
Diese Fotos beweisen keine Nähe Merkels zum NSU
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- Veröffentlicht am 22. Februar 2021 um 17:20
- Aktualisiert am 22. Februar 2021 um 17:33
- 3 Minuten Lesezeit
- Von: Eva WACKENREUTHER, AFP Österreich, AFP Deutschland
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Seit 20. Februar 2021 haben Hunderte Facebook-Nutzerinnen und Nutzer die vermeintlich überführende Collage von Angela Merkel auf Facebook geteilt. Auch auf Telegram sahen sie Zehntausende. Verschwörungsmythische Blogs aus aller Welt verbreiten die gezeigten Bilder seit Jahren (hier, hier, hier). Wahlweise soll die Collage Angela Merkels Neonazi-Vergangenheit belegen oder sogar zeigen, dass sie die Tochter Adolf Hitlers sei.
Auf den fünf Aufnahmen ist Angela Merkel im Gespräch mit Skinheads zu sehen. Außerdem ist da ein junger Mann, der den Arm zum Hitlergruß hebt. Dazu heißt es in dem Posting: "BOOOOOMMMMM !!! Die Raute früher in trauter Eintracht mit den zwei alten Bekannten: UWE MUNDLOS & UWE BÖHNHARDT Jetzt wißt ihr auch, warum die NSU Akte auf Geheiß von ‚Mutti‘ für 125 Jahre (!!!!) unter Verschluß bleiben soll … !!! 2 sind tot und Zschäpe schweigt." Die Beschreibung tauchte 2020 in einem mittlerweile gelöschten Posting auf Facebook auf und erlangte damals ebenfalls 1500 Shares.

Bei der NSU-Mordserie handelte es sich um eine rassistisch motivierte Mordserie zwischen 2000 und 2007, der zehn Menschen zum Opfer fielen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die 2011 mutmaßlich durch Suizid starben, gelten neben Beate Zschäpe als Haupttäter. Der Prozess gegen Zschäpe, die 2018 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, war eines der langwierigsten Strafverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik (mehr dazu hier oder hier). Mundlos kam im August 1973 zur Welt, Böhnhardt vier Jahre später.
Eine Rückwärtssuche nach den Bildern zeigt: Die Fotos von Merkel zeigen sie tatsächlich mit rechten Jugendlichen, allerdings bei Besuchen als Politikerin in rechtsradikalen Jugendklubs 1992 und 1993, die mit den NSU-Terroristen Böhnhardt und Mundlos nichts zu tun haben.
Nachdem Angela Merkel 1991 Bundesjugendministerin geworden war, startete sie das "Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt" (AgAG), bei dem sie rechtsradikale und auch linke Jugendtreffpunkte besuchte. Das Programm erntete durchaus auch Kritik, die "Zeit" titelte im August 1993 etwa "Glatzenpflege auf Staatskosten".
Bild 1, 2 3 und 4 stammen von einem dieser Besuche. Der Blog "Ost:Blog", ein Projekt der Zeitschrift "telegraph", veröffentlichte sie im März 2003 in einem Artikel über den Umgang deutscher Politik mit Rechtsextremismus. Bild 3 beschreibt der Blog so: "Wenige Monate nachdem der 23-jährige Torsten Lamprecht 1992 bei einem Überfall von etwa 60 Skinheads auf einer Punk-Fete in dem Magdeburger Lokal ’Elbterrassen’ mit einem Baseballschläger ermordet wurde, besuchten Anfang 1993 die Ministerinnen Angela Merkel und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger einen Magdeburger Jugendklub. Dieser Jugendklub wurde damals von den lokalen antifaschistischen Gruppen als Nazi-Treffpunkt eingestuft. Unter den Jugendlichen vermuteten sie auch Beteiligte des Skinhead-Überfalls." Am 6. April 1993 trafen Merkel und die damalige Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) im Magdeburger Jugendklub "Brunnen" tatsächlich mehrere Skinheads zum Gespräch, wie aus einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa hervorgeht.
Bild 5 entstand am 31. August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, wo es kurz zuvor zu schweren ausländerfeindlichen Ausschreitungen gekommen war. Die "Süddeutsche Zeitung" verwendete die Aufnahme des dpa-Fotografen Bernd Wüstneck etwa 2017 in einem Bericht über einen Besuch Merkels und beschreibt es in der Bildunterschrift so: "Angela Merkel, damals Jugendministerin, spricht am 31. August 1992 nach den Rostocker Ausschreitungen mit rechtsgerichteten Jugendlichen im nahe gelegenen Jugendclub Groß-Klein." Ein Filmausschnitt von "report München" zeigt Merkel ebenfalls im Gespräch mit den Jugendlichen.
Auch wenn das Alter von Mundlos und Böhnhardt grob zu den jungen Männern in der Collage passen könnte – Böhnhardt kann unmöglich im April 1993 Merkel in Magdeburg getroffen haben. Im Februar 1993 war er nämlich gerade wegen mehrerer Diebstähle und Körperverletzung zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden. Mundlos war zu dieser Zeit genauso wie Böhnhardt vorwiegend in Jena unterwegs. Dass er Teil der Jugendlichen war, die Merkel in Rostock und Magdeburg traf, ist also unwahrscheinlich. Selbst wenn: Die behauptete "traute Eintracht" ließe sich auf den Aufnahmen nicht ablesen, Merkel diskutierte mit den Skinheads nur im Rahmen des Aktionsprogramms gegen Gewalt.
Ältere Faktenchecks von Correctiv, Mimikama und dpa kommen unabhängig voneinander zur selben Einschätzung. Teils kommen die Namen von Mundlos und Böhnhardt in den älteren Behauptungen zu den Bildern noch gar nicht vor.
Die NSU-Akte sollte ursprünglich übrigens tatsächlich beinahe so lange unter Verschluss bleiben, wie das Posting behauptet (mehr dazu hier). Die Sperrdauer wurde mittlerweile aber auf 30 Jahre befristet.
Fazit: Die Bilder zeigen Merkel 1992 und 1993 bei zwei Besuchen von rechten Jugendklubs in ihrer Funktion als Bundesjugendministerin in Rostock und Magdeburg, nachdem es dort jeweils zu Ausschreitungen durch Rechtsradikale gekommen war. Sie beweisen keine Nähe von Angela Merkel mit Mitgliedern des NSU.