Nein, dieses Video zeigt keinen Angriff auf ein indisches Impfteam

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben Ende Juli ein Video auf Facebook geteilt, in dem indische Dorfbewohner angeblich ein Impfteam mit Steinen vertrieben. Zuvor seien einige Menschen vor Ort an Impfungen gestorben, heißt es in den Postings. Mit Impfungen hat das Video allerdings nichts zu tun. Lokale Behörden erklärten AFP, dass das Video einen Angriff auf die Polizei zeige, die zuvor eine verbotene Menschenansammlung aufzulösen versuchte.

Ein rund einminütiges, verwackeltes Video zeigt schreiende Menschen, die voreinander wegrennen, einige werfen Steine. Den Clip haben seit dem 26. Juli Hunderte Nutzer auf Facebook geteilt. Die Szene beschreibt das Posting so: "Dorfbewohner vertreiben Impfteams mit Steinen, nachdem sie den Zusammenhang zwischen Impfungen und zunehmenden Todesfällen wahrgenommen haben und feststellten, dass die Sterbenden darauf zurückzuführen sind, dass sie zuvor geimpft wurden." Im Mai sahen bereits Zehntausende die Behauptung (hier, hier, hier), im Juli erneut (hier, hier). Auch auf Englisch, Französisch und Spanisch teilten Nutzerinnen und Nutzer die Behauptung.

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 28.07.2021

Ein Kommentar unter einem der Tweets zum Video gab AFP einen ersten Hinweis zu dessen Herkunft. Eine Nutzerin schrieb: "Hören Sie auf, falsche Informationen zu verbreiten. Es handelte sich nicht um Test- und Impftrupps. Der Vorfall ereignete sich in einem Dorf im Bundesstaat Jharkhand, wo unter Missachtung der Abstandsvorschriften ein Jahrmarkt veranstaltet wurde. Als die Polizisten das stoppen wollten, kam es zu einem Zusammenstoß. Vergessen Sie die Trupps, uns gehen die Impfstoffe aus."

Ein weiterer Twitter-Nutzer fügte hinzu: "Es sieht nicht so aus, als ob es sich um Ausschreitungen wegen des Covid-Impfstoffs handelt. Der Impfstoff ist in Indien nicht verpflichtend, er wird nicht wie Polio durch Massenkampagnen von Tür zu Tür verteilt. Er ist freiwillig, die Menschen müssen ein Zentrum besuchen, um ihn zu bekommen, und im Moment gibt es mehr Nachfrage als Angebot."

Twitter-Screenshot: 30.04.2021

Mit den von der ersten Nutzerin genannten Informationen suchte AFP nach weiteren Informationen und fand passende Medienberichte. In Artikeln vom 23. und 24. April 2021 beschrieben "NDTV" und "India Today", dass in einem Dorf eine Menschenmenge Polizeibeamte angegriffen hatte, als dort eine sogenannte "Mela" stattfand – der indische Begriff für eine Versammlung oder ein Fest.

Nach Angaben dieser Medien hatten die Polizisten im Dorf Bamni in Jharkhand versucht, die Anwesenden davon zu überzeugen, die Versammlung zu beenden. Die Verhandlungen scheiterten allerdings, und die Dorfbewohner griffen die Polizisten an, einige warfen sogar Steine. Nach Angaben von "India Today" hat die Polizei bei den Zusammenstößen am Freitag, dem 23. April, acht Personen festgenommen.

Der "NDTV"-Artikel beinhaltet das aktuell geteilte Video in höherer Auflösung. Es zeigt einen Mann, der Menschen in der Menge mit einem Stock schlägt, bevor sie ihn verfolgen. Auch hier gut zu sehen: In der Menge werfen einige Menschen Steine. Ein Polizeibeamter wird angegriffen.

Screenshot von NDTV: 04.05.2021

Die von AFP kontaktierte Polizei in der Stadt Nimdeh, die für das Dorf in Jharkhand zuständig ist, in dem sich der Vorfall ereignete, bestätigte, dass die Ereignisse in keinem Zusammenhang mit einer Impfkampagne standen: "Es handelte sich um ein Volksfest im Dorf, das nicht den Covid-19-Beschränkungen entsprach, da Hunderte von Menschen anwesend waren. Als die Polizei kam, um sie zu vertreiben, griffen sie sie an", sagte ein Sprecher.

Kurz vor dem Angriff auf die Polizei verhängten Behörden ab dem 22. April für den Bundesstaat Jharkhand einen Lockdown, um ansteigende Coronazahlen wieder unter Kontrolle zu bekommen, so die "Times of India".

"India Today" befragte für einen Faktencheck des Videos außerdem einen Korrespondenten vor Ort. Er bestätigte, dass es in letzter Zeit keine Angriffe auf mit Impfungen befasstes Gesundheitspersonal gegeben habe.

Impfungen freiwillig

Wie einer der eingangs zitierten Internetnutzer bereits erklärte, ist die Corona-Impfung in Indien für die Allgemeinbevölkerung zwar empfohlen, aber nach wie vor nicht verpflichtend.

Das Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern hat am 1. Mai seine Impfkampagne für die gesamte erwachsene Bevölkerung eröffnet. Mehrere Bundesstaaten haben jedoch davor gewarnt, dass ihnen der Impfstoff ausgehen könnte, und dass die Impfaktion durch verwaltungstechnische Probleme gefährdet sei.

Im Frühjahr erfolgte der Zugang zu einer Impfung nicht über Tür-zu-Tür-Kampagnen in den Gemeinden, sondern durch "Registrierung auf einer Online-Plattform", erklärte das indische Gesundheitsministerium auf seiner Website. Im Juni erklärte das Gesundheitsministerium laut "India Today", dass eine Impfung nun auch ohne Registrierung möglich sei.

Das Land hat außerdem Impfzentren eingerichtet, die in diesem AFP-Video zu sehen sind:

Fazit: Der im Video gezeigte Angriff hat nichts mit Impfungen zu tun. Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner vertrieben die Polizei, die versuchte, ein Fest aufzulösen. Die Region Jharkhand befand sich zum Zeitpunkt des Videos im Lockdown.

Übersetzung:
IMPFUNGEN COVID-19