( AFP / AAMIR QURESHI)

Nein, die USA ließen kein Militär-Equipment im Wert von über 80 Milliarden Dollar in Afghanistan zurück

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Militärische Ausrüstung im Wert von mehr als 80 Milliarden US-Dollar hätten die Vereinigten Staaten beim Verlassen Afghanistans zurückgelassen. Diese Behauptung haben seit Ende August Tausende Nutzerinnen und Nutzer auf Facebook geteilt. Die USA haben tatsächlich mehr als 80 Milliarden Dollar in Afghanistan ausgegeben, allerdings über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten und nicht ausschließlich für Militärausrüstung. Richtig ist auch, dass Ausrüstung in die Hände der Taliban fiel, allerdings nicht in dieser Größenordnung.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer teilten die Behauptung von der milliardenteuren zurückgelassenen Ausrüstung auf Facebook, darunter der Schweizer Nationalrat Roger Köppel (SVP) und der deutsche Linken-Politiker Kerem Schamberger. Befeuert haben die Behauptung führende republikanische US-Politiker, unter ihnen Ex-Präsident Donald Trump in einem mittlerweile gelöschten Statement und in einer Rede. Auch die irreführende Beschriftung einer Grafik einer britischen Zeitung trug zur Verbreitung bei.

Die Behauptung: Die USA ließen bei ihrem Abzug aus Afghanistan zwischen 80 und 85 Milliarden Dollar an Kriegsausrüstung im Land zurück, die nun von der Taliban genutzt werden könnten.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 01.09.2021

Irreführende Grafik

Eine Grafik, die viele Nutzerinnen und Nutzer zur Untermauerung der Behauptung teilten (siehe Bild oben) stammt aus der britischen Zeitung "The Sunday Times". Am 29. August veröffentlichte sie einen Beitrag darüber, was auf Afghanistan angesichts der Machtübernahme durch die Taliban zukomme. Dazu zeigte sie die erwähnte Grafik mit dem Titel "Das neue Arsenal der Taliban". In einer später archivierten Version desselben Artikels fehlt diese Grafik. Ein Teil der in der Grafik dargestellten Angaben zum Waffenbestand der US-Armee in Afghanistan ist zudem überholt, wie ein Faktencheck der Seite "Politifact" ergab. Die Grafik nennt beispielsweise 22.174 Humvee-Militärfahrzeuge, eine Angabe die aus einem Bericht aus dem Jahr 2017 stammt und sich auf die Zahl der zur Verfügung gestellten Geländefahrzeuge zwischen 2003 und 2016 bezieht.

Nicht alles nur für Waffen ausgegeben

AFP hat zunächst nach den Ausgaben der USA für Ausrüstung in Afghanistan gesucht. Am 30. Juli 2021 hatte das Büro des US-Sondergeneralinspektors für den Wiederaufbau Afghanistans (Sigar) seinen vierteljährlich verpflichteten Bericht veröffentlicht. Der US-Kongress richtete dieses Büro ein, um die Mittel, die in den Aufbau Afghanistans fließen, zu überwachen.

Diesem Bericht zufolge hatte die US-Regierung von 2002 an bis zum 30. Juni 2021 insgesamt rund 144,98 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau und damit verbundene Aktivitäten in Afghanistan bereitgestellt. 88,6 Milliarden davon wurden laut Sigar-Bericht für "Sicherheit" ausgegeben. 82,9 Milliarden dieser Ausgaben für "Sicherheit" hat das US-Außenministerium für den sogenannten "Fonds für die afghanischen Sicherheitskräfte" (ASFF) aufgebracht. Diese Summen beziehen sich also auf die Ausgaben der USA im den vergangenen zwei Jahrzehnten. Im Jahr 2021 belief sich die Unterstützung des ASFF demnach auf rund drei drei Milliarden Dollar.

Sigar beschreibt die Aufgabe des ASFF so: "Der Kongress schuf den Afghanistan Security Forces Fund (ASFF), um die afghanischen Sicherheitskräfte (ANDSF) mit Ausrüstung, Nachschub, Dienstleistungen, Ausbildung und Finanzmitteln zu versorgen sowie Einrichtungen und Infrastruktur zu reparieren, zu renovieren und zu bauen." Das bedeutet, dass nicht alles allein für Waffen ausgegeben wurde, sondern das Geld auch für ganz andere Dinge wie Ausbildung oder Reparaturen verwendet wurde. Auch Ressourcen wie etwa Treibstoff fallen in dieses Budget. 3,74 Milliarden gab das US-Außenministerium dem Bericht zufolge zwischen 2010 und 2020 allein dafür aus.

Jonathan Schroden ist Direktor eines US-Programms zur Bekämpfung von Bedrohungen und Herausforderungen des staatlich geförderten Forschungszentrums CNA. In einem Beitrag für einen Blog zu Sicherheitsthemen schrieb er: "Der Hauptkostentreiber der afghanischen Sicherheitskräfte war stets nicht die militärische Ausrüstung, sondern die Gehälter des Personals. Mit anderen Worten: Die USA haben nie auch nur annähernd 88 Milliarden Dollar für Waffen und Ausrüstung des afghanischen Sicherheitssektors ausgegeben."

Nicht alles wurde brauchbar zurückgelassen

Tatsächlich haben die US-Truppen aber auch Material in Afghanistan zurückgelassen. Ein AFP-Video zeigt beispielsweise unbrauchbar gemachte Flugzeuge in Kabul.

Recherchen der BBC ergaben, dass durchaus auch brauchbare Ausstattung in Afghanistan zurückblieb. Wie viel genau, ist unklar. Den afghanischen Streitkräften haben die USA im Laufe der Zeit aber eine große Menge an militärischem Gerät zur Verfügung gestellt. Zwischen 2004 und 2016 unterstützten die Vereinigten Staaten die afghanischen Sicherheitskräfte etwa mit 126.295 Pistolen und 64.363 Maschinengewehren, wie ein Bericht des US-amerikanischen Rechnungshofs von 2017 zeigt.

Bei einer Pressekonferenz am 17. August, kurz nach der Machtübernahme der Taliban, sagte der Nationale Sicherheitsberater Jake Sullivan: "Wir haben natürlich keinen vollständigen Überblick darüber, wohin die einzelnen Rüstungsgüter gegangen sind, aber mit Sicherheit ist eine ganze Menge davon in die Hände der Taliban gefallen."

AFP fragte beim US-amerikanischen Verteidigungsministerium nach. Ein Sprecher verwies auf eine Antwort des Verteidigungssprechers John F. Kirby bei einer Pressekonferenz am 30. August. Auf die Frage nach einer Aufstellung über zerstörtes Equipment in Afghanistan antwortete Kirby: "Ich denke, wenn die Zeit reif ist, werden wir in der Lage sein zu versuchen, das besser herauszuarbeiten. Im Moment ist die Zeit dafür noch nicht reif."

Bei einer anderen Pressekonferenz am 23. August antwortete Kirby außerdem auf die Frage nach Bemühungen, die Anzahl der US-Waffen unter der Kontrolle der Taliban zu ermitteln: "Ich habe keine genaue Bestandsaufnahme, welche Ausrüstung, die den Afghanen zur Verfügung stand, jetzt gefährdet sein könnte." Einen Teil des Equipments hatte das US-Militär auch schon vor der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan abgezogen. Die USA planten schon länger den Abzug der Truppen.

Bei einer weiteren Pressekonferenz am 30. August erklärte außerdem US-General Kenneth F. McKenzie, dass man einen Teil der Ausrüstung unbrauchbar gemacht habe. Bis zu 70 MRAPs (minensichere Panzerwagen), "die nie wieder von jemandem benutzt werden", 27 geländegängige Humvee-Fahrzeuge, "die nie wieder gefahren werden", und 73 Flugzeuge, die "nie wieder fliegen, wenn wir weg sind", sind laut McKenzie darunter gewesen. Nicht demilitarisiert zurückgelassen habe man hingegen Equipment, das für den Betrieb des Flughafens notwendig gewesen sei.

Andere Nachrichtenseiten und Faktencheck-Portale, darunter die "Washington Post", "Politifact", FactCheck.org" und "Snopes", beschäftigten sich ebenfalls mit der Behauptung und kamen zum Ergebnis, dass es keine Hinweise darauf gebe, dass sich Militärausrüstung im Wert von mehr als 80 Milliarden Dollar in Händen der Taliban befinde.

Fazit: Den Taliban gelang es durchaus, bei der Machtübernahme in Afghanistan auch an Ausrüstung der US-Armee zu gelangen. An wie viel genau, ist nicht bekannt. Die genannten Summen von mehr als 80 Milliarden Dollar beziehen sich jedoch auf Geld, das die USA in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Afghanistan ausgegeben haben.

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