Das RKI erfasst den Impfstatus von Corona-Infizierten bereits seit Juni 2021 – die DIVI erhebt jetzt zusätzlich eigene Daten

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Tausende User auf Facebook und Twitter haben seit Mitte Dezember eine Screenshot-Collage mit Schlagzeilen geteilt: Diese sollen belegen, dass die Bundesregierung bisher gar keine Daten über den Impfstatus auf Corona-Intensivstationen gesammelt und darüber gelogen habe. Das Robert-Koch-Institut (RKI) erfasst den Impfstatus von Corona-Infizierten aber nachweisbar seit Juni 2021. Als Gegenbeweis angeführte Aussagen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) beschreiben lediglich deren Plan, ab jetzt zusätzlich auch noch eigene Daten zum Impfstatus zu sammeln.

Dutzende User haben die Screenshot-Collage seit dem 15. Dezember auf Facebook geteilt (hier, hier, hier, hier). Mehr als 700 User teilten sie auf Twitter. Mehr als 20.000 sahen eine ähnliche Version auf Telegram.

Die irreführende Behauptung: Die Postings zeigen eine Screenshot-Collage mit zwei Schlagzeilen, die sich scheinbar widersprechen. Eine "NDR"-Schlagzeile vom 30. November 2021 berichtet von 90 Prozent ungeimpften unter den Corona-Intensivfällen. Etwa zwei Wochen später titelte die "Welt", dass das DIVI-Intensivregister "nun" den Impfstatus der Intensivfälle erfassen wolle. Dieser vermeintliche Widerspruch belege, dass die Politik und Medien vor der "Welt"-Meldung gar nicht gewusst haben könnten, welchen Anteil Ungeimpfte auf Corona-Intensivstationen ausmachen, heißt es in den Postings.

Ein User kommentierte: "Mit einem medialen Dauerfeuer aus #Lügen, #Mutmaßungen und #Fehlinformationen von Politik und ‘Qualitätsmedien’ werden die Menschen in Angst und Panik versetzt. [...] Dass dies bisher gar nicht geschah, kam dem gewöhnlichen, mittlerweile vom #Medienopfer zum #vollgespritzten #Impffaschisten mutierten Konsumenten dieser Schmierblätter und -sender natürlich die ganze Zeit über nicht in den Sinn."

Auf Telegram zeigen User zum Beweis des Betrugs außerdem ein Video, das den DIVI-Chef Gernot Marx zeigt. Auch dieser erklärt darin, dass die Corona-Intensiv-Fallzahlen in Zukunft abgefragt werden sollen. Das Video zeigt ebenfalls einen scheinbar widersprüchlichen Vergleich zu Aussagen der Bundesregierung bezüglich Ungeimpften Coronapatientinnen und -Patienten auf Intensivstationen.

Facebook-Screenshot der irreführenden Behauptung: 21.12.2021

AFP Faktencheck hat zur Zählweise der gemeldeten Coronafälle bereits mehrere Falschbehauptungen geprüft (hier, hier). Auch die vermeintlich ausgebliebene Unterscheidung der Regierung von geimpften und ungeimpften Corona-Infizierten in den Krankenhäusern gehört in diese Reihe an irreführenden Informationen.

Worum geht es bei der Meldung über die DIVI?

Die DIVI stellt in ihrem Intensivregister in Zusammenarbeit mit dem RKI Daten über freie und belegte Intensivbetten in Krankenhäusern in ganz Deutschland zur Verfügung. Die Kapazitäten würden von den Krankenhäusern selbst an die DIVI gemeldet, erklärte Sprecher Jochen Albrecht in einer E-Mail an AFP am 21.12.2021. Die DIVI frage dabei auch konkret den Anteil von Corona-Patientinnen und -Patienten ab.

Daten zum Impfstatus, einer möglichen Schwangerschaft, einer Infektion mit Virusvarianten und Altersgruppen durfte die DIVI bisher allerdings selbst nicht abfragen. Das ändert sich jetzt. Laut einer am 12. November veröffentlichten Verordnung wird die DIVI mit eben diesen Abfragen von der Regierung beauftragt.

Der auf Facebook geteilte Artikel der "Welt" erschien zwei Tage später am 14. November. Das Videomaterial aus dem Video auf Telegram stammt aus dem Hauptausschuss des Bundestags am 15. November. Sprecher Albrecht bestätigte das Vorhaben der DIVI nochmals gegenüber AFP. Die Daten über Geimpfte und Ungeimpfte gehen bisher nur ans RKI, die DIVI erweitert die Erhebung jetzt nur.

Das beschreibt auch der bereits geteilte "Welt"-Artikel, die Postings ignorieren diese Informationen allerdings. Im Artikel heißt es, dass die zukünftig auch im DIVI-Register zugänglichen Daten dem RKI bereits vorliegen würden.

Somit schafft der NDR-Beitrag mit dem Titel "Mehr als 90 Prozent der Corona-Intensivpatienten ungeimpft" auch keinen Widerspruch. Er stützt sich auf eine Aussage der niedersächsischen Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD). Woher die Ministerin diese Zahl hat, erklärt der Beitrag selbst nicht. AFP Faktencheck kontaktierte aber das niedersächsische Gesundheitsministerium. In einer E-Mail vom 22. Dezember verwies Sprecherin Anne Hage unter anderem auf die Helios Kliniken als Quelle (hier, hier, hier).

Helios-Sprecherin Franziska Vallentin bestätigte in einem Telefonat am 16. Dezember gegenüber AFP: Daten über den Impfstatus von hospitalisierten Geimpften und Ungeimpften würden von den Krankenhäusern an die Gesundheitsämter und über die Gesundheitsministerien weiter an das RKI gemeldet. Dieser Meldeweg samt Informationen zum Impfstatus entspricht den Vorgaben des Infektionsschutzgesetzes. Die Daten wurden also durchaus auch schon in der Vergangenheit erhoben.

Das belegen auch Berichte des RKI. Die ersten Daten über Intensivbehandlungen von Corona-Infizierten und deren Impfstatus veröffentlichte das Institut im Kontext von Impfdurchbrüchen im Tagesbericht vom 23. Juni 2021. Das bestätigte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher in einem Telefonat mit AFP am 22. Dezember. Seit dem 22. Juli 2021 veröffentlicht das RKI diese Daten dann in seinen Wochenberichten über die aktuelle Pandemie-Lage. Dabei fasst das RKI die Daten zu Impfdurchbrüchen der Gesundheitsministerien der Länder zusammen.

DIVI-Sprecher Albrecht bestätigte: "Die Daten liegen im RKI vor." Sowohl der Bundesregierung, Medien und allen Interessierten seien sie frei zugänglich.

Warum sammelt nun auch das DIVI die Daten?

Bereits der geteilte "Welt"-Artikel thematisiert, dass die RKI-Daten Schwächen und Lücken aufweisen würden. So sei der Impfstatus etwa nicht bei allen Corona-Infizierten bekannt. Auch die Rechercheplattform "Correctiv" beschrieb bereits Probleme mit den Zahlen des RKI.

Albrecht von der DIVI schrieb an AFP, dass es bei den RKI-Daten zu Meldeverzügen kommen könne. Daher wolle das DIVI in Zukunft die Daten über den konkreten Impfstatus aus den Krankenhäusern selbst und direkt abfragen, "um die Datenbasis noch belastbarer zu machen".

Fazit: Es ist irreführend zu behaupten, dass der Bundesregierung bis zum 14. Dezember keine Daten über den Impfstatus von Corona-Patientinnen und -Patienten vorlagen. Die zukünftigen Abfragen des DIVI sind nur eine Ergänzung des DIVI-Intensivregisters. Dem RKI liegen eigene Daten bereits seit Juni 2021 vor. Damit ließen sich bereits Aussagen über die Situation auf den Corona-Intensivstationen treffen.

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