Dieses Zitat stammt nicht von Angela Merkel, sondern aus einem Film über sie

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Knapp 200 Facebook und tausende Twitter-User haben seit Ende Oktober ein angebliches Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) geteilt. "Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen", sagte die Bundeskanzlerin angeblich. Der Ausspruch stammt allerdings aus einem Film über die Flüchtendenpolitik der Kanzlerin, nicht von ihr selbst. Der Filmemacher bestätigt das.

Auf Facebook haben seit dem 20. Oktober knapp 200 Nutzerinnen und Nutzer das Posting samt vermeintlichem Merkel-Zitat auf Facebook geteilt. Darin zu sehen ist ein Schwarz-Weiß-Bild der Kanzlerin, dazu ein in Anführungszeichen gesetzter Satz: "Wenn Aufregung helfen würde, würde ich mich aufregen." Das Posting verweist auf einen Beitrag auf Twitter als Quelle. Dasselbe Bild und dasselbe Zitat hatten dort zuvor 2600 User retweetet.

Weitere Posts auf Facebook verwenden andere Bilder, aber das gleiche Zitat (hier oder hier). Einige Nutzerinnen und Nutzer sehen dabei einen Zusammenhang mit Merkels Position in der Corona-Krise und schreiben auf Facebook etwa: "Eigentlich bin ich kein Merkel-Fan, aber in der aktuellen Situation bin ich sehr froh, eine wissenschaftlich gebildete, souveräne Bundeskanzlerin zu haben."

Facebook-Screenshot: 02.12.2020

Eine Suche auf Facebook nach dem Zitat zeigt, dass User den vermeintlichen Ausspruch bereits im April dieses Jahres teilten (hier und hier). Unter das Merkel-Zitat mischten sich damals auch Verweise auf einen Film (hier). Im April erschien tatsächlich der ARD-Fernsehfilm "Die Getriebenen" über den Umgang der Bundesregierung mit Flüchtenden im Jahr 2015. "Die Getriebenen" porträtiere die Kanzlerin als "selbst in höchster Anspannung unaufgeregt-gelassene Kanzlerin", schrieb die Süddeutsche Zeitung damals. Das Drehbuch basiert auf einem Sachbuch des Springer-Politikjournalisten Robin Alexander.

Die ersten Postings mit dem vermeintlichen Zitat tauchen kurz nach der Erstausstrahlung des Films am 15. April in den sozialen Medien auf. Darin gibt es tatsächlich bei Minute 44 eine Szene, in der die von Imogen Kogge gespielte Merkel diese Worte zu ihrem Film-Ehemann Joachim Sauer, gespielt von Uwe Preuss, sagt.

Während der Ereignisse im August 2015, urlaubte Merkel im Film wie auch in der Realität im Südtiroler Vinschgau. In der kurzen Filmszene liest Sauer ein Buch, Merkel entspannt sich in einem Liegestuhl. Sauer sagt zu seiner Frau: "Deine Gelassenheit bewundere ich immer wieder." Merkel entgegnet mit geschlossenen Augen: "Wenn Aufregung helfen würde, Problem zu lösen, dann würde ich mich aufregen."

Trailer Screenshot “Die Getriebenen”: 03.12.2020

AFP hat am 2. November mit dem Regisseur und Produzenten, Stephan Wagner, gesprochen. Er bestätigt, dass der Wortwechsel ausgedacht sei. "Wir haben uns in die Figur hineinbegeben. Der Satz ist eine Verlängerung ihrer Haltung in fiktionaler Weise", sagte Wagner in Bezug auf Merkel. Auch die Schauspielerin Imogen Kogge, die Merkel im Film darstellt, wurde bereits im April in einem Interview auf das angebliche Merkel-Zitat angesprochen.

Weiter stellt der Wiener Philosoph Gerald Krieghofer das Zitat richtig. Seit mehr als zehn Jahren sucht er in seinem Blog "Falschzitate" nach entstellten oder erfundenen Aussprüchen. Auch er schreibt auf seinem Blog: "Dieses Bonmot stammt aus dem ARD-Spielfilm ‚Die Getriebenen‘ über Angelika Merkels Flüchtlingspolitik im Jahr 2015, und nicht von der Bundeskanzlerin Angela Merkel." AFP fand auch sonst keine Quellen für eine öffentliche Äußerung des Satzes seitens der Kanzlerin.

Fazit: Nachdem das Zitat im April oft noch im Zusammenhang mit dem Film „Die Getriebenen“ erwähnt wird, verselbstständigt sich das Filmzitat mit der Zeit und wird der Bundeskanzlerin Angela Merkel zugeschrieben. AFP fand keine Belege dafür, dass Merkel den Satz öffentlich je gesagt hat. Der Regisseur des Films selbst verweist außerdem auf den fiktionalen Ursprung des Zitates.