Schneefall und Kälte widersprechen nicht der Erderwärmung

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Seit des Kälteeinbruchs im Februar haben Hunderte Nutzerinnen und Nutzer Postings geteilt, die einen "peinlichen Widerspruch" zwischen Schneefall und Kälte und der Erderwärmung konstruieren. Die Folgerung: Die drohende Klimakatastrophe sei nur ein "Mythos". Über die Existenz der Erderwärmung herrscht in der Wissenschaft aber Einigkeit. Unter gewissen Umständen kann sie heftige Wintereinbrüche sogar begünstigen, auf jeden Fall ist ein Wintereinbruch aber kein Widerspruch zur Erderwärmung.

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte Februar anlässlich der kalten Temperaturen Postings geteilt, wonach die Erderwärmung nur eine Erfindung sei: "Der 'Mythos Klimakatastrophe' als grüne Wahlkampf-Masche!" schreibt etwa ein Posting zu einem Bild auf dem steht: "-16 Grad und Schnee im Winter! Wo ist eigentlich Greta und ihre klimareligiöse Sekte?"

Auch andere Postings etwa von der AfD Schleswig-Holstein oder der AfD-Politikerin Alice Weidel nahmen die kalten Temperaturen zum Anlass, um Zweifel an der Existenz der Erderwärmung zu säen. Die AfD Schleswig-Holstein schrieb etwa: "Es gibt verschiedene wissenschaftliche Theorien und Daten. Da bezüglich der menschengemachten Erderwärmung, Migration, Corona, Feinstaub und anderen Themen aber regelmäßig nur eine ideologisch gefilterte Auswahl von Meinungen als einzig gültig zugelassen wird, kommen am Ende peinliche Widersprüche, wie dieser hier zustande." Und Alice Weidel nannte Prognosen von Klimaforschenden "irrlichternde Vorhersagen". Mehrere tausend Menschen teilten ihren Facebook-Beitrag. Wieder andere Postings stellen bezugnehmend auf einen Bild-Artikel mit dem Titel "Globale Erwärmung schuld an Schnee-Chaos" die Frage, für welche Wetterphänomene die Erderwärmung verantwortlich gemacht werden könne.

Facebook-Screenshot: 15.03.2021

AFP hat den Klimaforscher Hauke Schmidt vom Max-Planck-Institut für Meteorologie um seine Einschätzung gebeten. Er verneinte am 11. Februar die Frage, ob er den Postings zustimme und begründet das so: "Dabei wird grundsätzlich verkannt, dass nicht einzelne Wetterereignisse, sondern nur die Statistik des Wetters das Klima charakterisieren. Die Variabilität des Wetters auf vielen Zeitskalen, zum Beispiel Woche zu Woche und Jahr zu Jahr ist groß in unseren Breiten. Es gibt und gab schon immer nasse Sommer, die trockenen folgen und kalte Winter, die warmen folgen."

Ist die globale Erwärmung sogar schuld an Wintereinbrüchen?

Schmidt erklärte: "Prinzipiell kann wärmere Luft mehr Feuchtigkeit enthalten und in einer wärmeren Welt gibt es global mehr Niederschlag." Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums hielt die globale Erwärmung als Ursache für heftigere Wintereinbrüche gegenüber AFP am 10. Februar ebenfalls grundsätzlich für möglich: "In einer Übergangsphase kann das schon sein, weil in wärmerer Luft mehr Feuchtigkeit unterwegs ist", sagte er. Nicht jedes extreme Wetterereignis sei aber automatisch als Normalzustand aufgrund des Klimawandels zu verstehen, so Schmidt.

Ob es künftig in Deutschland mehr heftige Schneefälle geben wird, sei noch nicht vollständig klar. Das hänge etwa von Zirkulationsänderungen ab, die man noch nicht gut verstehe. Schmidt prognostiziert trotzdem: "Ich vermute, dass es mehr heftige Regenfälle, aber nicht mehr heftige Schneefälle gibt." Dem schloss sich Latif an: "Bei voranschreitender globaler Erwärmung werden solche Situationen immer seltener auftreten."

Kein Widerspruch

Mojib Latif sieht keinen Widerspruch zwischen Wintereinbrüchen wie im Februar in Deutschland und der Existenz der Erderwärmung, denn: "Der Winter ist eine Jahreszeit und besteht aus drei Monaten (Dezember, Januar und Februar). Der Dezember und der Januar waren zu warm. Eine einzelne Kältephase mit viel Schnee wird nicht dazu führen, dass der Winter 2020/2021 viel zu kalt sein wird."

Auch Schmidt schrieb: "Ich sehe keinen Widerspruch. Trotz insgesamt mehr Niederschlag geht man davon aus, dass in vielen Regionen der Schneefall abnimmt." und weiter: "Der Erwärmungstrend in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ist klar durch Messungen belegt."

Wissenschaft über Erderwärmung einig

Über kaum eine Tatsache ist sich die Wissenschaftswelt so einig wie über die menschengemachte Erderwärmung. Dazu gibt es zahlreiche Metastudien, also Studien, die systematisch die Studienlage zusammenfassen. Eine Studie aus dem Jahr 2013 überprüfte etwa 11.944 Arbeiten zwischen 1991 und 2011 zum Thema Erderwärmung. 97 Prozent von ihnen waren sich einig, dass Menschen die Erderwärmung verursachen. Eine weitere Metastudie fasst sogar die verschiedenen Metastudien über Konsens in der Wissenschaft zusammen und hält als Ergebnis einen "Konsens über den Konsens" fest, 90 bis 100 Prozent aller publizierenden Klimaforschenden schließen sich ihm an. Die Wissenschaftscommunity ist sich also einig: Die Erderwärmung gibt es und Menschen verursachen ihn.

Zwei Wochen nach den Postings mit der Behauptung kam es in Deutschland übrigens zu einem Wärmerekord. Erstmals seit Beginn der Wetteraufzeichnung maß der Deutsche Wetterdienst (DWD) in den Wintermonaten an mehr als sechs hintereinander folgenden Tagen Temperaturen von 20 Grad oder mehr.

Fazit: Die Erderwärmung ist real. Wintereinbrüche widersprechen nicht der grundsätzlichen Feststellung der menschengemachten Erwärmung der Welt. Einzelne Kälteeinbrüche mit starken Schneefällen könnten sogar davon begünstigt sein, insgesamt rechnen Experten aber mit selteneren Schneefällen.