Dieses Video beweist keinen Anschlag in St. Pölten

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User teilen Anfang November hundertfach ein Video auf Facebook, das nach dem Anschlag in Wien angeblich einen weiteren Angriff in einem Ortsteil von St. Pölten beweisen soll. Am 3. November kam es dort aber zu keinem Angriff. Jugendliche hatten lediglich Feuerwerkskörper auf der Straße gezündet.

Das angebliche Anschlags-Video taucht am 3. November auf Facebook auf, User haben es seitdem über hundert Mal geteilt (hier). Zu sehen ist ein dunkler Straßenzug mit geparkten Autos, im Hintergrund knallt es. Am Ende der Aufnahme ruft ein Mann mit österreichischem Einschlag: "Bleib stehen, sonst schieße ich." Um wen es sich dabei handelt, lässt sich nicht feststellen. Ein Angriff selbst ist im Video allerdings nicht zu sehen. In der Beschreibung der Aufnahme heißt es: "Das passiert gerade in Spratzern genauso wie in Wien." Spratzern ist ein Stadtteil der niederösterreichischen Landeshauptstadt St. Pölten.

Facebook-Screenshot: 04.11.2020

Am Abend des 2. Novembers hatte es in Wien einen terroristischen Anschlag gegeben, bei dem ein Angreifer vier Zivilisten in der Innenstadt tötete (mehr dazu hier). In St. Pölten durchsuchten daraufhin am Morgen des 3. Novembers Spezialeinheiten Wohnungen, deren Bewohnerinnen und Bewohner in Kontakt mit dem mutmaßlichen Attentäter gestanden haben sollen.

Laut des aktuell geteilten Facebook-Postings soll es in St. Pölten jetzt zu einem vergleichbaren Angriff gekommen sein. AFP hat die Polizei Niederösterreich dazu befragt.

Nach Angaben eines Sprechers ging im Stadtteil Spratzern um 17.54 Uhr eine Lärmbeschwerde ein. Eine Streife habe sich dann auf den Weg in die Spratzener Hauptstraße gemacht und "beamtshandelte drei Jugendliche", die dort Böller gezündet hatten.

Um 18.19 Uhr taucht dann das Video auf. Die Aufnahme habe zahlreiche Menschen beunruhigt, die sich meldeten, sagt der Polizeisprecher zu AFP. Um 20.43 Uhr habe die Polizei das Video zum ersten Mal zugeschickt bekommen, so der Sprecher.

Beamte seien deshalb sofort die Gegend abgefahren, konnten aber weder einen Angreifer noch eine andere drohende Gefahr feststellen. Kurze Zeit später korrigiert die Polizei auf ihrem Facebook-Account die Behauptung aus dem Facebook-Posting und ruft dazu auf, keine Falschmeldungen zu verbreiten: "Derzeit kursiert ein Video, auf welchem angeblich eine Schiesserei in Spratzern/St. Pölten zu hören ist. Dazu ist kein Einsatz bekannt! Unsere KollegInnen sind aber dennoch sensibilisiert. Bitte helfen Sie uns, indem Sie Falschmeldungen nicht weiter verbreiten!"

In der Kommentarspalte des Videos selbst weisen bereits zahlreiche User darauf hin, dass es andere Quellen für die Knaller geben könne. Viele vermuten dahinter auch den nahe gelegenen Schießplatz in Völtendorf, an dem Polizei, Bundesheer und der Heeressportverein trainieren. In der Vergangenheit gab es immer wieder Beschwerden von Anrainern über Schussgeräusche am Abend.

AFP hat das Bundesheer kontaktiert. Am 3. November sei dort zwar geschossen worden, allerdings sei die Übung schon am Nachmittag beendet worden. Zu der Zeit war es noch hell, im Video ist es aber dunkel. Prinzipiell können Soldatinnen und Soldaten auf dem Schießplatz auch abends trainieren, bestätigen Bundesheer sowie ein Vertreter des Heeressportvereins. Allerdings sei im laufenden Jahr erst einmal nach 20.00 Uhr geschossen worden, so der Sprecher des Bundesheeres.

Fazit: Am Abend des 3. Novembers kam es im St. Pöltener Stadtteil Spratzern zu keiner Schießerei. Allerdings hatten Jugendliche in der Gegend Böller gezündet. Die Polizei rief bereits auf sozialen Medien dazu auf, das Video nicht weiter zu teilen.