Nein, Saskia Esken forderte die Deutschen nicht auf, Verzicht zu lernen

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Erneut haben Tausende Facebook-User ein angebliches Zitat der Parteivorsizenden der SPD, Saskia Esken, geteilt. Esken habe gefordert, die Deutschen müssten Verzicht lernen. Im als Quelle angegebenen Interview kommt so ein Satz von Esken aber gar nicht vor. AFP-Recherchen zeigten ebenfalls keine solche Aussage der Politikerin. Der SPD-Vorstand dementierte gegenüber AFP, dass Esken je so einen Satz gesagt hat.

Mehr als tausend Facebook-User haben seit dem 31. August das angebliche Zitat allein auf Grundlage eines Postings des AfD-Politikers Georg Pazderski geteilt. Weitere Tausende sahen das vermeintliche Zitat von Saskia Esken bereits im Februar (hier).

Die Falschbehauptung: Esken soll gegenüber "Zeit Online" (manchmal auch gegenüber der dpa) gefordert haben: "Es wird Zeit, dass die Deutschen Verzicht lernen." Dazu kommentiert aktuell AFD-Politiker Pazderski: "Die Deutschen haben die Nase gestrichen voll, dass ihnen vom Staat alimentierte Minderleister immer mehr Lasten aufbürden wollen."

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 08.09.2021

Im Vorfeld der Bundestagswahlen im September kursieren immer wieder gefälschte Zitate oder Forderungen, die Politiker und Politikerinnen zugeschrieben werden. AFP widerlegte solche bereits mehrfach (hier, hier, hier). Auch die Aussage von Esken gehört in diese Reihe an Falschinformationen.

AFP hat zunächst nach dem angesprochenen Zeit-Interview gesucht. Es gab hier ein Interview zum Thema Verzicht, das Esken am 24. Februar 2021 gab. Auch das Nachrichtenportal "Welt" griff dieses Gespräch unter der Überschrift: "Fliegen, Fahren, Fleisch" – Jetzt predigt die SPD-Chefin den Verzicht” auf. AFP hat beide Texte gesichtet: Das verbreitete Zitat von Esken fiel weder im Interview noch in der verkürzten Version der "Welt".

Esken sprach dabei durchaus über Verzicht. Sie antwortete auf eine entsprechende "Zeit"-Frage nach der Notwendigkeit von Verzicht auf Flüge, Autos und Fleisch:

"Das will ich gar nicht abstreiten. Aber weniger Fliegen bedeutet nicht automatisch weniger Mobilität oder weniger Internationalität. Innerhalb Deutschlands muss aber kein Mensch fliegen. Transplantationsorgane meinetwegen, die haben’s eilig. Ich dagegen kann auch mit der Bahn fahren, und das tu ich auch."

Auf die Frage, ob Sie Kurzstreckenflüge verbieten wolle, sagt Esken:

"Nein, weil Verbote nicht der richtige Weg sind, wenn wir die Gesellschaft mitnehmen wollen. (...) Wir müssen darüber nachdenken, wie wir von manchem weniger haben können, ohne Lebensqualität zu verlieren und manchmal sogar welche zu gewinnen. Das gilt fürs Fahren, fürs Fliegen und auch fürs Fleisch."

Im Artikel der "Welt" gibt es eine Analyse des Interviews, die dieses zwar verkürzt, aber ebenfalls nicht den geteilten Satz enthält:

"Denn die (Eskens Argumente) sind im Grund vernünftig. Muss man innerdeutsch fliegen? Nein, muss man auf den meisten Strecken nicht. Fordert sie ein grundsätzliches Kurzstreckenverbot? Tut sie nicht, nur sie selbst fährt lieber Bahn. Gehört Fleisch auf den Index? Nein, sie selbst esse allerdings keins und wolle keinem den Appetit verderben. Aber man müsse an den CO2-Ausstoß in der Landwirtschaft denken und das Tierwohl angesichts der Massentierhaltung. So verdirbt man einem natürlich den Appetit – aber jeder könne ja, wie er will."

AFP konnte bei einer Recherche nach den Schlüsselwörtern aus dem Zitat abgesehen von weiteren Faktenchecks der Plattformen "Correctiv" und "Ruhrbarone" keine relevanten Quellen für das angebliche Zitat finden. Auch eine Datenbanksuche bei der Nachrichtenagentur dpa zum Thema blieb ergebnislos.

Am 7. September teilte dann auch Sprecher Philipp Geiger vom SPD-Parteivorstand gegenüber AFP mit: "Ich kann Ihnen bestätigen, dass Frau Esken diesen Satz nie gesagt hat."

Fazit: Saskia Esken wurde tatsächlich in einem Interview auf das Thema Verzicht angesprochen. Sie hat aber nie gefordert, die Deutschen müssten Verzicht lernen.

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