Video zeigt jubelnde Fußballfans, keine albanischen Demonstrierenden
- Veröffentlicht am 12. Juni 2026 um 17:39
- 4 Minuten Lesezeit
- Von: Ali ZALZALI, AFP Naher Osten und Nordafrika
- Übersetzung und Adaptierung: Judith KANTNER, AFP Deutschland
In Albanien protestierten Ende Mai 2026 Menschen gegen die geplante Errichtung eines luxuriösen Strandsresorts, das in Verbindung mit Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner steht. Vor diesem Hintergrund kursierte in sozialen Medien ein Video einer großen Menschenansammlung, die angeblich gegen jene Pläne protestieren würde. Allerdings handelt es sich bei der Menschenmenge in diesem Video um Fußballfans in Spanien, die den Aufstieg des Fußballclubs Deportivo de La Coruña feiern.
"Israel geh wieder, unser Land steht nicht zum Verkauf ... so hört man es die Tage aus Albanien", hieß es in einem Facebook-Post vom 5. Juni 2026. Die Nutzerin teilte ein Video, in dem eine große Menschenmenge neben einem Strand zu sehen ist. "ALBANIA" steht im Video in Großbuchtstaben. Im Post gab die Nutzerin an, dass die im Video zu sehenden Menschen gegen den geplanten Bau eines Luxusresorts von Jared Kushner, Donald Trumps Schwiegersohn, demonstrieren würden.
Auf X postete ein User am 8. Juni 2026 dasselbe Video: "KEIN EPSTEIN-ISLAND 2.0", schrieb der User dazu. Damit wird auf den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein angespielt, dessen Privatinsel mit diesen Straftaten in Verbindung gebracht wird. Im Post heißt es weiter: "ALBANIEN GEHT GEGEN GEPLANTEN MEGA-LANDRAUB AUF DIE STRASSE." Das Video wurde über 1500 Mal anderen Nutzerinnen und Nutzern auf X angezeigt.
Das Video wurde in verschiedenen Sprachen online geteilt, darunter Arabisch, Englisch, Kroatisch und Rumänisch.
Tausende protestierten tatsächlich in Albanien
In Albanien fanden im Mai und Juni 2026 Demonstrationen gegen ein milliardenschweres Luxus-Bauprojekt statt. Dieses Projekt soll in Verbindung mit Donald Trumps Schwiegersohn, Jared Kushner, stehen. Kushners Unternehmen, Atlantic Incubation Partners LLC, plant rund 1,4 Milliarden Euro zu investieren, um auf der albanischen Insel Sazan und in der geschützten Lagune Vjosa-Narta ein Luxusresort und Villen zu eröffnen. In der Lagune Vjosa-Narta, rund 150 Kilometer von der albanischen Hauptstadt Tirana entfernt, versammelten sich Anfang Juni hunderte Menschen, um zu protestieren.
Auch in Tirana versammelten sich tausende Demonstrierende, um die Einstellung des Projekts zu fordern. Umweltverbände und Dutzende von Nichtregierungsorganisationen haben Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen des Projekts auf das Naturschutzgebiet Vjosa-Narta geäußert. Andere kritisierten die Rechtmäßigkeit des Verfahrens und stellten die Herkunft der Mittel für den Erwerb von Küstengrundstücken infrage. Die Sonderstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Korruption und organisierter Kriminalität in Albanien teilte mit, sie habe Ermittlungen zu dem Bauprojekt eingeleitet.
Die albanische Regierung verlieh Ende 2024 einem Unternehmen namens Atlantic Incubation Partners den Status eines "strategischen Investors". Kushners Unternehmen plant in etwa 1,4 Milliarden Euro zu investieren. Albaniens Ministerpräsident Edi Rama hatte die Proteste jedoch heruntergespielt und erklärt, es gebe "keinen Grund zur Sorge", denn das Projekt sei noch nicht genehmigt. Zudem seien Expertinnen und Experten in die Planungen eingebunden. Rama pochte darauf, dass der dort entstehende Tourismus für die Region von Vorteil sei.
Video wurde in Spanien aufgenommen
Eine umgekehrte Bildsuche mit Ausschnitten des kursierenden Clips führte zu einem Video mit besserer Auflösung, das am 31. Mai 2026 auf Facebook gepostet wurde. Der Clip wurde von einem Account gepostet, der regelmäßig Informationen über den spanischen Fußballverein Deportivo de La Coruña veröffentlicht.
Das Video zeigt allerdings keine Demonstrierenden in Albanien, sondern Fans des spanischen Fußballclubs Deportivo de La Coruña. Im Video sind zahlreiche Menschen zu sehen, die blau-weiße Fußballtrikots tragen. Diese entsprechen den Vereinsfarben des spanischen Clubs.
Im Mai 2026 sicherte sich der Fußballclub Deportivo de La Coruña nach acht Jahren wieder einen Platz in der ersten Fußballliga Spaniens, die "La Liga" genannt wird. Der Club beendete die Saison als Zweitplatzierter hinter dem Tabellenführer Racing Santander, der sich, nach einer Abwesenheit von über zehn Jahren, auch den Wiederaufstieg sichern konnte.
Mithilfe von Google Maps konnte AFP den tatsächlichen Ort ausfindig machen, an dem das Video aufgenommen wurde. Im Video ist tatsächlich die spanische Stadt La Coruña zu sehen (hier archiviert).
In einem Vergleich des Videos mit Bildern der Stadt belegen mehrere Referenzpunkte, dass es sich tatsächlich um die Stadt in Spanien handelt. So stimmen beispielsweise die Gebäude entlang der Uferpromenade überein. Auch das Stadion "Pazo dos Deportes de Riazor" ist zu sehen, ebenso wie derselbe begrünte Kreisverkehr.
Zudem waren AFP-Fotografen bei den Protesten im albanischen Dorf Zvernec vor Ort. Bei einem Vergleich der AFP-Fotos von der Demonstration mit dem im Internet kursierenden Video wird deutlich, dass es sich nicht um denselben Ort handelt. Zu den Protesten in Zvernec kamen weit weniger Menschen, als in den online verbreiteten Aufnahmen zu sehen sind . Außerdem gibt es an der Küste dort weder Gebäude noch Straßen:
Die Protestbewegung löste eine Welle von Falschinformationen aus. So entlarvte beispielsweise MAPO, eine albanische Tageszeitung, ein KI-generiertes Bild, das angeblich Busse mit Demonstrierenden aus Griechenland zeigen würde. Ein weiteres Beispiel ist ein KI-generiertes Bild, das angeblich eine israelische Flagge auf dem Stacheldraht in Zvernec zeigen soll. Dies wurde von der albanischen Faktencheck-Organisation Faktoje widerlegt.
Fazit: In sozialen Medien kursierte ein Video, das fälschlich den in Albanien abgehaltenen Protesten gegen den Bau eines Luxusresorts zugeschrieben wurde. AFP-Recherchen ergaben, dass das Video tatsächlich Fußballfans in Spanien zeigt, die den Liga-Aufstieg ihres Clubs feierten.
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