Nein, diese Bilder beweisen keine Fluchtbewegungen von überwiegend jungen Männern nach Deutschland

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Mehr als tausend User haben drei Fotos auf Facebook geteilt, auf denen fast ausschließlich Männer zu sehen sind, die angeblich in Flugzeugen vor den Taliban aus Afghanistan flüchten. Es seien "wieder nur junge Männer", die nach Deutschland und Europa wollten, heißt es dazu in den Postings. Zwei der drei Bilder stammen allerdings aus dem Jahr 2018 und zeigen Afghanen auf dem Rückweg in ihre Heimat. Das größte gezeigte Bild stammt zwar tatsächlich aus den vergangenen Tagen. Die Aufnahme zeigt allerdings eine US-Militärmaschine, die Menschen nach Katar evakuierte. Das US-Innenministerium verwies gegenüber AFP darauf, dass gerade an US-Visas für die Geflüchteten gearbeitet werde. Über mögliche Fluchtbewegungen aus Afghanistan Richtung Deutschland lassen sich laut Bundesamt für Migration und der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl aktuell noch keine Aussagen treffen.

Mehr als 1600 User haben die drei Fotos mit den afghanischen Männern auf Facebook geteilt (hier, hier, hier, hier).

Die Behauptung: "Frauen? Kinder? Fehlanzeige!" Der AfD-Politiker Jonas Dünzel schreibt in seinem Posting zu den Bildern etwa: "Es sind wieder junge Männer, die nach Europa / Deutschland wollen." Eines der Bilder kursiert auch einzeln auf Facebook (hier, hier) und Telegram (hier, hier). Auf Telegram erreichte es mehr als 14.400 Nutzerinnen und Nutzer. Dort heißt es zum Bild: "Die Bilder zu 2015 gleichen sich: Es sind wieder fast nur junge Männer, die sich bisher in den Flugzeugen finden."

Facebook-Screenshot: 18.08.2021

Taliban erobern Afghanistan

Nachdem die Truppen der Nato nach 20-jährigem Einsatz aus Afghanistan abgezogen sind, haben die militant-islamistischen Taliban seit dem 15. Juli weite Teile des Landes zurückerobert (Mehr dazu hier, hier, hier). Einen Monat später, am 15. August, haben die Taliban auch die afghanische Hauptstadt Kabul und die Regierung des Landes eingenommen.

NATO-Mitglieder wie die USA und Deutschland fliegen derzeit eigene und afghanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, die Gewalt durch die Taliban befürchten müssen. Dabei verbreitete sich weltweit das Bild eines überfüllten US-Rettungsflugs mit 640 Afghanen und Afghaninnen. Auf dem Bild aus einer Militärmaschine vom Typ C-17 ist zu sehen, wie sich Männer, Frauen und Kinder im Inneren der Maschine auf dem Boden sitzend zusammendrängen. Das Foto ist auch eines der drei aktuell auf Facebook geteilten Bilder.

Der gezeigte Flug führte nicht nach Deutschland

Über eine Google-Rückwärtssuche fand AFP die Quelle dieses Fotos. Es stammt aus einem Artikel des US-amerikanischen Sicherheits-Nachrichtenportals "Defense One". Demnach zeigt das Foto ein US-Militärfrachtflugzeug, das am 15. August 640 Afghaninnen und Afghanen ausgeflogen hat. Die Aufnahme habe eine geheime Quelle exklusiv "Defense One" zugespielt, teilte das Portal AFP am 17. August in einer E-Mail mit. Demnach sei das Flugzeug zum Militärstützpunkt "Al Udeid Air Base" in Katar geflogen – nicht nach Deutschland oder Europa.

Dieses Flugziel bestätigte auf AFP-Anfrage auch das US-Verteidigungsministerium am 18. August 2021. Das Ministerium gab gegenüber AFP weiter an, zum jetzigen Zeitpunkt noch gar keine Informationen über die genaue Verteilung der Geflüchteten geben zu können. Sobald die Lage klarer werde, würden solche Informationen veröffentlicht.

Weiterhin verwies das Ministerium auf ein Pressebriefing vom 17. August. Dort wird auch das Bild mit den afghanischen Familien in dem Frachtflugzeug erwähnt. Pentagon-Pressesprecher John F. Kirby erklärte bei diesem Briefing, dass eng mit dem US-Außenministerium zusammengearbeitet werde, um Sondervisa für aktuell aus Afghanistan Geflüchtete für die USA zu ermöglichen. Kirby kündigte an, die Kapazität für die vorübergehende Aufnahme von Geflüchteten in den USA auf 22.000 Menschen zu erhöhen. Bis zum 18. August hatten die USA bereits 3200 Menschen ausgeflogen.

Was sagen die deutschen Behörden?

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts in Deutschland teilte auf AFP-Anfrage in einer E-Mail am 17. August mit, dass aktuell ausreisewillige deutsche Staatsangehörige, Ortskräfte deutscher Organisationen und besonders Schutzbedürftige evakuieren zu wollen. Er erklärte: "Die Evakuierungen sind angelaufen, eben ist ein Flieger mit mehr als 120 Personen in Taschkent in Usbekistan gelandet. Die weiteren Evakuierungsmöglichkeiten hängen stark von den vor Ort gegebenen Umständen ab. Diese lassen sich derzeit schwer vorhersehen." Dafür habe die Bundeswehr einen Shuttlebetrieb mit zwei A400-Frachtflugzeugen der Bundeswehr eingerichtet, erklärte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in einem Telefonat mit AFP am 18. August.

Er sagte außerdem. "Wir übergeben die zu Evakuierenden dann an das Außenamt. Diese werden dann mit zivilen Charterflügen nach Deutschland gebracht." Laut einem Tweet des Bundesverteidigungsministeriums machte sich der erste A400-Frachtflieger sich am 16. August auf den Weg von Wunstorf nach Kabul – also einen Tag nach dem US-Evakuierungsflug aus dem Facebook-Posting. Bis zum 18. August brachte die Bundeswehr nach eigenen Angaben mehr als 400 Menschen über diese Luftbrücke in Sicherheit.

Sind nur Männer im Flugzeug?

In den Facebook-Postings wird behauptet, dass keine Frauen und Kinder, sondern nur Männer in den Flugzeugen säßen. Allerdings ist das Bild aus dem US-Flieger manipulativ beschnitten.

Im originalen Foto, das "Defense One" nach eigenen Angaben unbeschnitten veröffentlicht hat, ist gut zu sehen, dass unter den Flüchtenden zahlreiche Frauen und Kinder am Rand des Laderaums des Flugzeugs sitzen (rote Pfeile). Vor allem in den vorderen Reihen im Bild sind viele zu erkennen. Genau dieser Bereich wurde vor der Veröffentlichung auf Facebook ausgeschnitten. AFP hat gut zu erkennende Frauen und Kinder auf dem Originalbild markiert.

Defense One-Screenshot mit AFP-Markierungen einiger Frauen und Kinder.
Auf Facebook verbreitetes und beschnittenes Foto.

 

 

Weitere Fotos von 2018

Zusätzlich werden zwei weitere Fotos in der Fotocollage auf Facebook gezeigt. Auf beiden Bildern sind winkende Männer in einem zivilen Flugzeug zu sehen. Wieder führte eine Bilderrückwärtssuche zur Quelle der Fotos.

Über eine Google-Rückwärtssuche hat AFP auch die Herkunft dieser beiden Fotos ermittelt. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu veröffentlichte die beiden Bilder, die ursprünglich Teil derselben Bildaufnahme waren, in einem Artikel bereits am 5. Mai 2018. Das Bild zeigt laut Artikel 324 afghanische Migranten, die illegal in die Türkei eingereist waren und anschließend zurück nach Afghanistan gebracht wurden. Das Foto zeigt also weder aktuell vor den Taliban Flüchtende noch einen Flug nach Europa oder Deutschland. AFP hat die Nachrichtenagentur noch einmal um eine Bestätigung der Aufnahme gebeten, hat aber bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks noch keine Antwort bekommen.

Ist die Fluchtbewegung aus Afghanistan mit 2015 vergleichbar?

AFP hat Pro Asyl gefragt, ob nur Männer fliehen und die Fluchtbewegung mit 2015 vergleichbar ist. Wiebke Judith, rechtspolitische Referentin bei Pro Asyl, erklärte in einem Telefonat am 18. August: "Das ist Spekulation, weil wir davon ausgehen, dass es sehr schwer ist, Afghanistan überhaupt noch zu verlassen. Die Taliban kontrollieren die Grenzen und die Nachbarländer schließen sie aktiv."

Weiter sagte sie: "Frauen haben ein hohes Bedrohungspotenzial, weil viele bislang gearbeitet haben und selbstbestimmt leben wollen. Das wird nicht mehr möglich sein. Gerade auch Frauen mit ihren Kindern versuchen deswegen aktuell das Land noch zu verlassen. Aber auch viele Männer sind gefährdet." Gründe dafür könnten etwa die Arbeit für ausländische Organisationen sein oder eine politische Positionierung gegen die Taliban. "Die Behauptung, dass nur Männer nach Europa kommen würden, ist falsch", sagte Judith.

Auch der Vergleich mit 2015 sei schwierig. Die meisten Menschen retteten sich aktuell in die Nachbarländer. "Die EU hat in den vergangenen Jahren unter anderem mit der Türkei daran gearbeitet, die Fluchtrouten dichtzumachen. Und die Türkei ist gerade dabei, die Grenze zum Iran, was die Route nach Europa wäre, abzuschotten", erklärte Judith.

Auch Thomas Ruttig, Co-Direktor des Afghanistan Analysts Network, einer unabhängigen gemeinnützigen Forschungs- und Analyseorganisation in Zusammenarbeit mit der EU, bestätigte am 18. August in einer E-Mail an AFP, dass vor allem Frauen gefährdet seien und Männer "höchstens mehrheitlich" aber nicht ausschließlich nach Europa fliehen würden.

Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) erklärte auf AFP-Anfrage am gleichen Tag: "Grundsätzlich gilt: Da die Zahl der in Deutschland asylsuchenden Geflüchteten von zahlreichen, unbeständigen Faktoren abhängt, unter anderem von der Situation in einer Vielzahl unterschiedlicher Herkunftsländer, ist eine aussagekräftige Einschätzung über die künftige Entwicklung der Zugangszahlen von Asylsuchenden nicht möglich."

Fazit: Die Facebook-Postings stellen irreführende Behauptungen über mehrere Fotos von afghanischen Geflüchteten auf. Keines der drei Bilder zeigt Flüge nach Europa oder Berlin. Eines der Fotos ist manipulativ beschnitten, sodass der Eindruck entstehen soll, dass nur Männer flüchten würden. Das ist aber nicht der Fall. Das originale Bild zeigt zahlreiche Frauen und Kinder an Bord des US-Transportflugzeugs. Die beiden anderen Fotos sind alt.

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