Dieses Demoplakat vor einem "Schwarzen Block" ist gefälscht

Copyright © AFP 2017-2021. Alle Rechte vorbehalten.

Seit dem 2. Mai haben Hunderte Nutzerinnen und Nutzer ein Foto auf Facebook geteilt, auf dem eine protestierende Menschenmasse bei einer Demo zu sehen ist. Vor sich trägt dieser "Schwarze Block" ein Banner, das für Weltoffenheit wirbt. Die Aufnahme wurde jedoch manipuliert, tatsächlich richtete sich das Plakat gegen "Sicherheitswahn und Überwachungsstaat". Das Bild ist auch nicht aktuell, sondern stammt aus dem Dezember 2007 aus Hamburg.

Dicht gedrängt demonstrieren Tausende schwarz gekleidete Personen eines "Schwarzen Blocks", im Hintergrund schwenken Menschen Antifa-Flaggen. Vor sich trägt der Demozug ein violettes Plakat mit der vermeintlichen Aufschrift "bunt gewaltfrei weltoffen tolerant". Hunderte Nutzerinnen haben diese Aufnahme seit dem 2. Mai auf Facebook und Twitter geteilt. Dazu heißt es etwa "Realsatire BRD" oder "Bunt? Ich seh nur schwarz."

Facebook-Screenshot: 03.05.2021

Am Tag der Arbeit haben auch in diesem Jahr weltweit Demonstrationen stattgefunden. Bei der Revolutionären 1. Mai-Demo in Berlin war es dabei abends zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei gekommen (mehr dazu hier). Das aktuell geteilte Foto taucht kurz nach diesen Ereignissen auf Social Media auf. Es ist allerdings bereits Jahre alt – und manipuliert.

AFP hat zunächst mit einer Bildersuche nach der Aufnahme gesucht. Sie führte zu einigen Blogbeiträgen über den sogenannten "Schwarzen Block", die ein ähnliches Foto verwenden (hier, hier). Beim "Schwarzen Block" handelt es sich um eine Demonstrationtaktik, bei der schwarze Kleidung und Vermummung zum Einsatz kommen (mehr dazu hier). 

​Entscheidender Unterschied zur aktuell kursierenden Aufnahme: Auf dem Demobanner in den Blogs steht nicht "bunt gewaltfrei weltoffen tolerant", sondern "Feuer und Flamme der Repression. Gegen Sicherheitswahn und Überwachungsstaat. Unsere Solidarität gegen ihre Repression".

Andere Details der Bilder, wie die Körperhaltung einzelner Personen, die Positionierung der Flaggen oder ein im linken unteren Bildrand verpixelter Mann stimmen hingegen überein:

links das aktuell geteilte Foto, rechts die Aufnahme vom 15.12.2007 der "Autonomen NewsflasherInnen"

Mit den Schlagworten "Überwachungsstaat" und "Sicherheitswahn" hat AFP nach Ereignissen gesucht. Die "Welt" sowie der NDR berichtete über eine Demo am 15. Dezember 2007 in Hamburg und verwendeten ähnliche Aufnahmen. Die Kundgebung mit rund 3000 Demonstrierenden richtete sich den Berichten zufolge gegen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft in der linken Szene. Anlass war der sogenannte "Terrorismus-Paragraf" 129a des Strafgesetzbuches. Die Demonstrierenden kritisierten, dass dieser den juristischen Ansatzpunkt für Hausdurchsuchungen in der linken Szene liefere.

Das Originalfoto lud der Account "Autonome NewsflasherInnen" bei Wikimedia hoch, ebenfalls mit Bezug auf das Datum 15. Dezember 2007. Er beschrieb das Bild mit den Worten: "Demonstration in Hamburg mit Schwarzem Block an der Demospitze". Ein Account mit demselben Namen veröffentlichte 2007 außerdem einen detaillierten Demobericht über eine "Bundesweite Antirepressionsdemo" auf der Plattform "Indymedia".

In diesem Bericht ist ein weiteres Foto des violetten Banners zu sehen. Ein nahezu identisches Bild der Demonstration nahm außerdem dpa-Fotograf Bodo Marks auf. Im Fotoarchiv der dpa (Paywall) ist es so beschrieben: "Zahlreiche Teilnehmer demonstrieren am Samstag (15.12.2007) im Hamburger Schanzenviertel bei der Demonstration 'Out of Control'." Die "Welt” verwendete in ihrem Bericht ein ähnliches dpa-Foto. Ein Video über die Demo zeigt das Banner ebenfalls.

Schon 2017 hatte die AfD-Politikerin Heike Themel das manipulierte Bild über die Weltoffenheit geteilt und in den Kontext von Protesten gegen den AfD-Parteitag 2017 in Köln gesetzt, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtete.

Fazit: Das Bild ist nicht aktuell, es stammt von einer Demonstration im Dezember 2007. Außerdem ist der Demospruch auf dem violetten Banner manipuliert. Ursprünglich war darauf ein anderer Slogan zu sehen, der sich gegen den Überwachungsstaat richtete.