Nein, Sonnenblumen spenden sich nicht gegenseitig Energie

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Hunderte User haben seit Mai ein Sharepic auf Facebook geteilt, in dem es heißt Sonnenblumen könnten sich einander zuwenden und so gegenseitig Energie spenden. Laut Experten ist dies aber nicht möglich. Wachsende Sonnenblumen können sich zwar tatsächlich nach der Sonne richten. Energie spenden sie einander aber nicht. 

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptungen zu Sonnenblumen auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Auch auf Instagram verbreitet sich das Bild. 

Die Behauptung: Zu einem online geteilten Bild eines Sonnenblumenfeldes wird erläutert, die Pflanzen wendeten sich der Sonne zu. Weiter heißt zu den Sonnenblumen: "Finden Sie die Sonne nicht, wenden sie sich einander zu und spenden sich gegenseitig Energie."

Facebook-Screenshot der Behauptung: 21.06.2022

Tatsächlich können sich wachsende Sonnenblumen nach der Sonne ausrichten. Dieses Phänomen namens Heliotropismus wurde 2016 in einer Studie verschiedener US-Universitäten beschrieben. Die Forschenden untersuchten dabei, wie wachsende Sonnenblumen eine Art innere Uhr nutzen, um der Sonne im Verlauf des Tages zu folgen. 

Auf der Website der University of California in Davis, einer der zuständigen Universitäten, wird erklärt, wie die heranwachsenden Sonnenblumen zu Beginn des Tages nach Osten ausgerichtet seien und sich dann nach und nach in Richtung Westen wenden. Nachts richteten die Pflanzen sich wieder gen Osten.

In der Studie heißt es weiter, ältere Sonnenblumen, deren Wachstum abgeschlossen sei, blieben ganztags nur noch in Richtung Osten gewendet. Grund für die wechselnde Ausrichtung in jungen Pflanzen seien sogenannte zirkadiane Rhythmen, also die Fähigkeit von Organismen, Abläufe über einen bestimmten Zeitraum zu synchronisieren. Der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen ist beispielsweise ein solcher Rhythmus.

Laut der Studienleiterin Stacey Harmer sind zwei Wachstumsmechanismen im Stamm der Sonnenblumen für die Bewegung verantwortlich. Zum einen hänge die grundlegende Wachstumsrate der Pflanze vom verfügbaren Licht ab. Für die tägliche Ausrichtung nach der Sonne ist aber ein zweiter Mechanismus ausschlaggebend: Der Stamm der Pflanze wachse abhängig von der Richtung des einfallenden Lichts auf einer Seite mehr als auf der anderen. Somit verändere die Sonnenblume ihre Ausrichtung nach dem Stand der Sonne.

Auf der Website der University of Virginia heißt es zu der Studie, einige Pflanzen seien so umgestellt oder befestigt worden, dass diese nicht mehr der Sonne folgen konnten. Die betroffenen Pflanzen hatten in Folge weniger Biomasse, also beispielsweise kleinere Blätter aufgewiesen. 

Die wissenschaftliche Fachzeitschrift "Science" produzierte zudem ein Erklärvideo basierend auf der Studie:

Karl-Josef Dietz, Leiter der Forschungsgruppe Biochemie und Physiologie der Pflanzen an der Universität Bielefeld, erklärte zudem am 15. Juni gegenüber AFP zur inneren Uhr der Sonnenblumen: 

Auch Christoph Neinhuis, Professor für Botanik an der Technischen Universität Dresden, erklärte am 20. Juni gegenüber AFP: "Sonnenblumen können sich während des Wachstums tatsächlich nach der Sonne ausrichten und so im Laufe des Tages die Sprossspitze kontinuierlich weiterdrehen."

Sonnenblumen spenden sich nicht gegenseitig Energie

Zum vermeintlichen Spenden von Energie unter Sonnenblumen erläutert Neinhuis jedoch, die Behauptung stamme wohl aus dem Bereich der Esoterik. "Mir ist keine Form der Energieübertragung zwischen Pflanzen bekannt, es sei denn, sie sind direkt miteinander verbunden."

Dies sei bei sogenannten Halb- oder Vollparasiten der Fall, die teilweise oder vollständig in Abhängigkeit von einer anderen Wirtspflanze leben. Ein Beispiel einer solchen Pflanze wäre die Mistel, die ausschließlich auf anderen Pflanzen lebt. 

Karl-Josef Dietz erläuterte weiter, es gebe keine Energieabgabe oder Energiespenden von einer Pflanze an die andere. Jedoch erwähnt Dietz auch: "Pflanzen geben Moleküle an die Umwelt ab, die teilweise auch Informationen für andere Pflanzen enthalten können, beispielsweise zu einem Befall mit pflanzenfressenden Insekten. Zusätzlich werden Substanzen von den Pflanzen an den Boden abgegeben, die von anderen Lebewesen wie Mikroben und Pilze, eventuell auch andere Pflanzen, aufgenommen werden können."

So erforschte beispielsweise das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie 2015, wie Pflanzen Giftstoffe an den Boden abgeben, um ihr "Revier" zu verteidigen. Eine Studie der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften untersuchte zudem 2018 von Maiskeimlingen unterirdisch abgegebene chemische Sekrete, die Informationen über das Wachstum der Pflanzen kommunizieren. 

Fazit: Heranwachsende Sonnenblumen richten sich tatsächlich nach dem Stand der Sonne aus. Energie spenden sie sich allerdings nicht gegenseitig, wie verschiedene Experten bestätigen.