Nein, dieser Hubschrauber flog nicht in Deutschland und versprühte auch keine "Chemie"

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Tausende Facebook-User haben Anfang Februar ein Bild geteilt, das die Enteisung einer Windkraftanlage in Deutschland per Helikopter zeigen soll. Dabei sei auch "Chemie" auf das Windrad versprüht worden, heißt es. Die gezeigte Aufnahme stammt allerdings aus Nordschweden und ist bereits mehrere Jahre alt. Außerdem versprühte der gezeigte Helikopter keine künstlichen chemischen Substanzen. Der Bundesverband WindEnergie teilte mit, dass Betreiber in Deutschland weder Hubschrauber noch chemische Mittel bei Eisansatz einsetzen. Das Umweltbundesamt bestätigte das.

Tausende User verbreiten das vermeintliche Beweisfoto mit dem Helikopter seit dem 7. Februar auf Facebook (hier, hier, hier). Weitere Zehntausende sahen es auf Telegram (hier, hier) und auf Twitter (hier). In den Postings steht eine meist ähnlich lautende Beschreibung des Bildes: "Winter in Deutschland ist, wenn Kerosinpropeller aufsteigen um Chemie zu versprühen, damit die Ökopropeller wieder Laufen…"

Facebook-Screenshot: 10.02.2021

Eines der aktuell verbreitenden Postings verlinkt als Quelle auf einen Artikel des Deutschlandfunks, der den angeblichen "Chemie"-Einsatz bei deutschen Windrädern belegen soll. Dieser stammt allerdings aus dem Jahr 2014 und schreibt explizit: "Wenn sich auf den Rotorblättern von Windrädern Eis bildet, werden die Turbinen sofort abgeschaltet – zumindest in Deutschland. In Schweden geht man einen anderen Weg. Dort sind verschiedene Enteisungssysteme im Einsatz. Darunter auch eine Heißwasserdusche aus dem Hubschrauber." Diese solle unter anderem verhindern, dass sich Eis auf den Blättern stark ansammeln und so Unwuchten bilden kann, die wiederum die Turbine beschädigen und die Energiegewinnung der Anlage beeinträchtigen könnten.

Bei einer Bildsuche in Verbindung mit den Wörtern "Sweden" und "De-icing" stieß AFP dann auf mehrere Ergebnisse, die das Bild des Helikopters zeigen. Darunter eine Studie schwedischer Energiekonzerne aus dem Jahr 2016, die eine mögliche Notfallenteisung von Windrädern mithilfe warmen Wassers behandelte. Darin heißt es: Wegen dieser vielversprechenden neuen Technologie zum Einsatz warmen Wassers gegen die Vereisung von Windradblättern sei "zwischen 2014 und 2016 ein Projekt initiiert worden, das mit Unterstützung der Schwedischen Energiebehörde (...) und Alpine Helicopter stattfand". Ein weiterer Nachrichtenartikel des schwedischen Magazins "NyTeknik" aus dem Jahr 2015 berichtet ebenfalls von der Warmwasser-Innovation. Und auch dieser Artikel zeigt das Bild des Hubschraubers samt Bildquelle "Alpine Helicopter".

AFP hat daraufhin am 10. Februar mit "Alpine Helecopter"-Geschäftsführer Mats Widgren telefoniert. Er bestätigte: "Dieses Bild stammt von einem meiner Helikopter und entstand vor Jahren bei einem Enteisungs-Versuchsprojekt mit Wasser in Nordschweden." Damit kann die Aufnahme also keine aktuelle Situation in Deutschland zeigen, wie auch bereits das frühere Publikationsdatum des Magazinartikels bewiesen hat.

AFP hat außerdem beim Bundesverband WindEnergie nach den üblichen Verfahren in Deutschland gefragt. Er ist nach eigenen Angaben mit über 20.000 Mitgliedern einer der weltweit größten Verbände für erneuerbare Energien. Geschäftsführer Wolfram Axthelm antworte in einer E-Mail am 10. Februar: "In Deutschland werden keine Helikopter zur Enteisung eingesetzt." In einem darauf folgenden Telefonat präzisierte Axthelm: "Es braucht bestimmte Witterungsbedingungen, so wie wir sie aktuell in Hessen erleben, damit überhaupt durch gefrierenden Regen ein Eisansatz auf den Blättern entstehen kann." Mithilfe von Fernüberwachung würden solche Windräder in Deutschland dann von den Betreiberfirmen sofort abgeschaltet, bevor sie Schaden nehmen. "Dann müssen wir warten, bis das Eis wieder getaut ist, wir selbst werden nicht proaktiv", sagt Axthelm.

Auch Marie-Luise Plappert, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet "Erneuerbare Energien" beim Umweltbundesamt, bestätigte am 10. Februar gegenüber AFP: "Wenn es einen solchen Einsatz von Hubschraubern und Chemikalien zur Enteisung von Windrädern überhaupt als Methode in Deutschland geben würde, müssten die Betreiber das bereits im Rahmen der Genehmigung beantragen, so wie es auch für den Einsatz anderer Betriebsmittel der Fall ist, z.B. für Löschmittel im Rahmen des Brandschutzes. Solche Anträge sind uns aber überhaupt nicht bekannt."

Fazit: Das geteilte Bild ist mehrere Jahre alt und stammt aus dem Norden Schwedens. Es zeigt ein Projekt zur Enteisung mit warmem Wasser. In Deutschland kommen weder Chemikalien noch Wasser oder Helikopter zum Einsatz. Hierzulande warten die Betreiber der Windräder, bis der Frost von alleine abtaut.

Update, 16. Februar: Links zu Posting und Umweltbundesamt hinzugefügt.
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