Dieses Unterrichtsmaterial soll Schülerinnen und Schüler für Vorurteile gegen Homosexualität sensibilisieren ( AFP / )

Dieses Unterrichtsmaterial soll Schülerinnen und Schüler für Vorurteile gegen Homosexualität sensibilisieren

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Zehntausende User haben seit Ende Juni 2021 einen Blog-Artikel auf Facebook und Telegram gesehen, wonach eine Unterrichtsmaterialien für Lehrende angeblich Elektroschocks gegen Heterosexualität empfehlen würden. Die genannte Broschüre überträgt allerdings lediglich beispielhaft Vorurteile über homosexuelle Menschen auf Heterosexuelle. Die Autoren des Ratgebers von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Baden-Württemberg bestätigen, lediglich Schülerinnen und Schüler für das Thema sensibilisieren zu wollen. Eine Empfehlung für Elektroschocks hat es demnach nie gegeben.

Hunderte Facebook-User und rund 60.000 Telegram-User haben die Elektroschock-Behauptung seit dem 25. Juni gesehen. Sie stammt aus einem Blogartikel mit dem Titel "Deutsche Unterrichtsbroschüre empfiehlt Elektroschocks gegen Heterosexualität". Dieser Artikel wiederum zitiert aus Unterrichtsmaterialien der GEW aus Baden-Württemberg. Diese Materialien bezeichnet der Text als "Propagandaschrift der GEW Baden-Württemberg", die Homosexualität glorifiziere und in einer Fragestellung gipfele, welche man an Schüler herantragen solle: "Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschocktherapie zu machen?"

Weiter heißt es im Artikel, aber auch in den Kommentaren von Facebook-Usern: Es seien genau solche Inhalte, welche die ungarische Regierung aktuell für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gesetzlich verbieten lasse.

Facebook-Screenshot: 28.06.2021 ( AFP-Screenshot / )

In welchem Kontext steht die Elektroschock-Behauptung?

Die aktuelle Behauptung verbreitet sich im Kontext der Debatte um ein neues Gesetz in Ungarn. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hatte sich laut Medienberichten für die Einschränkung von Informationen über Homosexualität eingesetzt. Demnach sollen Aufklärungsprogramme, die für einen respektvollen Umgang mit sexuellen Minderheiten sensibilisieren, an Schulen verboten werden. Solche Aufklärung findet in Deutschland statt – etwa mit Unterrichtsbroschüren der GEW.

Der Internetblog "Report24" griff diese Debatte jetzt unter der obigen Überschrift auf. Die Seite teilte bereits mehrfach Falschbehauptungen, die AFP widerlegt hat. So behaupteten ihre Autoren Ende Juni etwa, dass ein Geheimdokument des Covid-Impfstoffherstellers Moderna bereits einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 vor Bekanntwerden der Pandemie nachweise. Auch verbreitete der Blog falsche Behauptungen des kanadischen Professoren Byram Bridle über vermeintlich gefährliche Folgen einer mRNA-Impfung. Auch hätten E-Mails des US-Amerikanischen Virologen Anthony Fauci gezeigt, dass Masken unwirksam und das Coronavirus eine Biowaffe sei. Auch das hat AFP bereits Anfang Juni in diesem Faktencheck widerlegt.

Was steht in der Unterrichtsbroschüre?

Die im Artikel verlinkte Broschüre stammt tatsächlich von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Baden-Württemberg. Bei der Broschüre mit dem Titel "Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule" handelt sich um eine Fassung von 2013. Darin taucht auch ein sogenannter heterosexueller Fragebogen auf, in dem tatsächlich eine Elektroschock-Frage steht, die auch der Blogartikel zitiert: "Es scheint sehr wenige glückliche Heterosexuelle zu geben; aber es wurden Verfahren entwickelt, die es dir möglich machen könnten, dich zu ändern, falls du es wirklich willst. Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschocktherapie zu machen?"

Der Fragebogen wurde von Robert Baker unter dem Titel "The Language of Sex: The Heterosexual Questionnaire" bereits 1972 etwa in "Anne Minas, Gender Basics: Feminist Perspectives on Women and Men" veröffentlicht. Darin sind Fragen umgekehrt aufgelistet, die nach Ansicht der Autorinnen und Autoren gerade Homosexuelle vermehrt gestellt bekommen. In der Version aus dem Lehrmaterial sind diese jedoch an Heterosexuelle adressiert und lauten zum Beispiel: "Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?" oder "Wissen deine Eltern, dass du heterosexuell bist?"

Eine dieser Fragen bezieht sich dabei eben auf das Thema Elektroschocks. Immer wieder wurde in sogenannten "Konversionstherapien" in der Vergangenheit versucht, Homosexualität als Krankheit zu heilen. Dabei kamen unter anderem auch Elektroschocks zum Einsatz (mehr dazu hier). In Deutschland sind diese Behandlungen mittlerweile für Minderjährige und teilweise für Erwachsene verboten.

Das Lehrmaterial selbst erklärt den Fragebogen wie folgt: "Über den ‘Heterosexuellen Fragebogen’ werden Vorurteile und Stereotype deutlich gemacht." Außerdem heißt es: "Den stereotypen Vorurteilen von Lesben und Schwulen werden differenziertere Bilder und Informationen gegenübergestellt. Somit wird deutlich, dass Homosexuelle sich untereinander genauso stark unterscheiden wie Heterosexuelle."

Beim Fragebogen handelt es sich also um keine Empfehlung, sondern um eine Aufklärungsaufgabe zum Thema Vorurteile. Das erklärte auch Matthias Schneider, Geschäftsführer der GEW in Baden-Württemberg auf AFP-Anfrage am 28. Juni in einer E-Mail. Er schrieb: "Diese Fragen haben den Zweck aufzuzeigen, dass das Leben heterosexueller Menschen als normal wahrgenommen und anerkannt und darüber nicht diskutiert wird – dies wird aber in unserer Gesellschaft bei homosexuellen Menschen von vielen anders gesehen. Durch das methodisch durchaus gebräuchliche Element der Verfremdung wird dies überspitzt dargestellt." Damit wolle man Vorurteile gegenüber Homosexuellen aufdecken.

Diese Erklärungen, die die vermeintliche Empfehlung der GEW zu Elektroschocks widerlegen, werden in dem Blog-Artikel nicht erwähnt. Auch, dass es bereits eine neuere Fassung der Broschüre gibt, wird unterschlagen. Diese neue Fassung aus dem Jahr  2017 erklärt den "heterosexuellen Fragebogen" ausführlicher.

Darin heißt es: Der Fragebogen "wurde im Kontext der Antidiskriminierungsarbeit in den USA in den 1970er-Jahren entwickelt" und "lädt auf provozierende und auch humoristische Art zum Perspektivwechsel ein und deckt Vorurteile auf".

Laut Medienberichten wurde die Ironie des Fragebogens in der Broschüre bereits 2014 missverstanden. Demnach kritisierten Vertreter evangelikaler Gruppen bei der Sendung "Maischberger" den Fragebogen. (Berichte zur Sendung hier, hier) Laut GEW-Geschäftsführer Schneider kritisierten auch Politiker im Baden-Württembergischen Landtag den Fragebogen.

Dies war auch der Grund, warum die seit 1997 existierende Broschüre 2017 mit einer ausführlichen Erklärung des Fragebogens neu aufgelegt wurde.

Fazit: Die GEW in Baden-Württemberg hat keine Elektroschocks gegen Heterosexualität empfohlen. Die als Beleg genannte Unterrichtsbroschüre erklärt ganz im Gegenteil, dass der zitierte "heterosexuellen Fragebogen" Vorurteile gegen Homosexuelle aufdecken soll, die demnach in der Vergangenheit mit sogenannten Konversionstherapien konfrontiert waren, bei denen Elektroschocks eingesetzt wurden. Diese Erklärung und eine aktuellere Version der Broschüre mit weiteren Erklärungen fehlen in dem Blog-Artikel.