US-Blogger auf Schiff "Hondius" und Covid-Patient von 2021 sind keine "Krisendarsteller"
- Veröffentlicht am 21. Mai 2026 um 14:52
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Anna HOLLINGSWORTH
- Übersetzung und Adaptierung: Johanna LEHN, AFP Deutschland
Der Hantavirus-Ausbruch auf der "MV Hondius" sorgte im Frühjahr 2026 nicht nur für Aufsehen – sondern auch für eine Welle von Desinformation. Ein US-amerikanischer Reiseblogger veröffentlichte ein Video, das er an Bord des Schiffes aufgenommen hatte. Online wurde daraufhin behauptet, er wäre derselbe "Krisendarsteller", der angeblich 2022 in einem BBC-Nachrichtenbeitrag von seiner überstandenen Covid-19-Infektion berichtet hätte. Das ist jedoch falsch. AFP fand keinerlei Hinweise darauf, dass es sich bei den Männern um dieselbe Person handelt oder einer von ihnen ein "Krisendarsteller" ist.
"Sie müssen auch an Schauspielern knapp und ein bisschen verzweifelt sein, wenn sie als Krisendarsteller an Bord des Schiffs MV Hondius den weinenden Blogger Jake Rosmarin eingesetzt haben, der derselbe ist, der 2022 für das Covid benutzt wurde", heißt es in einem Telegram-Beitrag vom 11. Mai 2026. Darin werden zwei Screenshots von Medienberichten geteilt: Einer über den Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff "MV Hondius" im Frühjahr 2026 und einen US-amerikanischen Reiseblogger an Bord des Schiffes. Der andere zeigt einen Bericht über Angriffe auf einen Corona-Patienten im Jahr 2022, der als "Krisendarsteller" diffamiert wurde.
Der Nutzer behauptet, der jeweils abgebildete Mann wäre derselbe. Auch auf Facebook kursiert diese Behauptung. In schwedischen Posts wird außerdem ein Video geteilt, in dem der Reiseblogger "wunderschöne Mädchen" dazu ermutigt, sich impfen oder "boostern" zu lassen, sofern sie dazu berechtigt sind.
Die Verschwörungserzählung über "Krisendarsteller" behauptet fälschlicherweise, Opfer von Katastrophen wären bezahlte Schauspielerinnen und Schauspieler, die von Regierungen oder Interessengruppen engagiert würden, um politische Ziele voranzutreiben. Sie ist ein gängiges Desinformationsnarrativ, das die Realität von Krisenereignissen infrage stellen und Nachrichtenberichte diskreditieren soll. AFP hat bereits in der Vergangenheit über ähnliche Narrative beispielsweise im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg berichtet.
Auf dem niederländischen Kreuzfahrtschiff "Hondius" infizierten sich im April 2026 mehrere Passagiere mit dem Hantavirus. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels waren drei Reisende an der Infektion mit dem Virus gestorben, eine von ihnen war eine deutsche Staatsbürgerin. Weitere deutsche Passagierinnen und Passagiere infizierten sich.
Nach einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP auf Grundlage offizieller Angaben wurde das Virus bislang bei sieben Passagierinnen und Passagiere bestätigt, bei einem achten gilt eine Infektion als wahrscheinlich. Nachdem die Reisenden evakuiert worden waren, erreichte das Schiff am 18. Mai 2026 die Niederlande, wo es mit einer Notbesatzung zur Desinfektion weiterfuhr.
Die "Hondius" startete in der argentinischen Stadt Ushuaia. Forscherinnen und Forscher nahmen nach dem Ausbruch des Hantavirus in den Wäldern um Ushuaia Proben von Nagetieren, um herauszufinden, ob das Virus durch sie übertragen wurde. Die Stadt wehrt sich gegen den Vorwurf, dass die Infektionen dort begonnen haben könnten. Hantaviren verbreiten sich typischerweise über den Urin, Kot und Speichel infizierter Nagetiere. Im Frühjahr 2026 gibt es noch keine Impfstoffe oder spezifischen Behandlungen gegen die Krankheit. Das "globale Risiko", das von dem Ausbruch ausgehe, sei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge "gering".
Für die Behauptung, dass der US-Reiseblogger an Bord der "Hondius" und der Covid-Patient aus dem Artikel der englischen Rundfunkanstalt BBC dieselbe Person wäre, fand AFP jedoch keine Hinweise.
Reiseblogger ist Amerikaner, Covid-Patient Brite
Durch eine umgekehrte Bildsuche konnte AFP das Video des Reisebloggers ausfindig machen. Es wurde am 4. Mai 2026 von dem US-Amerikaner Jake Rosmarin auf seinen Instagram- und Tiktok-Accounts veröffentlicht. Die Aufnahme wurde anschließend von mehreren Medien verwendet, darunter AFP. Das Video, in dem Rosmarin zum Impfen aufruft, postete er während der Covid-Pandemie am 13. Januar 2022 auf seinem Tiktok-Konto.
Der BBC-Artikel in den online geteilten Beiträgen beinhaltet ein Interview mit Henry Dyne, einem Briten, der im Juli 2021 ungeimpft mit einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Der Bericht wurde am 7. Januar 2022 veröffentlicht. Nachdem er bereits in einem früheren Beitrag der BBC aufgetreten war, wurde Dyne zum Ziel von Behauptungen, er habe seine Covid-Erkrankung nur vorgetäuscht und sei von der BBC dafür bezahlt worden.
Die Behauptungen wurden damals von mehreren Faktencheckorganisationen widerlegt. So bestätigten zum Beispiel sowohl die BBC als auch das Londoner King's College Hospital, wo Dyne behandelt wurde, in einem Artikel der Nachrichtenagentur Associated Press von Dezember 2021, dass Dyne tatsächlich ein Patient in der Klinik gewesen war.
Darüber hinaus gibt der Tiktok-Account des US-Reisebloggers Rosmarin keine Hinweise darauf, dass er im Sommer 2021 wegen einer Covid-Infektion im Krankenhaus war oder London besuchte:
Ein Video mit zahlreichen Aufnahmen aus dem betreffenden Sommer, das Rosmarin am 13. September 2021 auf seinem Tiktok-Account veröffentlichte, erwähnt weder eine Coronainfektion noch einen Krankenhausaufenthalt in London. Auch auf seinem Instagram-Account gibt es im Juli 2021 keine Fotos oder Videos, die in London aufgenommen wurden:
Weder Rosmarin noch Dyne antworteten bis zur Veröffentlichung dieses Artikels auf Anfragen von AFP.
Details aus Rosmarins Video passen zu anderen Quellen
Seit Anfang April 2026 veröffentlichte Rosmarin Inhalte von seiner Reise auf der "MV Hondius". In seinem ersten Video vom 4. April 2026 dokumentierte er die Abfahrt des Schiffes aus Ushuaia sowie den ersten Tag der Kreuzfahrt.
Ein Vergleich zwischen Videos von Rosmarins Kabine und Fotos der Innenräume des Schiffes auf der Website des niederländischen Reiseveranstalters Oceanwide Expeditions zeigt, dass die Videos tatsächlich an Bord aufgenommen wurden:
Nach dem Verlassen des Schiffes wurde Rosmarin zusammen mit anderen Reisenden aus den USA am 11. Mai 2026 in das Nationale Quarantäne-Center der University of Nebraska gebracht, wie Medien berichteten. Der in den USA empfohlene Beobachtungszeitraum umfasst 42 Tage.
Details in Rosmarins Videos aus seinem Zimmer im Quarantäne-Center stimmen mit denen auf Fotos auf der Website des Zentrums überein:
AFP widerlegte bereits weitere Falschbehauptungen zum Hantavirus.
Fazit: Der US-Reiseblogger, der sich an Bord der "MV Hondius" beim Ausbruch des Hantavirus im Frühjahr 2026 befand, ist ein anderer Mann als der britische Covid-Patient, dem im Jahr 2021 fälschlich vorgeworfen wurde, als "Krisendarsteller" von der BBC engagiert worden zu sein. Bei dem Reiseblogger handelt es sich um Jake Rosmarin, der damalige Covid-Infizierte ist Henry Dyne. AFP fand keine Hinweise darauf, dass sie als "Krisendarsteller" bezahlt worden wären.
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