
Nein, diese Kristalle beweisen keine Auffälligkeiten im Corona-Impfstoff
- Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
- Veröffentlicht am 23. September 2021 um 16:41
- Aktualisiert am 23. September 2021 um 16:43
- 7 Minuten Lesezeit
- Von: Maja CZARNECKA, AFP Polen
- Übersetzung: Jan RUSSEZKI
Copyright © AFP 2017-2025. Für die kommerzielle Nutzung dieses Inhalts ist ein Abonnement erforderlich. Klicken Sie hier für weitere Informationen.
Tausende User haben das ursprünglich auf Youtube hochgeladene Video auf Facebook geteilt (hier, hier). Die Youtube-Version haben bisher rund 148.000 User angesehen (hier). Auf Telegram sahen mehr als 100.000 User einen Screenshot aus dem Video.
Die Behauptung: Das Video auf Youtube zeigt angeblich die Veränderungen eines mRNA-Impfstoffs von Biontech-Pfizers unter einem Mikroskop binnen elf Minuten. Zu erkennen ist, dass sich aus einem stetig bewegenden Gemisch langsam Kristalle herausbilden. Auf Youtube heißt es dazu nur, man wolle Fragen stellen: "Was sind das für weiße Punkte? Was sind das für schwarze Punkte? Warum ist der Impfstoff in Bewegung? Bilden sich da Verbindungen? Was sind das für Kristalle?" Auf Facebook formulieren User konkreter: "Impfstoff Biontech Pfizer unter dem Mikroskop. Graphenoxid Kristall." Auf Telegram heißt es: "Video zeigt selbstorganisierende Flecken und sich bildende kristalline Netzwerke in Pfizer Impfstoff - Graphenoxid-Nanotechnologie?‼️"

Was ist Graphen?
Graphen ist ein Nanomaterial (eine Verbindung, die aus winzigen Teilchen besteht), das antibakterielle und antivirale Eigenschaften besitzt. Es ist flexibel und leicht und kann sehr gut Wärme und Strom leiten. Es gilt als das dünnste Material der Welt. Forschende isolierten Graphen erstmals im Jahr 2004. Im Jahr 2010 erhielten sie dafür den Nobelpreis.
Oxidiert Graphen, wird es in sogenanntes Graphenoxid umgewandelt. Dieser Stoff könnte beispielsweise in den Bereichen der Optoelektronik oder der Energieumwandlung zum Einsatz kommen. Mehr zu dem Unterschied der beiden Stoffe hier.
Enthält der Biontech/Pfizer-Impfstoff Graphen oder Graphenoxid?
Die Behauptung, dass der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer Graphenoxid beinhalte, hat AFP in diesem Faktencheck bereits geprüft und als falsch bewertet. Darin erklären Expertinnen und Experten, dass zwar tatsächlich an einer Verwendung von Graphenoxid in der Medizin geforscht würde, diese Forschung sich aber noch in der "experimentellen Phase" befinde. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), Biontech/Pfizer selbst und eine chinesische Firma für Impf-Hilfsstoffe bestätigen, dass in dem Impfstoff kein Graphenoxid enthalten sei.
Pfizer-Sprecherin Dervil Keane erklärte am 11. September in einer E-Mail an AFP noch einmal: "Graphenoxid wird bei der Herstellung von Pfizer-BioNtech-Impfstoffen nicht verwendet." Auch in der vom Impfstoffhersteller veröffentlichten Zusammensetzung der Impfstoffe tauchen weder Graphen noch Graphenoxid auf.
Ist Graphen unter einem gewöhnlichen Mikroskop sichtbar?
Die meisten der im Internet kursierenden Behauptungen über das Vorhandensein von Graphen in Impfstoffen gehen auf eine spanische Studie von Dr. Pablo Campra Madrid zurück. Der Mitarbeiter der Universität Almería hat eine Probe des Impfstoffs von Biontech/Pfizer mit einem Licht- und Elektronenmikroskop (TEM) untersucht. AFP hat die Studie in diesem Faktencheck erörtert: Es handelte sich um eine vorläufige Studie, die weder in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht noch von anderen Forschenden überprüft worden war. In dieser Ende Juni veröffentlichten Studie will Campra Madrid festgestellt haben, dass er "solide Beweise für das wahrscheinliche Vorhandensein von Graphen-Derivaten in dem Impfstoff von Pfizer" gefunden habe.
Die Universität von Almeria distanzierte sich jedoch am 2. Juli in einer auf Twitter veröffentlichten Erklärung von Pablo Campra Madrid. Die Studie kursiert seitdem trotzdem weiter im Internet. Eine Dr. Jane Ruby behauptete darauf aufbauend etwa, dass "die RNA im Impfstoff von Pfizer zu fast 99 Prozent aus Graphenoxid besteht". In diesem Zusammenhang verwies Ruby als Quelle auch auf das aktuell verbreitete Mikroskop-Video.
AFP hat Physiker gefragt, ob es überhaupt möglich ist, Graphen unter einem gewöhnlichen Mikroskop zu sehen? Das sei nicht möglich, sagte Professor Jerzy Łusakowski vom Institut für Experimentalphysik am Lehrstuhl für Festkörperphysik der Universität Warschau am 12. September gegenüber AFP:
"Graphen besteht aus einer einzigen Schicht von Kohlenstoffatomen, was bedeutet, dass seine Dicke weniger als ein Millionstel eines Millimeters beträgt. Unter den Bedingungen des im Film gezeigten Experiments ist Graphen transparent und seine Beobachtung erfordert spezielle Techniken, die von den Autoren des Videos nicht verwendet wurden", erklärte der Physiker.
Graphenoxid verbinden sich derweil durchaus zu mehreren Schichten, die als Flocken je nach Größe unter speziellen Mikroskopen sichtbar werden können. Diese sehen aber ganz anders aus als die gezeigten Bilder.
Ester Vazquez, Expertin für die Auswirkungen von Graphen auf Gesundheit und Sicherheit, erklärte außerdem am 13. Juli gegenüber AFP: Die Untersuchung per Mikroskop könne keine adäquate Methode sein, um die Präsenz von Graphen oder Graphenoxid nachzuweisen. Die von Campra vorgenommenen Tests seien unzureichend. Vazquez erklärte:
Graphen ist nicht löslich
Diego Peña, Forscher für organische Chemie am spanischen Forschungszentrum für biologische Chemie und molekulare Materialien, erklärte bereits in diesem AFP-Faktencheck vom 23. Juni, dass Graphen in Impfstoffen nicht vorkommt und auch nicht vorkommen kann."Graphen ist nicht löslich, daher kann es nicht mit einer Lösung verabreicht werden. Wäre dies der Fall, wäre die Zusammensetzung des Impfstoffs dunkel gefärbt", erklärte Peña gegenüber AFP. Graphenoxid dagegen ist durchaus wasserlöslich.
Was bewegt sich im Video und warum?
Das Video zeigt größere und kleinere, helle, kleine Punkte. Zunächst bewegen sich diese Punkte nicht. Nach ein paar Minuten dann allerdings doch.
Das aber ist ein ganz normales physikalisches Phänomen: "Die Punkte sind in der Lösung dispergierte (also zerstreute) Lipidpartikel", erklärte die Sprecherin einer Arbeitsgruppe aus der Abteilung für Biotechnologie und Bioinformatik des Nationalen Arzneimittelinstituts in Warschau gegenüber AFP. "Lipidpartikel neigen dazu, miteinander zu aggregieren (Anm. d. Red.: sich anzuhäufen) und Strukturen zu bilden, die Ketten oder Clustern mit unregelmäßigen Formen ähneln", teilte die Sprecherin im Namen der Expertinnen und Experten AFP am 11. September in einer E-Mail mit.
Diese hoch spezialisierte Forschungsgruppe gehört zum NIL-Labor, das vom Europäischen Direktorat für die Qualität von Arzneimitteln (EDQM) als ein offizielles Arzneimittelkontrolllabor (OMCL) in der Europäischen Union ausgewählt wurde.
"In den folgenden Minuten vergrößern die Cluster ihre innere Oberfläche und immer mehr Partikel bewegen sich zum Rand des Sichtfeldes. Diese Beobachtung ist auf das Phänomen der Verdunstung des Lösungsmittels, das heißt des Wassers zurückzuführen (Trocknung des unter dem Mikroskop beobachteten Tröpfchens der Impfstofflösung)", erklärte die Sprecherin.
In der elften Minute des Videos erscheinen zahlreiche "Nadel"-Strukturen. Die Sprecherin der NIL-Forschungsgruppe sagte dazu: "Das sind Salzkristalle, die durch den Kristallisationsprozess entstehen."
Woher kommen die Salze im Impfstoff?
Diese Salze werden vom Impfstoffhersteller in der Zusammensetzung der Impfstoffe aufgeführt. Dort sind unter "Description" auch Chlorid- und Phosphatsalze zu finden.
Der Impfstoff soll außerdem laut Hersteller vor Injektion mit 1,8 Milliliter Natriumchlorid gemischt werden. Dabei handelt es sich um ein Natriumsalz, ebenfalls Grundbestandteil von Speisesalz.
Versuchsaufbau des NIL
AFP hat die NIL-Laborgruppe gebeten, für den Faktencheck eine Modelllösung zu erstellen, die der Zusammensetzung des Pfizer-Impfstoffpräparats in Bezug auf die darin enthaltene Salzlösung entspricht. Bei der Zusammensetzung konnte das Vorhandensein von Lipid-Nanopartikeln nicht berücksichtigt werden, da das Labor nicht für einen solchen Versuch zugelassen ist. Auch ist weder Graphen noch Graphenoxid in dieser Lösung enthalten. Das Ergebnis ähnelt dennoch dem Facebook-Video.
Ein Tropfen einer solchen Modelllösung wurde einem Wasserverdampfungsprozess unterzogen und die gesamte Beobachtung unter dem Mikroskop gefilmt. Es wurde das Olympus IX70 Fluoreszenzmikroskop mit einer 10-fachen Vergrößerung verwendet. Das sind ähnliche Parameter wie in der Aufnahme aus dem Internet. Die folgenden Bilder wurden von NIL zur Verfügung gestellt. Sie zeigen den für AFP durchgeführten Versuch und wie die Kristallisation abläuft.

Die Expertinnen und Experten erklärten, dass die angeblichen Graphenkristalle im Video und die Salzkristalle, die aus der Modelllösung im NIL-Labor gewonnen wurden, ähnlich aussehen, was darauf hindeutet, dass es sich bei beiden um Salzkristalle handelt.

"Die Beobachtung zeigt die Ähnlichkeit der Bildung der kontrollierten Kristallstrukturen aus in Wasser enthaltenen Salzen (sichtbar im NIL-Bild) mit der angeblichen Kristallisation von Graphen (aus dem Facebook-Video)", schrieb die NIL-Gruppe.
Fazit: Das auf Facebook kursierende Video zeigt kein Graphen, auch kein Graphenoxid, sondern Salzkristalle, erklärten Expertinnen und Experten. Um Graphene und Graphenoxide überhaupt sehen zu können, sei eine andere Technik nötig, als im Video verwendet. Expertinnen und Experten haben zusätzlich für AFP einen ähnlichen Versuch im Labor durchgeführt und dokumentiert: Die Kristallstrukturen entsprechen denen aus dem Facebook-Video. Es handelt sich sehr demnach um Salze. Pfizer selbst dementiert Graphen im Covid-19-Impfstoff. Salze hingegen sind in dem Impfstoff tatsächlich enthalten.