Dieses Bild zeigt keinen aktuellen Luftangriff im Jemen, es stammt aus dem Jahr 2015

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Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben Mitte März in sozialen Netzwerken das Bild einer Explosion geteilt, die als aktueller Luftangriff im Jemen beschrieben ist. Das Bild stammt allerdings nicht aus dem Jahr 2022, sondern zeigt einen Bombenangriff am 20. April 2015.

Auf einem Foto ist ein Mann zu sehen, der versucht, einer Explosion hinter sich zu entkommen. Die Aufnahme eines vermeintlich aktuellen Luftangriffs haben Mitte März mehr als tausend Menschen auf Twitter geteilt, wo der User eine Entschuldigung für die Falschinformation ergänzte. Aaußerdem sahen Hunderte die Behauptung auf Facebook und Instagram. Nutzerinnen und Nutzer verbreiteten die Aufnahme auch auf Griechisch, Rumänisch, Ungarisch und Bulgarisch.

Die Behauptung: "Ein Bild aus dem Jemen von gestern", beschreiben User die Szene einer Explosion. Dazu stehen noch Zahlen zur Situation im Jemen.

Eine Bildrückwärtssuche führte AFP zu einem Twitter-Beitrag vom 20. April 2015. Das Foto der Explosion steht damit bereits seit mehr als sechs Jahren online. Durch eine Onlinesuche nach einem Anschlag im April 2015 in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa fand AFP einen Artikel der französischen Tageszeitung "Le Monde", der sich auf die Nachrichtenagenturen AP und Reuters bezieht. Zahlreiche Medien (hier, hier, hier) berichteten ebenfalls über den Anschlag. 

Auch AFP berichtete über den Luftangriff am 20. April 2015 und gab an, dass bei Explosionen, die durch zwei Luftangriffe der saudischen Koalition ausgelöst wurden, 28 Menschen getötet wurden. Sowohl AFP als auch "Le Monde" berichteten, dass der Luftangriff ein Raketendepot in Fadsch Attan südwestlich der jemenitischen Hauptstadt zum Ziel hatte.

Bild aus Sanaa im Jemen

Um den Ort der Aufnahme herauszufinden, hat sich AFP Details des Bildes genauer angesehen. Auf dem Foto sind ein Felshang (Kreis 1), eine Reihe von Schildern mit arabischen Schriftzügen (Kreis 2) sowie ein abgerundetes Gitterfenster (Kreis 3) zu sehen.

Hervorhebungen durch AFP im aktuell geteilten Bild

   

Mit diesen Details suchte AFP in Google Earth die Stelle mit dem felsigen Abhang und konnte den genauen Standort des Fotos ausfindig machen.

Screenshot von Google Earth: 15.03.2022; Felsvorsprung von AFP hervorgehoben
Screenshot von Google Earth: 15.03.2022; Schriftzüge (2) und Gitterfenster (3) von AFP hervorgehoben

 

 

Am linken Bild ist der Abhang eingekreist, auf dem rechten Bild ist die Stelle mit den Schildern (Kreis 2) zu sehen. In Kreis 3 ist das Gebäude mit dem Gitterfenster sichtbar. Ein Bild, das an dieser Stelle in Google Earth gepostet wurde, zeigt das Gebäude mit den Gitterfenstern an einer Kreuzung. Ein Vergleich dieses Bildes (rechts) mit dem aktuell verbreiteten Foto (links) zeigt, dass es sich um denselben Ort handelt. Auf beiden Bildern sind das vergitterte Fenster (Kreis 1), ein Werbeschild (Kreis 2) sowie ein Stromkasten (Bild 3) zu sehen.

Vergleich des auf geteilten Bildes (links) und der Aufnahme von Google Earth (rechts)

Die Stelle, an der das Foto aufgenommen wurde, ist auch in der Satellitenansicht erkennbar: 

Screenshot vom 15. März von Google Earth zeigt den Aufnahmeort

Die Explosion aus einem anderen Blickwinkel

AFP hat außerdem ein auf Youtube am 20. April 2015 veröffentlichtes Video gefunden. Internationale Medien wie Euronews und Al-Dschasira veröffentlichten es kurze Zeit später in ihrer Berichterstattung über den Angriff in Sanaa.

Screenshot vom 15. März des Youtube-Videos, Datum von AFP hervorgehoben

Die ähnliche Form der während der Explosion freigesetzten Rauchfahne und die Größe des Feuerballs lassen vermuten, dass es sich um dieselbe Explosion aus einem anderen Blickwinkel handelt. Der Rauch, der im Kreis mit der Nummer 1 auf dem linken Bild aus dem Youtube-Video in den Himmel steigt, ist derselbe wie auf dem rechten Bild aus dem aktuell geteilten Posting. Auch der mit Nummer 2 markierte Feuerball ähnelt sich in den beiden Aufnahmen. Diese Ähnlichkeit ist auch in einem von der BBC verwendeten Reuters-Foto des Anschlags zu sehen.

Screenshot des Youtube-Videos mit Hervorhebungen durch AFP
Screenshot des geteilten Bildes mit Hervorhebungen durch AFP

 

 

Krieg im Jemen

Den aktuell verbreiteten Facebook-Postings zufolge gab es im Jemen seit 2014 ungefähr 24.000 Luftangriffe und mehr als 200.000 Todesopfer. Fünf Millionen Menschen stünden am Rande des Verhungerns, Millionen seien auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Offizielle Zahlen bestätigen diese Behauptungen und einige Quellen deuten sogar auf eine noch schlimmere Lage hin.

Im Dezember 2020 bezeichnete das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) den Jemen-Krieg als "die schlimmste humanitäre Krise der Welt". Bis Ende 2020 hatten demnach fast eine Viertelmillion Menschen ihr Leben verloren.

Das Land wurde durch einen siebenjährigen Bürgerkrieg zwischen den vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen und der Regierung, die von einer von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition unterstützt wird, verwüstet. Wie mehrere Medien, darunter AFP, Reuters, Associated Press, BBC und Al-Dschasira, berichteten, zogen die USA Anfang Februar letzten Jahres ihre Unterstützung für die von Saudi-Arabien angeführte Koalition zurück.

Im September 2019 erklärten die Vereinten Nationen, dass die USA, Großbritannien und Frankreich möglicherweise an Kriegsverbrechen im Jemen beteiligt seien, da sie die von Saudi-Arabien geführte Koalition bewaffnen und mit nachrichtendienstlichen Informationen und Logistik unterstützten. UN-Experten haben auch den Huthi-Rebellen Kriegsverbrechen vorgeworfen. Noch im Februar und März 2022 gab es Angriffe im Jemen, im April verständigten sich die Kriegsparteien auf eine vorübergehende Waffenruhe.

Die Koalition hat seit 2015 mehr als 24.000 Luftangriffe durchgeführt. Das geht aus Daten hervor, die das Yemen Data Project, eine unabhängige Organisation, gesammelt hat. Demnach gab es rund 9000 zivile Todesopfer bei den Angriffen.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen starben im Jemen bis Ende vergangenen Jahres 377.000 Menschen durch direkte und indirekte Auswirkungen des Krieges. Im Oktober beendete die UNO unter starkem Druck von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ihr Mandat und stellten die Überwachung möglicher Menschenrechtsverletzungen durch alle Konfliktparteien ein. Das führte dazu, dass sich die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten im jemenitischen Bürgerkrieg in den vier Monaten nach dem Abzug der UNO fast verdoppelte: 1535 Zivilisten wurden in diesem Zeitraum getötet oder verletzt, wie eine NGO in diesem AFP-Artikel vom Februar 2022 berichtet.  

Von den 31,9 Millionen Menschen im Jemen benötigten 23,4 Millionen humanitäre Hilfe, davon 12,9 Millionen in akuter Not, wie die UNO im März mitteilte. Nach Angaben des Kinderhilfswerks Unicef befinden sich unter den Bedürftigen auch 13 Millionen Kinder. Mindestens fünf Millionen Menschen sind nach Angaben von Unicef, des Welternährungsprogramms (WFP) und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) unmittelbar von einer Hungersnot bedroht. Die Zahl der Menschen, die Nahrungsmittelhilfe benötigen, wird in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 voraussichtlich 19 Millionen erreichen.

Fazit: Ein als aktuell verbreitetes Bild eines Luftangriffs im Jemen ist alt. Es zeigt einen Luftangriff am 20. April 2015. Die Angaben zur humanitären Situation im Posting sind richtig.

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