Dieser Soldat trägt keinen Esel durch ein Minenfeld

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben auf Facebook im April das Bild eines Soldaten geteilt, der einen Esel auf seinen Schultern durch ein Feld trägt. Dabei handele es sich um ein Minenfeld, heißt es. Um eine lebensgefährliche Explosion durch den unbedarften Esel zu verhindern, müsse der Esel auf den Schultern getragen werden. Der Soldat trug den Esel jedoch lediglich, weil dieser von Hunger geschwächt war, ein Minenfeld gab es nicht.

Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen Soldaten, der auf seinen Schultern einen Esel durch hüfthohes Gras trägt (hier, hier, hier). "Er trägt das Tier nicht aus Spaß oder übertriebener Fürsorge. Er trägt den Esel, weil die Truppe sich durch ein Minenfeld bewegt. Hätte man den Esel frei herumlaufen lassen, dann hätte er wahrscheinlich Minen ausgelöst und dadurch sich und viele Legionäre in Lebensgefahr gebracht", erklärt ein Posting den Grund. In einigen Postings heißt es zum Kontext der Aufnahme noch, dass aus dem Algerienkrieg 1958 stamme.

Facebook-Screenshot: 21.04.2021

Eine Rückwärtssuche nach dem Esel-Foto führt zu einem französischen Blog. Dort ist das Foto so beschrieben: "Im Jahr 1958 fand ein Legionär der '13' (13. Demi-Brigade der Fremdenlegion) im Einsatz einen Esel, der im Djebel verhungerte (nordafrikanische Bezeichnung für Bergregion, Anm. d. Red.). Der Legionär bringt ihn zurück zur Basis und das Tier wird unter dem Namen 'Bambi' zum Maskottchen der Einheit."

Der Blog gibt außerdem an, dass das Foto in der britischen Zeitung "Daily Mail" erschienen sei. Eine Suche nach den englischen Begriffen "Esel“, "Daily Mail“ und "1958" führte zur Titelseite einer Zeitung. Allerdings ist es eine Ausgabe des "Daily Mirror“ vom 19. September 1958, die auch im britischen Zeitungsarchiv zu finden ist.

Im Daily Mirror ist zu lesen: "Hier ist ein Soldat, der die Eselsarbeit macht und sie genießt. Er ist ein hartes Mitglied der französischen Fremdenlegion mit einem weichen Herzen – ein Herz, das berührt wurde, als er und seine Kameraden das von seiner Mutter verlassene Eselbaby in einem heißen algerischen Tal fanden." Und weiter: "Die Truppen, die gegen Terroristen patrouillierten, beschlossen, den kleinen Esel als ihr Maskottchen zu adoptieren. Aber der Esel war schwach vor Hunger und konnte nicht mit der Legion mithalten. Es sah so aus, als würde er zurückgelassen werden. Dann kam ein Mann mit einem Minenwerfer, der bereits durch das Gewicht der Ausrüstung, die er trug, beschwert war. Anstatt den Esel dem Tod zu überlassen, legte er ihn auf seine Ausrüstung und trug ihn wie ein 'Lasttier' zurück zur Basis."

Den Fotograf des Bildes nennt Daily Mirror nicht, genauso wenig wie den angeblichen Umstand, dass die Soldaten sich im Foto durch ein Minenfeld bewegen.

Gegenüber AFP bestätigte Douglas Porch, dass das Bild in Algerien im Jahr 1958 entstanden sein muss. Porch ist Historiker und Autor des Buches "Die französische Fremdenlegion: Eine vollständige Geschichte der legendären Kampftruppe". Er sagte, dass Passagen zwischen Minenfeldern mit Klebeband markiert wurden und Soldaten und Fahrzeuge darauf achteten, auf diesen Straßen zu bleiben. "Außerdem waren es die Franzosen, nicht die algerische Nationale Befreiungsfront (FLN), die die Minen im Lande platziert haben", sagte er. Er fügte hinzu, dass die FLN "Bomben einsetzen konnte, besonders während der sogenannten Schlacht von Algier 1956. Aber das Legen von Minenfeldern überstieg ihre Möglichkeiten."

Porch sagte weiter, dass das Foto auch in "Képi Blanc", dem Magazin der französischen Fremdenlegion zu sehen ist. Das Bild taucht außerdem auf einer Website über die französische Fremdenlegion auf. Dort wird der Aufnahmeort als die Region von Edgar Quinet beschrieben, heute Kaïs genannt.

Im Algerienkrieg von zwischen 1954 und 1962 erlangte das nordafrikanische Land Unabhängigkeit. Bis dahin war es eine Kolonie Frankreichs gewesen.

Fazit: Der Soldat trug den Esel nicht, weil er durch ein gefährliches Minenfeld geht, sondern weil das Tier geschwächt war. Die in den Postings auf Gegnerinnen und Gegner der Corona-Maßnahmen übertragene Moral der Geschichte, der Esel müsse unter Kontrolle gebracht werden, um die anderen nicht durch dessen unüberlegte Handeln zu gefährden, funktioniert damit nicht.

Anmerkung: Das Posting der Facebookseite “AFP Deutschland” steht in keinem Zusammenhang mit der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP).
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