 1500 bekannte Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2. Die weltweit am weitest verbreitete Variante ist Delta, welche auch in Deutschland aktuell dominierend ist. Die Variante gilt laut BGM als besorgniserregend, da sie sich leichter überträgt und womöglich schwerere Verläufe verursacht als ihre Vorgänger. Seit Ende November hat außerdem die offenbar stark mutierte Omikron-Variante Schlagzeilen gemacht (mehr dazu hier, hier).

In der folgenden Grafik des Onlineportals Statista lässt sich die Entwicklung der Virus-Varianten in Deutschland zeitlich nachvollziehen. Seit Mai verzeichneten die Gesundheitsämter einen stetigen Anstieg des Anteils an Delta-Infektionen. Gleichzeitig fiel der Anteil der bis dato dominierenden Alpha-Variante:

Für Anfang November ergibt sich aus der Grafik ein Anteil der Delta-Variante am Infektionsgeschehen von 99,7 Prozent. Auch im aktuellen Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) heißt es: "In Deutschland, wie auch im europäischen Ausland, werden praktisch alle Infektionen durch die Delta-Variante (B.1.617.2) verursacht."

Der Biontech-Impfstoff schützt auch gegen die Delta-Variante

Das Bundesgesundheitsministerium erklärt auf seiner Webseite mit Stand vom 10. November: "Alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft auch gegen neue Virus-Varianten wirksam." (Diese Einschätzung bezieht sich noch nicht auf die neu gefundene Omikron-Variante)

Demnach bietet der Biontech-Impfstoff auch gegen die Delta-Variante einen ausreichenden Schutz, sofern beide Impfungen verabreicht wurden und 14 Tage seit der letzten Dosis vergangen sind. Weiter heißt es:

Das RKI erklärt, die Effektivität der Impfstoffe von Biontech, Moderna und Astrazeneca liege bei der Deltavariante etwa 10 - 20 Prozentpunkte unter der Effektivität gegen die Alpha-Variante. Die Schutzwirkung gegen schwere Covid-19-Erkrankungen sei aber weiterhin hoch.

Auch Biontech selbst verwies in einer Mitteilung vom Juli 2021 auf eine in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichte Studie, bei welcher in Laborversuchen kurz nach der Zweitimpfung hohe Antikörperkonzentrationen gegen die Delta-Variante gemessen wurden. Es liegen also durchaus Daten dazu vor. Weiter heißt es:

"Auch wenn Pfizer und BioNTech glauben, dass eine dritte Dosis BNT162b2 es möglich macht, das höchste Level an schützender Wirksamkeit gegenüber allen bisher getesteten Varianten, einschließlich der Delta-Variante, zu erhalten, beobachten sie die Situation aufmerksam und entwickeln eine angepasste Version des Pfizer-BioNTech Covid-19-Impfstoffs. In diesem verwenden die Unternehmen das vollständige Spike-Protein der Delta-Variante."

In einer Veröffentlichung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages vom 7. Oktober fasste dieser zudem relevante Studienergebnisse zur Effektivität der Impfstoffe gegenüber der Delta-Variante zusammen. Darin heißt es:

Am 18. November erklärte eine Sprecherin des Unternehmens Pfizer auf AFP-Anfrage:

An der Zusammensetzung des Impfstoffs sei bisher tatsächlich nichts verändert worden. Auch der Herstellungsprozess sei unverändert geblieben. Es seien lediglich einige Verbesserungen vorgenommen worden, um die Lagerfähigkeit des Impfstoffs zu verbessern. Dieser könne nun für bis zu zehn Wochen bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad Celsius gelagert werden.

Biontech arbeitet an einer Anpassung des Impfstoffs

Bereits im August startete Biontech klinische Versuche zur Wirksamkeit von variantenspezifischen Impfstoffkandidaten. Erste Daten zu diesen Kandidaten sind laut einer Mitteilung vom 9. November für das vierte Quartal 2021 geplant.

Die Pfizer-Sprecherin erklärte dazu: "Da sich das Sars-CoV-2-Virus weiterentwickelt, setzen Pfizer und BionTech ihre Arbeit fort, um die Langzeitimmunität, den potenziellen Bedarf an Auffrischungsimpfungen und jegliche Bedrohung durch zirkulierende oder neue Varianten, die den Impfschutz beeinträchtigen, zu verstehen. Wir verfolgen einen mehrspurigen wissenschaftlichen Ansatz, um Daten zu sammeln und bei Bedarf mit einem aktualisierten Impfstoff vorbereitet zu sein."

Das BGM erklärte zudem: "Die Wirksamkeit der Impfstoffe und ihre Wirkung gegen Virusvarianten werden kontinuierlich überprüft. Alle Hersteller planen zudem verschiedene Anpassungen ihrer Impfstoffe, die – falls es notwendig sein sollte – auch vor künftig auftretenden Virusvarianten schützen."

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) erklärt mit Stand vom 16. November auf seiner Webseite, Unternehmen arbeiteten an weiteren Impfstoffen gegen Varianten von Sars-CoV-2, um weiterhin einen starken Schutz gewährleisten zu können. Eine einfache Verbesserungsmöglichkeit des Schutzes bestehe schon darin, sogenannte Auffrischungsimpfungen zu verabreichen. Der vfa listet ebenfalls eine Reihe an Impfstoffkandidaten, die speziell für Auffrischimpfungen und gegen die Delta-Variante entwickelt worden seien, darunter auch Impfstoffe von Biontech, Moderna und Astrazeneca.

Könnte die Biontech-Impfung als fahrlässige Körperverletzung gewertet werden?

Nein, der Argumentation des online zirkulierenden Blog-Artikels fehlt die Grundlage. Denn die zugelassenen Impfstoffe haben nachweislich eine Schutzwirkung gegen die aktuell vorherrschende Delta-Variante. Der "medizinisch-epidemiologische Gegenwert", der angesprochen wird, ist durchaus definiert.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt mit Stand vom 18. November, den Impfstoff von Biontech weiterhin als einzigen Impfstoff für die unter 30-jährigen. Für die über 30-jährigen empfiehlt die Stiko bei einer Erstimpfung mit Moderna, die zweite Dosis Biontech zu verabreichen.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), welches die Impfstoffe in Deutschland überwacht, meldete bis zum 30. September etwa 172.000 Verdachtsfälle von Nebenwirkungen im Zusammenhang mit den Corona-Impfstoffen. Die Reaktionen sind aber nicht zwingend in ursächlichem Zusammenhang mit den Impfstoffen zu sehen. Dem gegenüber stehen mindestens 56,9 Millionen Menschen, die in Deutschland ihre vollständige Impfung erhalten haben.

AFP hat den Betreibenden des Blogs am 18. November mit den Rechercheergebnissen konfrontiert. Bis zur Veröffentlichung gab es keine Antwort.

Fazit: Die Biontech-Impfung wirkt auch gegen die Delta-Variante des Coronavirus. Das bestätigen sowohl deutsche Behörden als auch der Impfstoffhersteller selbst. Die Wirksamkeit fällt allerdings etwas geringer aus als bei vorherigen Varianten des Virus. Zudem arbeiten mehrere Impfstoffhersteller an überarbeiteten Versionen ihrer Impfungen, um besser gegen Varianten gewappnet zu sein.

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